Paradise Papers -
Die Schattenwelt des großen Geldes

Mayday

Ein Firmenflugzeug des Modekonzerns New Yorker verirrt sich beinahe in der Offshore-Welt. Am Ende landet es doch noch sicher auf den Kaimaninseln.

Von Elisabeth Gamperl und Bastian Obermayer - 08. November 2017

Manchmal gehen die einfachsten Dinge schief. Und was sollte einfacher sein für einen erfolgreichen Konzernlenker, als das Firmenflugzeug auf den Kaimaninseln registrieren zu lassen? Zumal es sich nur um eine klitzekleine Aktion handeln sollte, Offshore-Alltag, sozusagen? Aber der Mann, den man hierzulande als „Hosen-Milliardär“ kennen könnte und dessen Marke 94 Prozent der Deutschen geläufig ist – jedenfalls, sofern diese zwischen 14 und 29 Jahre alt sind – wüsste ein Lied davon zu singen: Alles gar nicht so einfach.

Im August 2008 meldet sich eine deutsche Anwältin im Appleby-Büro auf den Kaimaninseln: Ihr Klient habe sich ein weiteres Flugzeug gekauft, eine Bombardier Global Express XRS im Wert von 55 Millionen Dollar, das sind damals etwa 35 Millionen Euro. Um den Jet zu nutzen, habe man sich eine Firmenstruktur überlegt – und die hat es durchaus in sich. Über eine Flugzeug-Betreiberfirma in Deutschland und eine Firma auf den Kaimaninseln soll der Jet an den Konzern des Milliardärs vermietet werden. Und an ihn selbst. Guter Plan, nur: Appleby, die Kanzlei, die das umsetzen soll, hat ein rechtliches Problem mit dem Vorschlag.

Es wird eine mühsame Begegnung, die auch zeigt, dass sogar in der Offshore-Welt, in der doch alles möglich erscheint, nicht immer alles klappen muss. Wenigstens nicht sofort.

Das liegt hauptsächlich an zwei Streitpunkten. Zum einen will der Flugzeug-Kunde eine kompliziertere Lösung, als Appleby – im Grunde selbst ein Experte für sehr komplizierte Lösungen – selbst vorschwebt. Und zum anderen soll oder will die deutsche Anwältin offenbar kaum Hintergrundinformationen zu ihrem Klienten liefern. Als Appleby in den Vertragsentwurf schreibt, dass alle an dem Flugzeug-Deal beteiligten Firmen „zur selben Gruppe“ gehören, weil nur so für die Konstruktion ein vorteilhafter Status auf den Kaimaninseln zu erreichen wäre, lehnt die Seite des Interessenten das ab: „Können wir das aus dem Vertrag rauslassen?“ Wenn Appleby ein Organigramm erbittet, um zu verstehen, welche Firma wem gehört, antwortet die Anwältin des deutschen Milliardärs mit einem dürren Zweizeiler. Der Mensch, dem letztlich der Konzern gehört? Eine „Privatperson“. Der Mensch, auf den die Kaiman-Firma läuft? Eine „Privatperson“.

Appleby könnte einem beinahe leidtun: So geht es sonst nur Leuten, die versuchen, hinter Strukturen zu schauen, die Kanzleien wie Appleby erfinden.

New Yorker hat Läden in Bielefeld und Berlin, in Wuppertal und Westerland

Tatsächlich fällt in all den E-Mails, es sind fast 50, die zwischen den Kanzleien in Deutschland und der Karibik hin- und hersausen, nicht ein einziges Mal der Name jenes Milliardärs. Aus den Vertragsentwürfen, Organigrammen und anderen Dokumenten, die wie die vielen E-Mails in den Paradise Papers zu finden sind, wird allerdings ersichtlich, um wen es sich bei dem scheuen Interessenten handelt: Friedrich Knapp, Besitzer der Braunschweiger Modekette New Yorker und vor allem von seiner Heimatzeitung gerne genannt: der „Hosen-Milliardär“. 

Beteiligt sind an dieser Posse demnach sowohl der Modekonzern New Yorker, bekannt etwa für recht günstige Jeans, als auch die deutsche Flugzeug-Betreiberfirma Air Nova; beide gehören der FGK Vermögensverwaltung in Österreich. Und das wiederum ist die Holding von Friedrich Georg Knapp, dem Klamottenfabrikanten aus Braunschweig mit Läden in Bielefeld und Berlin, Wuppertal und Westerland – und vielen Dutzend Ländern weltweit. Ein Mode-Konzern, eine Flugzeug-Firma, ein Milliardär, dessen österreichische Holding, eine Kaiman-Firma und dazu Leasinggeschäfte, die irgendwie über die Kaimaninseln laufen sollen: Friedrich Knapp im Interview mit der Braunschweiger Zeitung. In einem InterviewFriedrich Knapp im Interview mit der Braunschweiger Zeitung. mit der Braunschweiger Zeitung sagt Friedrich Knapp 2015 einmal: „Ich bin ein einfacher Mensch.“

Es wird aber noch komplizierter. Als es zwischen Appleby und deren möglicher neuen Kundschaft wieder einmal um die Frage geht, welches Vertragsmodell nun das passende sei, erklärt die deutsche Anwältin en passant eine sehr seltsame Regelung: Die Firma, die den Jet in der Karibik verwalten solle, gehöre „aus deutschen Steuer-Gründen“ einer Person, die mit der New-Yorker-Gruppe „nichts zu tun“ habe.

Der Name dieser Person steht in den Vertragsentwürfen: Wilfried Horn. Über den kann man alles Mögliche sagen, zum Beispiel, dass er mal Polizist war, sogar Leiter des Kommissariats für Linksextremismus und Terrorismus in Braunschweig. Was man sicher nicht über ihn sagen kann: dass er mit der New-Yorker-Gruppe „nichts zu tun“ hätte. Horn arbeitet dort seit 1994, erst als Sicherheitschef, inzwischen als persönlicher Assistent des Chefs Friedrich Knapp, zuständig für alles Mögliche.

Statt Antworten auf viele Fragen gibt es nur neue Fragen: Warum hat der Konzern dieses Konstrukt gewählt? Warum muss die Flugzeug-Firma im Steuerparadies dem treuen Diener des Chefs gehören? 40 Jahre seien Friedrich Knapp und er befreundet, erzählt Horn der SZ. Aber warum soll es dann nach außen so scheinen, als habe er, der eher eine New-Yorker-Ehrennadel verdient hätte, nichts mit dem Konzern zu tun? Und: Warum überhaupt die Kaimaninseln, obwohl das Flugzeug doch in Braunschweig stationiert ist, mehr als 8000 Kilometer Luftlinie entfernt?

Diese Fragen und weitere hat die Süddeutsche Zeitung auf verschiedenen Wegen auch an den Konzern New Yorker gerichtet. Aber weder die Pressestelle noch Firmeninhaber und Geschäftsführer Friedrich Knapp reagieren auf E-Mails und etliche Anrufe. Fast, als hätten auch sie mit dem Konzern „nichts zu tun“.

Der Kontakt mit New Yorker läuft für Appleby nicht so wie erhofft

Der Einzige, der redet, ist eben Wilfried Horn, am Telefon, sogar freundlich und gut gelaunt. Irgendwie sei er unter anderem auch für die Flugzeugflotte zuständig, und diese Firma auf den Kaimaninseln, die sei tatsächlich „privat eingetragen“ auf ihn, auch wenn er das „natürlich für New Yorker“ mache – allein schon „aus Loyalität“. Aber keine Sorge: Er kenne zwar nicht die Details der Verträge oder aber, sagt er, er wolle nicht darüber reden – aber es sei alles in Ordnung. Die Firma gebe es nur, weil es praktischer sei, das habe keine steuerlichen Vorteile für New Yorker, und auch ihn selbst habe das Finanzamt geprüft. Alles wie gesagt in Ordnung, sagt der fröhliche Herr Horn.

Für Appleby lief das Geschäft am Ende nicht wirklich wie gehofft. Die Anwältin, die für New Yorker agiert, bricht Anfang Ende November 2008 per E-Mail und ziemlich unvermittelt die Verhandlungen ab und erklärt, dass sich fortan eine andere Kanzlei um die Sache kümmern werde. Der Kunde bitte aber ausdrücklich darum, „alle Namen und Eigentumsverhältnisse“ geheim zu halten, auch gegenüber den Behörden auf den Kaimaninseln. Die sollten auch „keine Details, die mit dem Flugzeug zu tun haben“, von Appleby erfahren.

4900 Dollar berechnet Appleby, das geht aus der kanzleiinternen Kommunikation hervor, für die letztlich ergebnislose Beratung. Wenige Wochen später, am 17. Dezember 2008, wird das neue Firmenflugzeug von New Yorker im Flugzeugregister auf den Kaimaninseln angemeldet – auf welchem Weg, ist ebenso wenig bekannt wie der Name der Kaiman-Firma, die den Jet dort betreibt. Klar scheint nur: Sie gehört Herrn Horn, dem ehemaligen Polizisten und langjährigen Vertrauten des „Hosen-Milliardärs“.

In der Offshore-Welt ist eben doch fast alles möglich. Nur nicht immer sofort.

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Dieser Artikel erschien erstmals am 08.11.2017 in der SZ. Die besten digitalen Projekte finden Sie hier.