Paradise Papers -
Die Schattenwelt des großen Geldes

Jemand zu Hause?

Zimmer mieten, Schild an die Tür kleben und kurz mal auf die Insel fliegen: Die absurde Firmengründung der Hostelkette Meininger

Von Martin Pfaffenzeller - 06. November 2017

Fünfzehn Euro für eine sichere und saubere Übernachtung in der Innenstadt, das ist das Versprechen der Hostelkette Meininger. Das Geschäft boomt, die Kette expandiert: Derzeit entstehen die Niederlassungen Nummer 21 bis 23 in Zürich, Budapest, Barcelona. Kundschafter suchen Immobilien in den USA, die das Unternehmen günstig anmieten und zu Hostels umbauen kann. Eine Erfolgsgeschichte.

Meininger hat noch etwas anderes angemietet, ein Zimmer in einem Keller in der Athol Street in Douglas, der Hauptstadt der Isle of Man – und es ist deutlich teurer als 15 Euro pro Nacht. Wer den Sinn dieses Zimmers kennt, sieht die Erfolgsgeschichte von Meininger in einem anderen Licht.

Die Hostelkette zahlt umgerechnet fast 7000 Euro im Jahr, damit sie das Kellerzimmer an mindestens fünf Tagen im Jahr nutzen kann – viel öfter wird sie es ohnehin kaum brauchen. Was sich an diesen Tagen in der Athol Street abspielt, ist Teil einer Inszenierung. Die Hauptrolle spielen die Vorstände einer Offshore-Firma.

Die Dokumente zeigen, wie dreist und professionell Finanzberater Steuertricks empfehlen

Die Inszenierung dient hauptsächlich einem Zweck: Meininger ein Viertel seiner Steuerlast sparen, im Idealfall noch mehr. Das Skript für diese Inszenierung hat der Finanzberater Deloitte geschrieben.

Es ist Teil der Paradise Papers, die die Süddeutsche Zeitung zusammen mit dem ICIJ ausgewertet hat. Gemeinsam mit E-Mails und Excel-Tabellen aus diesem Leak zeigt es, wie dreist und gleichzeitig professionell Finanzberater Steuertricks empfehlen. Meininger ist nur eines von unzähligen Unternehmen, die mithilfe einer solchen Inszenierung ein Steuerschlupfloch auf der Isle of Man nutzen.

Die Hostelkette hat einen guten Ruf, ihr Gründer Nizar Rokbani gilt als herausragendes Beispiel für gelungene Integration.  Der Sohn tunesischer Gastarbeiter kämpfte sich aus ärmlichen Verhältnissen in Berlin-Moabit nach oben und eröffnete 1999 das erste Hostel in Schöneberg.  Bald schon folgten weitere Filialen, erst in Deutschland, dann in europäischen Städten wie London oder Brüssel. Als Rokbani sein Unternehmen 2013 an die britische Firma Holidaybreak verkaufte,  war er ein reicher Mann – heute engagiert er sich für benachteiligte Kinder. 

Ein Teil des Gewinns wandert auf die Isle of Man - und dort fallen kaum Steuern an

Die Kette lief auch nach dem Eigentümerwechsel weiterhin gut: Holidaybreak konnte mit stabilen Umsatzrenditen von rund 30 Prozent rechnen.  Doch offenbar war das den Briten oder der indischen Mutterfirma von Holidaybreak nicht genug. Der Finanzberater Deloitte erstellte daher ein 38-seitiges Strategiepapier zur systematischen Steuervermeidung:  Es ist das Skript der Inszenierung aus der Athol Street.

Der Trick funktioniert so: Die Holidaybreak gründet eine Investmentgesellschaft auf der Isle of Man. Die neue Firma gibt Meininger in Deutschland einen Kredit über knapp 135 Millionen Euro. Und Meininger zahlt keine Tilgung, aber Zinsen, jedes Jahr rund fünf Millionen Euro.  So macht die Firma wegen der Zinszahlungen deutlich weniger Gewinn in Deutschland, den sie dort mit knapp 30 Prozent versteuern müsste.

Fast ein Drittel des Gewinns wandert so auf die Isle of Man - und dort fallen kaum Steuern an. Erst wenn Holidaybreak die Meininger-Profite ins Vereinigte Königreich holen möchte, werden Abgaben fällig – wegen eines Steuerschlupflochs im britischen Recht aber nur fünf Prozent. Wenn das Schema wie skizziert funktioniert, würden die Gewinne des Firmengeflechts unterm Strich in Deutschland und Großbritannien zusammen nur mit rund 22 Prozent versteuert. Der Finanzberater Deloitte konnte die Briten mit dieser Aussicht offenbar überzeugen. Im Februar 2014 wurde eine Investmentgesellschaft auf der Isle of Man gegründet:  Die "Meininger Finance" residiert seitdem in der Athol Street.  

Aufnahme aus einem Meininger-Hotel in Berlin

Meininger Hotels

Aufnahme aus einem Meininger-Hotel in Berlin

Und so beginnt die Inszenierung. Damit der Trick rechtlich wasserdicht ist, muss die Firma auf der Isle of Man nachweisen, dass sie auch wirklich dort tätig ist, wo sie gemeldet ist: Sollten britische oder deutsche Steuerbehörden nachweisen können, dass auf der Insel de facto nichts passiert und nichts entschieden wird, könnten sie die Steuereinnahmen nach Deutschland beziehungsweise Großbritannien holen.

Deshalb hat Deloitte Richtlinien erstellt, wie die Vorstandssitzungen der "Meininger Finance" abzulaufen haben: Die Vorstandstreffen müssen auf der Isle of Man stattfinden und minutiös dokumentiert werden. Die Vorstände dürfen keine Telefonkonferenzen abhalten, wenn einer von ihnen in Großbritannien oder Deutschland ist. Die Vorstände müssen 72 Stunden vor den Treffen Informationsmaterial zugeschickt bekommen. Die Firma braucht ein Büro, an dessen Tür der Name "Meininger Finance" steht, auch wenn dort fast nie jemand ist.

Am schwierigsten zu bewältigen ist aber die letzte Bedingung: Die Mehrheit der Vorstände, also zwei von drei, müssen auf der Isle of Man wohnhaft sein. Wie praktisch, dass die Kanzlei Appleby all diese Services auf der Insel in der Irischen See anbietet.

Bei "Meininger Finance" läuft das so: Der Vorstandsvorsitzende, ein Vertreter von Holidaybreak, kommt für die Sitzungen aus Manchester auf die Isle of Man eingeflogen. Vom Flughafen fährt er rund 20 Minuten in die Athol Street.

"Meininger Finance" sitzt im selben Gebäude wie die Kanzlei. Das ist wenig verwunderlich

Der Weg für die beiden Appleby-Mitarbeiter, die als Vorstände Nummer zwei und drei mit ihm die Sitzung abhalten, ist deutlich kürzer. "Meininger Finance" sitzt im selben Gebäude wie die Kanzlei. Das ist wenig verwunderlich. Vermieter jenes 7000-Euro-Zimmers in der Athol Street ist nämlich: Appleby.

Gemeinsam gehen der Holidaybreak-Mann und die beiden von Appleby gestellten Vorstände angeblich die Agenda durch. Dann zeichnen sie das Protokoll ab. Das Ganze lässt sich in vier Stunden erledigen – zwischendurch gibt es Kaffee und Häppchen. Danach steigt der Holidaybreak-Mann wieder in den Flieger. Dieses Prozedere sollte vier Mal jährlich stattfinden. Dafür kassiert die Kanzlei rund 57.000 Euro im Jahr.

Das Geschäft scheint sich für die Hostelkette zu lohnen. Wie viel Meininger und deren Mutterfirmen genau an den Steuerbehörden vorbeischleusen, ist aus den öffentlich zugänglichen Teilen der Bilanzen aus Deutschland, Großbritannien und Indien nur schwer abzuschätzen. Die Kette versteuert einen Teil ihres Gewinns nach wie vor in Deutschland. Ein siebenstelliger Betrag landet bei der "Meininger Finance" auf der Isle of Man - und wandert von dort minimal besteuert weiter nach Großbritannien.

Der Finanzexperte Christoph Trautvetter kommt nach Durchsicht der Bilanzen zu dem Schluss, dass die Meininger-Muttergesellschaft so Steuerzahlungen im niedrigen siebenstelligen Bereich vermeiden könnte.

Die Kundenregister von Appleby deuten auf noch viel mehr Klienten hin

Meininger und die britische Holidaybreak wollten sich auf Anfragen von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR nicht detailliert äußern. Die Unternehmen reagierten fast wortgleich auf den Fragenkatalog: Man halte sich an alle Steuergesetze, und wo es angemessen sei, suche man den Rat von externen Beratern. Der Finanzberater Deloitte wollte die Anfrage ebenfalls nicht kommentieren und verwies auf die Diskretion gegenüber seinen Kunden.

Das britische Steuerschlupfloch ist Anfang 2013 entstanden und betrifft nicht nur die Isle of Man. Die Insel in der Irischen See ist unter anderem so beliebt, weil die Anreise für die inszenierten Vorstandssitzungen aus Großbritannien oder Europa kürzer dauert als ein Flug etwa auf die Bahamas. Eines der beiden von Appleby gestellten Vorstandsmitglieder der "Meininger Finance" sitzt laut einer internen Liste im Vorstand für mehr als hundert weitere Unternehmen aus unterschiedlichsten Branchen. Die Kundenregister von Appleby deuten auf noch viel mehr Klienten hin, die Kanzlei wollte sich dazu und zum Geschäft mit Holidaybreak nicht äußern.

Ende Oktober verkündete EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager, sie werde das Schlupfloch untersuchen lassen, weil es nicht den europäischen Beihilfevorschriften entspreche . Die britische Regierung widersprach allerdings umgehend. In der angespannten Stimmung um die Brexit-Verhandlungen scheint eine schnelle Lösung unwahrscheinlich. So wird die Kanzlei Appleby auf der Isle of Man wohl noch viele Sitzungen abhalten und dafür sorgen, dass Unternehmen mithilfe von Briefkastenfirmen und Zinsmodellen Steuern vermeiden.

Der Raum in der Athol Street ist noch bis 2019 an die "Meininger Finance" vermietet – der Vertrag enthält eine Verlängerungsklausel.

Mitarbeit: Philipp Eckstein

Das sind die Paradise Papers

Lesen Sie hier die komplette SZ-Recherche: Geschichten, die Konzerne, Politiker und die Welt der Superreichen erschüttern.

Jetzt lesen

Diese Geschichte teilen:

Dieser Artikel erschien erstmals am 06.11.2017 in der SZ. Die besten digitalen Projekte finden Sie hier.