Süddeutsche Zeitung

Reisefotograf Andreas Trenker:Bilder, die tiefer gehen

Der Südtiroler Andreas Trenker will auf seinen Reisen unter die Oberflächen sehen. So lernt er andere Seiten von Eritrea oder Iran kennen - und erfährt Mitgefühl statt Rassismus in Asmara.

Von Katja Schnitzler

In dieser Serie stellen wir reisende Fotografen vor. Normalerweise. Die Corona-Krise bringt nun auch diejenigen zum Innehalten, die sonst ständig unterwegs sind. Bis es wieder wirklich losgehen kann, erzählen uns einige von ihnen, wie sie die Reisepause erleben - und zeigen uns Bilder von besonderen Orten und Menschen.

Kann ich es riskieren, nach Italien zurückzureisen? Oder sollte ich zur Sicherheit länger in Eritrea bleiben? Diese Fragen musste sich der Südtiroler Andreas Trenker Ende März beantworten. Der Grafiker und Fotograf wäre gerne noch länger in Eritrea gereist - nicht nur, weil es dort zu diesem Zeitpunkt offiziell nur eine einstellige Covid-19-Fallzahl gab, in Italien hingegen Hunderttausend infiziert waren. Dann nahm er doch den letzten Flug zurück.

Seitdem sitzt der 30-Jährige die Coronakrise bei seiner Familie im kleinen Heimatdorf in den Dolomiten aus. "Nicht der schlechteste Ort", sagt er. Gleich hinter dem Haus beginnt der Wald, in der Nähe sind Bergseen. Auch in der Isolation hat Andreas Trenker genug zu tun als Grafiker, zudem nutzt er die Zeit, um die Bilder der einmonatigen Eritrea-Tour zu sichten.

Gemeinsam mit der Filmemacherin Giulia Faccin arbeitet er an einem multimedialen Projekt über die italienische Kolonialzeit in Eritrea und das Erbe, das sie dort in fünf Jahrzehnten hinterlassen hat. "Über diese gemeinsame Vergangenheit spricht man in Italien nicht, auch in der Schule lernt man nichts darüber", erklärt Trenker - obgleich heute viele Flüchtende in Italien aus dem verarmten und vom Militär unterdrückten Eritrea stammen. Also machte sich Trenker auf Spurensuche.

Er fand Straßen, in denen Fahrräder mehr als nur Randerscheinungen sind: Die Italiener hatten die Leidenschaft für den Radsport entfacht und im Alltag etabliert.

Und so wie die Eroberer nach Amerika nicht nur Krankheiten und ein neues Herrschaftssystem, sondern auch ihre jeweilige Architektur exportierten, bauten die Italiener die eritreische Hauptstadt Asmara nach ihren Vorstellungen aus - ohne allzu viel Rücksicht auf traditionelle Bauten und Strukturen. Auch dieses erzwungene Erbe vor allem aus den 1930er Jahren hat Bestand, so dass die Altstadt wegen klassisch-moderner Bauten seltsam neu wirkt - und manchmal selbst wie eine Filmkulisse. Als "modernistische Stadt" trägt Asmara seit 2017 den Unesco-Welterbetitel.

Zumindest den muslimischen Teil der Bevölkerung wollten die italienischen Machthaber aber mit einem Bauwerk gewogen stimmen: der Al-Qulafa-ar-Raschidin-Moschee. Für das größte islamische Gotteshaus der Stadt vereinte Guido Ferrazza rationalistische, klassische und islamische Stilelemente - so zieren das Minarett zwei Balkone, die in Venedig nicht auffallen würden.

In der Sprache und auf Schildern taucht Italienisch auf, erzählt Trenker, und auch die Leidenschaft für die große Kino-Leinwand existiere weiter - obwohl oder gerade weil das Land wirtschaftlich am Boden ist nach der Ausbeutung erst durch italienische und britische Kolonialherren und dann der Zwangseingliederung in Äthiopien. Gegen diese kämpften die Eritreer 30 Jahre lang in einem Unabhängigkeitskrieg. Diese Spuren sieht man auf den ersten Blick - wie groß die Schäden sind, allerdings erst auf den zweiten: Im Zentrum der schweren Gefechte stand immer wieder die Hafenstadt Massaua, "das ist eine sehr traurige Geschichte", sagt der Südtiroler.

Die wunderbaren Bauten der Altstadt seien schwer beschädigt, Geld für Wiederaufbau und Restauration fehlt. "Von außen sieht man das vielleicht nicht gleich. Aber wenn man dann durch ein Tor blickt, entdeckt man: In der Decke klafft ein Loch." Auch wenn die Straßen auf dem Bild wie Teil einer Geisterstadt wirken, trügt der Schein: "Dort an der Küste des Roten Meeres ist es tagsüber so heiß. Daher belebt sich der Stadtkern erst nach Sonnenuntergang."

Auf ihrer Reise durchs Land trafen die beiden Rechercheure weniger als zehn andere Touristen, "fast alle Italiener mit einem historischen Bezug zum Land". Fremde fallen auf, so dass Giulia Faccin und Andreas Trenker in Asmara bald auf der Straße gegrüßt wurden, man kannte sich vom Sehen - oder vom Fotografieren. "Da ist mir Respekt äußerst wichtig, wen ich fotografiere, muss damit einverstanden sein", betont Trenker. Besonders beeindruckt war er von seinen Begegnungen in einer alten Karawanserei in Asmara, nun der Recyclingmarkt Medeber. Während die Stadt selbst auch dank wenig Motorverkehr sehr ruhig sei, ist der Markt "ein bisschen wie eine andere Welt". Es ist laut, es ist heiß und eng, an offenen Feuern wird geschmiedet, aus Altem wird kreativ Neues geschaffen.

Dieser Mann ist Schweißer, auch wegen fehlender Schutzmasken und -brillen musste er kreativ werden. "Wir störten die Leute ja bei der Arbeit, trotzdem haben sie sich Zeit für ein Gespräch genommen, oft auf Italienisch." Und hätten sogleich mitfühlend gefragt, wie es der Familie daheim nun in der Coronakrise gehe, ob alle gesund seien. Während es in Mailand Übergriffe auf Asiaten gegeben habe, so Trenker, "waren wir nie einen Moment unerwünscht, niemand hatte Angst vor uns". Vielmehr hätten sie viel Anteilnahme und Gastfreundschaft in Eritrea erlebt, auch als ihr erster Flug gestrichen worden war. "Diese Mitmenschlichkeit war außergewöhnlich, ich kann das gar nicht in Worte fassen", erzählt der Fotograf bewegt.

Auch auf einer anderen prägenden Reise durch Iran war es sein Ziel, das Leben der Menschen hinter Klischees und Vorurteilen so weit es geht kennenzulernen. "Iran war eine wunderbare Erfahrung." (Hier finden Sie Andreas Trenkers Einblicke in Iran in der Reisefotografen-Serie.) Diese endete nicht mit der Reise, auch dank der Nachbearbeitung rückte ein Thema noch stärker in den Fokus des Fotografen: die Verantwortung desjenigen, der Bilder in die Welt setzt. Schließlich kann es nur sein subjektiver Blickwinkel sein, mit dem er einen Ausschnitt einer Wirklichkeit zeigt - und allein mit der Auswahl unbewusste Klischees bestätigt.

Daher bat Andreas Trenker für seine Ausstellung "Khodahafes", die auch online zu sehen (und zu hören) ist, befreundete Iraner in seinem Alter, die Bilder auf Englisch zu kommentieren - und bekam auch gleich die Rückmeldung, dass er durch seine Fotoauswahl Iran sehr ländlich zeigt. Die großen Städte hatte er ohne Absicht ausgeklammert, die ihm bekannteren Straßenbilder konnten ihn nicht so fesseln wie etwa Marktszenen. "Ich würde gerne sagen, ich fahre ganz offen ohne vorgefertigte Vorstellungen in ein Land. Aber das Unterbewusstsein kann ich nicht ausschalten." Daher sei ihm die Einordnung bei der Präsentation seiner Bilder so wichtig.

Und er versucht trotzdem, gegen Klischees anzufotografieren, etwa in einem seiner Lieblingsbilder. Dieses ist vor dem Felsendom in Jerusalem entstanden, "der heiligen Stadt, die eigentlich eine profane Stadt ist" - er wohnte dort während eines Studienaufenthalts. Das Motiv zeigt Jungen beim Fußballspiel auf dem Platz beim Felsendom. Nur dort könnten sie bis zum Ende der Besuchszeit toben, denn die Altstadt sei klaustrophobisch eng. "Das hat mir gefallen, dass dieser religionsüberladene Ort für Leute aus der Nachbarschaft etwas ganz anderes sein kann."

Auch bei seiner Fahrt durch Transnistrien, der nicht offiziell anerkannten Republik in Moldawien, wirken die Monumente am Wegesrand rückwärtsgewandt. "Dabei investierte Transnistrien als einer der ersten Staaten in Bitcoins." Während Besucher in Ländern oft selektiv das Traditionelle sehen, hätten sich die Orte und Menschen längst weiterentwickelt. Ihr historisches Erbe sei nur noch ein Teil von ihnen: Das wäre, als wenn man in der Altstadt von Bozen stehe und denke, alle Menschen in Südtirol würden hier auf althergebrachte Weise leben, meint Trenker.

Manche Bilder können aber gar nicht zeigen, welch Schönheit sich unter der Oberfläche verbirgt - da sich diese zu Zeiten offenbart, an denen die Technik nur ein blasses Abbild zustandebringen kann: Auf der Insel eines kleinen Archipels im Roten Meer erfuhr Andreas Trenker, dass wegen der Coronakrise sein eigentlicher Rückflug gestrichen worden war. An diesem "wunderschönen Ort" mussten sie nun überlegen, wie es weitergehen sollte mit ihnen und ihrem Projekt. Konnten sie riskieren, in einem Land mit schlechter Gesundheitsversorgung zu bleiben - oder zurückzureisen in die Heimat, in der Krankenhäuser überlastet waren?

Nachts wurden die Gedanken an die Gefahren verdrängt: "Von links nach rechts zuckten Lichtblitze durch die Wellen." Algen brachten mit Biolumineszenz das Meer zum Leuchten. Andreas Trenker versuchte erst, das Schauspiel mit Langzeitbelichtung einzufangen. "Aber dann haben wir es einfach so genossen."

Auch das ist Reisen für Andreas Trenker. Die Entdeckung des Unerwarteten, wenn der Blick nicht auf der Oberfläche verweilt, sondern tiefer geht. Dann legt er die Kamera auch einfach mal zur Seite.

Mehr von Andreas Trenker finden Sie auf seiner Homepage andreastrenker.com, die Ausstellung "khodahafes" über die Bilder Irans hier: khodahafes.com

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