Süddeutsche Zeitung

Rothenburg ob der Tauber:Eine Stadt, die schön scheint

Was macht der Tourismus mit dieser Kleinstadt, die sich als Märchen aus dem Mittelalter verkauft? Besuch in einem Ort, der von Urlaubern lebt - aber mehr sein möchte als nur Kulisse.

"Wie bei Cinderella daheim." "Gleich kommt eine Fee um die Ecke." "Fabelhaft." Wenn Besucher Rothenburg ob der Tauber beschreiben, mit seinem Fachwerk und den bunten Bürgerhäusern, von einer Stadtmauer und Türmen schützend umringt, fallen vielen nur noch Märchenfloskeln ein. Die fränkische Kleinstadt im Dreieck zwischen Heilbronn, Würzburg und Nürnberg wirkt wie aus dem Mittelalter in die Moderne gezaubert. Dass dieses historische Original fast zur Hälfte nach einem Bombenangriff 1945 wieder aufgebaut werden musste, sieht und weiß fast keiner.

Das soll so sein, schließlich ist der pittoreske Anblick die wichtigste Zutat, um weiter Urlauber aus Asien, den USA, Europa und auch Deutschland anzulocken. Doch wie lebt es sich in einer Stadt, die für Touristen die ideale Selfie-Kulisse ist?

Gut, sagt Walter Hartl. Das muss er, er ist seit 2006 Oberbürgermeister von Rothenburg. Allerdings ist Hartl inzwischen selbst in ein Haus mitten in der Herrngasse gezogen. Von hier aus hat er das Rathaus und den Marktplatz im Blick und die Hauptroute der Urlauber, die weiter zum Burggarten wollen, vor der Tür. Doch Hartl genießt es, mit einem Schritt "im Leben" zu stehen und auf der Rückseite des Hauses seine Ruhe zu haben. Eigentlich sei das in der ganzen Altstadt so: In einigen Gassen - alle Straßen innerhalb der Stadtmauer heißen Gassen, egal wie eng oder breit sie sind - prägt ein ständiges Kommen und Gehen und Fotografieren das Bild.

"Aber ein paar Meter weiter ist man ganz allein", betont Hartl. Es ist ihm wichtig, diese unbekannte Seite zu zeigen, die auf und vor der Stadtmauer zu finden ist, aber auch in kleinen Nebenstraßen. Denn Rothenburg ist zum geflügelten Wort für Overtourism geworden, noch bevor dieser Begriff modern wurde, der Touristenmassen beschreibt, die den Einheimischen zur Last werden. Der Ort wurde als Negativbeispiel bei der Talkshow "Hart aber fair" genannt und bei einer Tagung andere Stadtherren wurden diese vor einer "Rothenburgisierung" gewarnt. Das alles ärgert Hartl: Es treffe einfach nicht zu.

Früher vielleicht, vor seiner Amtszeit: Da durften Gastronomen noch keine Tische auf die Plätze stellen. Die Touristen wurden durchgeschleust und verweilten nicht, obwohl es doch so schön war. Und Rothenburger, die außerhalb der historischen Stadtmauer lebten, hatten keinen Grund, in die Altstadt zu kommen. So waren die Gassen voll, aber dennoch ohne Leben.

Heute, wenn Oberbürgermeister Hartl an lauen Abenden sein geräumiges Büro im zweiten Stock des Rothenburger Rathauses verlässt, die enge Wendeltreppe hinabsteigt und vor das Tor tritt, muss er sich manchmal seinen Weg zum Marktplatz, an dessen Rändern Cafés und Restaurants ihre Gäste draußen bewirten, mit vorsichtigen Schritten bahnen: "Abends sitzen die Menschen auf den Rathaustreppen, das freut mich." Doch die Freude ist nicht ungetrübt, selbst bei Hartl nicht: Zu viele lassen ihren Müll liegen - irgendjemand wird in dem malerischen Rothenburg schon dafür bezahlt werden, hinter den Besuchern herzukehren.

Die Welt ist zu Gast, jeden Tag

"Was soll da ein Gast aus Japan sagen?", fragt sich der Bürgermeister. Er hat selbst gesehen, dass es in Tokio nicht nur sauber ist, sondern rein. Dagegen könnte sein durchaus aufgeräumtes Städtchen beinahe verlottert wirken. Bis der Straßenkehrer kommt.

In Rothenburg sieht man die Stadt auch mit den Augen der anderen, schließlich ist die Welt zu Gast, jeden Tag. Und: Sie ist im Gegensatz zu Dubrovnik oder Barcelona noch immer willkommen. Meistens jedenfalls.

11 000 Einwohner leben in der Kleinstadt, davon 2500 in der Altstadt, die jedes Jahr Ziel von 340 000 Urlaubern ist, die über Nacht bleiben. Die etwa 1,7 Millionen Tagesgäste, die auf eigene Faust oder mit Bussen anreisen, sind da noch nicht mitgezählt. Weil von Januar bis März weniger los ist, bleiben neun Monate, in denen am Tag auf einen Altstadtbewohner drei Touristen kommen.

Sie alle haben das gleiche Ziel und viele nehmen denselben Weg: gegenüber von den Busparkplätzen durch die wehrhafte Spitalbastei, die heute allen und sogar Autos offensteht, hinauf zum "Plönlein", um gleich eines der meistfotografierten Gebäude-Ensembles in Rothenburg abzuhaken, und weiter hoch die Schmiedgasse bis zum Marktplatz am Rathaus.

In kleinen Prozessionen spazieren Gruppen gemächlich den hochgereckten bunten Schildern ihrer Führer nach, womit sie als Ausflugsgruppe einer Flusskreuzfahrt erkennbar sind. Auf der Tauber selbst ist diese Schifffahrt nicht möglich, aber im nahen Würzburg wird angelegt.

Die wenigen Einheimischen, die an einem Werktag in der Altstadt zwischen Spaniern, Amerikanern, Russen und Schwaben unterwegs sind, erkennt man an ihrer doppelt so schnellen Gehgeschwindigkeit. Daran, dass sie ein Ziel haben und keine Souvenirtüte in der Hand. Oder daran, dass sie ihren Hund ausführen wie Andreas Baatz. Zu Hause macht sich der sportliche Mann mit den kurzgeschorenen Haaren ein Spiel daraus, bei geöffnetem Fenster zu erraten, in welcher Sprache sich die Menschen darunter unterhalten.

"Neugier ist doch normal"

Das stört ihn nicht, auch wenn an der Nachtwächter-Führung schon mal 300 Leute teilnehmen. Aber Rothenburg sei ja kein Ziel von lautstarken Partytouristen. Dass Besucher neugierig in den Hof schauen, "ist doch normal, das kann ich ihnen nicht vorwerfen". Und schließlich profitierten auch Einwohner wie er davon, dass die Stadt einen guten Eindruck machen will, "das fängt schon bei den Blumen im Burggarten an".

Und davon, dass Konkurrenz das Geschäft belebt: Bei dieser Restaurantdichte seien die Preise unschlagbar, der Umgang mit Gästen professionell. Baatz hat auch deshalb einen anderen Blick auf Rothenburg, weil er selbst im Tourismus arbeitet und Kanutouren anbietet. "Wenn wir da am Unstrut-Radweg in Gaststätten einkehren, merkt man: Die braten vielleicht zweimal am Tag ein Schnitzel." Diese seien dann zwar gut, aber für die Gastronomen sei der Aufwand für so wenige Gäste außerordentlich hoch.

So positiv wie Andreas Baatz sieht nicht jeder Rothenburg: Sein Zwischenmieter wollte nach kurzer Zeit nichts wie weg aus dieser Altstadt. Nur im Advent wird es selbst Baatz fast zu viel. Dann ist Reiterlesmarkt, der "komplette Wahnsinn". Dabei ist in Rothenburg eigentlich immer Weihnachten.

Eine Frau mit dunkel gefärbten Haaren, die eine Tüte mit aufgedrucktem Christbaum trägt, stöhnt laut auf: "Ich hab jetzt genug von Weihnachten." Der gebrechliche Mann neben ihr stützt sich schwer auf seinen Rollator: "Ja, das war jetzt die volle Dosis." Die bekommt man in "Käthe Wohlfahrts Weihnachtsdorf". Vor der Tür steht ein riesiger Nussknacker, in der Herrngasse parkt ein - natürlich disneymärchenhafter - schwarz-roter Oldtimer-Bus mit bunten Geschenken auf dem Dach. Er ist nach dem Plönlein wohl das meistfotografierte Motiv in der Stadt.

Auch im Laden herrscht akuter Kitsch-Alarm, es blinken Lichterketten an Christbäumen, Stofftiere von Steiff animieren winkend zum Kauf, es gibt Glaskugeln, Krippen und hölzerne Adventskalender, die eine mittelalte Kundin aus den USA verzücken: "Adorable! If we had this when the kids were young ..." Einen Gang weiter prallt der kommerzialisierte Zauber der Weihnacht an einer Frau ab, deren Kindheitserinnerung an das Glück der Bescherung ebenfalls schon Jahrzehnte alt ist: "Den ganzen Kram hat meine Mutter gerade weggeworfen, das war viel zu viel."

Offenbar eine nüchterne Ausnahme: Vor der Kasse bildet sich eine Schlange, dahinter rotieren vier Verkäuferinnen. Wer nun noch sehen möchte, wie Heiligabend früher war, geht hinauf in den ersten Stock ins Weihnachtsmuseum. Wer eher wieder zur Besinnung kommen will, lässt das Christmaswonderland hinter sich und biegt nach Norden in die Kirchgasse ein.

Der wahre Schatz ist hölzern

Nach wenigen Metern steht man vor der Jakobskirche mit ihren zwei unterschiedlich hohen Türmen. Im Inneren der gotischen Kirche, die evangelisch ist, aber nicht so aussieht, befindet sich ein Meisterwerk. Prunkvoll leuchtet der goldverzierte Zwölfboten-Altar an der Stirnseite der Kirche. Doch nicht seinetwegen kommen die Besucher, sondern wegen des hölzernen Heiligblutaltars auf der Empore.

Der berühmte Bildschnitzer Tilman Riemenschneider hat den filigranen Flügelaltar gefertigt: ein versöhnliches Bild vom Abendmahl, in dem Judas im Mittelpunkt steht und nicht Jesus. So ganz genau weiß mancher Besucher allerdings nicht, was ihn in der Kirche erwartet: "Es wurde schon nach dem Romy-Schneider-Altar gefragt", erzählt Oliver Gußmann, der hier als Pilger- und Touristenpfarrer wirkt.

Währenddessen bemüht sich ein Paar redlich, umsonst Einlass zu erhalten: "Wir zahlen Kirchensteuer, allerdings an die Katholiken ... das zählt wohl nicht?" Zumindest nicht hier, denn für den Erhalt des Gotteshauses und der kunstvollen Altäre kommt kein Steuergeld an, so dass von Erwachsenen 2,50 Euro Eintritt verlangt wird, außer zu Gottesdiensten. "Das Eintrittsgeld ist schwierig, wenn Leute nur in die Kirche wollen, um zu beten", findet Gußmann. Nur: Allein könnte die Gemeinde das Gotteshaus nicht finanzieren. Doch die halbe Stunde Orgelmusik am späten Mittwochnachmittag ist frei, dann sitzt eine internationale Zuhörerschaft auf den Bänken.

"Meist ist es so, dass unter der Woche Kirchenmuseums-Besucher kommen und die Einheimischen am Sonntag zum Gottesdienst", meint Gußmann - ohne die Touristen wären die Gänge und Bänke an Wochentagen leer. Dann lieber Besucher, denen Kirchenführer die christlichen Geschichten über die Heiligen näherbringen.

Tatsächlich wäre es schwierig, die Kirche offen zu halten, wenn weniger Menschen in die Jakobskirche kämen, noch weniger: Vor zehn Jahren waren es ohne Gruppen noch knapp 100 000 Besucher, nun sind es nicht mal 70 000 Menschen.

Der Pfarrer arbeitet seit dem Jahr 2000 in der Stadt, damals sah er manche mit bedruckten T-Shirts herumlaufen: Ich bin kein Tourist, ich wohne hier. Heute höre er nur noch vereinzelt Stimmen, die sich über nächtlichen Lärm auf dem Marktplatz und in der Herrngasse beklagen.

Direkt vor der Jakobskirche steht ein Modell von Rothenburg, so ist die Stadt für Blinde ertastbar und für diejenigen überschaubar, die nicht über die steile Wendeltreppe auf den Rathausturm steigen wollen. Hier sieht man, wie die kleine Stadt im Mittelalter wuchs, ein zweiter Mauerring wurde notwendig. Bezahlt haben ihn im 14. Jahrhundert vor allem die Juden der Stadt mit einer Sondersteuer, die eigentlich ein Schutzgeld war, damit sie unbehelligt in Rothenburg leben konnten. Doch ihren Frieden konnten sie nicht erkaufen, die jüdische Geschichte in Rothenburg ist immer wieder eine Geschichte der Vertreibung.

Schmucke Schmiede statt schlichter Scheune

Zwar war die Judengasse einst kein Ghetto, auch Christen wohnten hier. Doch die Gewalt des Erdbebens, das einst die Burg zerstört haben soll, die Rothenburg den Namen gab, reichte wohl gar nicht bis hierher: "Wahrscheinlicher ist leider, dass bei einem Pogrom Juden in der Burg verbrannt wurden", meint Oberbürgermeister Hartl. Nach anderen Quellen flüchteten sich die Menschen in die Burg, mussten sich nach einigen Tagen aber ergeben und wurden umgebracht. Es sollte nicht der letzte Pogrom sein in der Stadt, die manchmal nur von außen schön ist.

Dass Rothenburg wie eine Kulisse wirkt, liegt auch daran, dass die Altstadt teilweise filmreif wieder aufgebaut wurde: 40 Prozent waren nach den Angriffen alliierter Brandbomber ausgerechnet am Karfreitag 1945 vernichtet, Jahrzehnte lang entstanden die Gebäude nach strengen Plänen neu - etwas besser als das Original. Die Giebelhöhen wurden angeglichen, die Dächer ausgefallen spitz; wo früher eine schlichte Scheune stand, wurde eine schmucke Schmiede errichtet.

Doch die Straßen blieben so schmal wie früher. Das Mittelalter-Gefühl sollte nicht verloren gehen, im Gegenteil. Daher tun sich auch heute manche Besucher mit den ungewohnten Pflastersteinen schwer, die sich auf dem vielbegangenen Marktplatz zu sanften Wellen gehoben und gesenkt haben. Wo Straßen saniert werden, wird zwar auch an Kinderwagen, Gehbehinderte und Rollstuhlfahrer gedacht. Aber ein Verzicht auf das Pflaster könnte teuer werden, auf lange Sicht: Es gehört einfach zur Disney-Vision, die Besucher vorfinden wollen. Das Städtchen inspirierte die Zeichner von Walt Disney zu dem verschneiten Dorf, dem Geburtsort von "Pinocchio". Das Haus des alten Geppetto stünde direkt am fotogenen "Plönlein".

Mit ihrer Optik begeisterte die Stadt schon früh - erst Maler um 1900 vor allem aus England, die von dem romantischen Anblick hingerissen waren. Und dann die Nationalsozialisten, die nach ihren Reichsparteitagen in Nürnberg einen Ausflug machten in die "deutscheste aller Städte", so die Propaganda. Sie waren hochwillkommen, die Saat des Judenhasses war hier längst aufgegangen: Aus Rothenburg waren die Juden schon vor der Reichspogromnacht im November 1938 vertrieben worden. Dieses Rothenburg war ein Symbol, das die Bombardierung der Alliierten beinahe auslöschte.

Eigentlich sollte ein weiterer Artillerieangriff der Stadt den Rest geben. Doch John Jay McCloy, damals stellvertretender Staatssekretär im US-Kriegsministerium, bat um Gnade: Seine Mutter hatte die Stadt zweimal vor dem Krieg besucht und von dem wunderschönen mittelalterlichen Ort geschwärmt. Eine Touristin rettete Rothenburg, ihr Sohn wurde später Ehrenbürger.

Und Touristen halfen, die Stadt wieder aufzubauen: Ihre Namen sind auf "Spendensteinen" in der Stadtmauer verewigt, darauf steht New York, Osaka, Milwaukee, Kiyose-shi, Fairfax oder Castrop-Rauxel. Inzwischen hat Rothenburg seine dunkle Vergangenheit der Ausgrenzung offenbar hinter sich gelassen: Die Stadt wurde 2010 von der Bundesregierung als "Ort der Vielfalt" ausgezeichnet, ihre Bevölkerung stammt nun aus 70 Nationen - darunter Japan.

Ein Maler, verzaubert von Rothenburg

Vor fast drei Jahrzehnten kam Eiichi Takeyama aus Tokio das erste Mal nach Rothenburg, blickte von der Brücke im Taubertal hinauf zur mittelalterlichen Stadt und war von dem pittoresken Bild so begeistert wie hundert Jahre zuvor die englischen Maler. Der Kunstdozent reiste mit Schülern auf Motivsuche durch Europa, er sah München, Paris und die Schweiz, doch nach Rothenburg kehrte er zurück.

Jeden Tag malte er ein anderes Detail, suchte sich ein anderes Motiv und wurde von den Einwohnern hofiert: "Ein Hotelchef hat mir Wein geschenkt, während ich malte", freut sich der Künstler, der in Rothenburg alt wurde, noch immer. Besonders stolz war er aber, als der Künstlerbund gemeinsam mit ihm ausstellte, "all die Rothenburger und ich, der Japaner".

Leicht ist es auch in Rothenburg nicht, sich als Maler über Wasser zu halten: Die normalen Touristen leisten sich höchstens Takeyamas Postkarten mit Aquarellmotiven der Stadt. Seufzend blickt er auf die weitaus größeren und teureren Leinwände, die in der Galerie an den Wänden hängen und in mehreren Reihen davor aneinander lehnen. Ab und an kommen kaufkräftige Kunden, doch seit der Wirtschaftskrise weniger aus seiner Heimat Japan.

Heute suchten sich eher Koreaner und Chinesen ihr Lieblingsbild von Rothenburg aus. Eiichi Takeyama hat sich deshalb eine zweite Einnahmequelle gesucht: In einem Nebenraum verkauft er Tennisschläger. Auch mit 80 Jahren spielt er noch leidenschaftlich gern und gehört seit 15 Jahren der Rothenburger Senioren-Mannschaft an. Glücklich zeigt er ein altes Zeitungsfoto, das ihn nach einem Match mit Profi Björn Borg zeigt, als beide noch lange Haare hatten.

"Hier habe ich zweimal Spaß"

Ansonsten genießt Takeyama, nun mit grauen, raspelkurzen Haaren, aber weiterhin in Sporthose, dass in Rothenburg weder so verbissen gearbeitet noch Tennis gespielt werde wie in Japan. Der ewige Wettstreit war ihm sichtlich zuwider. Daher blieb und bleibt er: "Hier habe ich zweimal Spaß, das ist sehr wichtig", sagt der Mann sehr leiser Worte mit fester Stimme.

Einen Konkurrenzkampf der anderen Art liefern sich die Geschäfte an der "Laufstrecke", die Urlauber von den Busparkplätzen zum Marktplatz zurücklegen: In den Schaufenstern wird mehr Kitsch als Kunst feilgeboten, es gibt Spielschwerter und Barfußschuhe. Bäckereien stapeln die traditionellen "Schneeballen" zu Pyramiden, auch wenn nicht mehr alle die Kugeln aus Mürbeteig noch selbst in der Backstube machen. Die meisten Kunden bleiben nicht lange genug, um den Unterschied zu entdecken.

Doch das Angebot auf Touristen auszurichten, lohnt: Fast die Hälfte der mehr als 135 Millionen Euro, die Touristen im vergangenen Jahr in Rothenburg gelassen haben, macht das Gastgewerbe an Umsatz, gefolgt vom Einzelhandel, der mehr als ein Drittel abbekommt. In mancher Kleinstadt ohne Touristenstrom und ohne nennenswerte Industrie, in der mit der letzten Gaststätte auch ein Raum für Begegnungen schließt, träumt man von solchen Zahlen.

Weniger Touristen sollten es jedenfalls nicht werden, meint Robert Nehr vom Tourismus Service. Und gerne mehr als die Hälfte dürfe aus Deutschland kommen, um unabhängiger vom ausländischen Markt und dem Weltgeschehen zu sein - die Folgen der Anschläge in Paris merkten sie auch in Rothenburg, weil über die französische Hauptstadt viele Amerikaner anreisen. Und ein Risiko sei, dass die Touristen entdeckten, dass in Osteuropa schöne, unzerstörte Städte besuchenswert seien, "nicht nur Prag". Schließlich hänge an den Urlaubern nicht nur das Wohl der Geschäfte, sondern auch von Handwerksbetrieben und familiär geführten Hotels. Und auch die drei Museen sowie die alten Gebäude wären ohne das Geld der Urlauber nicht zu erhalten, einige müssten sowieso dringend restauriert werden.

Dass noch Platz für mehr ist, zeigt Nehr auf dem vier Kilometer langen Turmweg entlang der Stadtmauer. Unten fließt die Tauber, am steilen Hang wächst Wein und steigt warme Luft auf, weshalb die Einwohner gerne von der "Rothenburger Riviera" sprechen, während die Stadt ob ihrer festungsgleichen Lage hoch über der Tauber den Stempel "fränkisches Jerusalem" aufgedrückt bekommt. Egal wie man es nennt, den Ausblick hat man jedenfalls fast für sich allein.

Im Gegensatz zu den Gassen der Altstadt, durch die sich auch Autos schieben, zum Erstaunen mancher Touristen. "Da muss man sich als Anwohner anblaffen lassen, obwohl man Schrittgeschwindigkeit fährt", ärgert sich Hellmuth Möhring. Einer habe ihm sogar mal auf das Autodach geschlagen. "Und auf den wenigen Parkplätzen stehen oft Hotelgäste mehrere Tage lang." Möhring ist stellvertretender Vorsitzender des Vereins Alt-Rothenburg, doch zwei Herzen schlagen in seiner Brust: Er ist auch Leiter des Reichsstadtmuseums, für das er sich mehr Besucher wünscht.

Platz zum Wohnen, nicht nur zum Übernachten

Als Bewohner der Altstadt jedoch könnten es manchmal etwas weniger sein. Doch wegziehen kommt für ihn nicht in Frage, "ich will nicht in so einem Vorstadtbrei wohnen, und Rothenburg ist ja noch immer ein architektonisches Kleinod mit schönen Ecken". Dafür nehme er privat den "Touch des Abgegriffenen und Übertouristisierten" hin. Aber dass sich Rothenburger den Ausbau ihrer alten Häuser für den Eigenbedarf genehmigen lassen und die Räume dann zu Ferienwohnungen umwidmen, erzürnt ihn.

Da spielt der Stadtrat allerdings seit einigen Jahren nicht mehr mit: Der Wohnraum soll erhalten bleiben, statt teuer von Airbnb-Kunden belegt zu werden. Damit sich das Leben in Rothenburgs Altstadt, die doch mehr sein will als eine Kulisse, nicht nur zwischen ein paar Fotomotiven abspielt.

Schließlich soll das Märchen nicht so lauten: Es war einmal eine Stadt, die war jeden Tag voller Leute - doch niemand von ihnen wollte hier länger bleiben als ein paar Tage. Sondern: Sie lebten glücklich und zufrieden und teilten sich harmonisch ihre Altstadt, die an manchen Ecken zu schön ist, um wahr zu sein.

Dieser Text wurde zuerst am 02.10.2018 veröffentlicht.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4146087
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ.de/edi/sks
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.