SZ-Serie „Urlaubsbekanntschaften“

„Es ist ein Märchen“

Jay Jay ist Managerin einer Go-go-Bar im Bangkoker Rotlichtviertel. Hier berichtet sie von heiteren Abenden und heikleren Momenten und erzählt, wie sie mit verliebten Touristen umgeht.

Protokoll von David Pfeifer, Bangkok
11. September 2022 - 4 Min. Lesezeit

Wer reist, schließt Bekanntschaften. Da gibt es natürlich die Urlaubsfreundschaften, aber lebt eine Reise nicht eigentlich vor allem von den vielen flüchtigen Begegnungen? Mit dem Postkartenverkäufer am Souvenirstand, der Kitschmalerin im Touristenviertel oder der Animateurin am Hotelpool, mit denen man viel zu selten ins Gespräch kommt. Welcher Weg hat sie in ihren Beruf geführt? Und wie erleben sie die Touristen? In Folge 7 erzählt Jay Jay, 39, Managerin einer Go-go-Bar in Bangkok, wie sie mit schwierigen Gästen umgeht und warum ihr diese Arbeit trotzdem Spaß macht.

„Ich arbeite seit etwa zehn Jahren als Mamasan, zur Zeit in der ,Black Pagoda‘ auf der Patpong Road, aber auch schon in der Bangla Road auf Phuket. Ich mag den Job, er ist aufregend, abwechslungsreich, man lernt Menschen aus der ganzen Welt kennen. Eigentlich bin ich Immobilienmaklerin, davon könnte ich gut leben, aber hier geschehen häufig lustige und sonderbare Dinge, und der Ärger hält sich in Grenzen.

Ich mag die Mädchen, wir sind eine eingeschworene Gemeinschaft. Aber ich mag auch die Männer, die uns besuchen, die meisten sind harmlos. Es gibt natürlich immer mal Streit, wenn ein Tourist den Mädchen Drinks ausgibt oder Lokalrunden schmeißt, um gut anzukommen, und sich nach einem langen Abend bei der Rechnung wundert, was alles zusammengekommen ist. Aber wir rechnen sehr genau ab, man bekommt eine exakte Aufstellung. Wir gießen den Mädchen auch kein Wasser in ihre Schnapsgläser, wenn ein Gast eine Runde Shots ausgibt. Die meisten Frauen, die hier arbeiten, trinken gerne Tequila, um sich zu entspannen und Spaß zu haben. Man muss nur aufpassen, wenn sie betrunken werden, dass sie keinen Stress machen oder sich in ungute Situationen begeben. Das gilt natürlich auch für die Besucher. Aber dafür bin ich ja da.

Einige Menschen, die ich hier kennenlerne, kommen häufig und bleiben für Monate in der Stadt, andere nur ein paar Tage. Manche muss man davon abhalten, ihr ganzes Geld hier durchzubringen. Es kommen natürlich vorwiegend Männer, manchmal Paare. Und ich erkenne, wer wie viel Geld ausgeben wird, wer Ärger macht oder Spaß bringt. Ich kann gar nicht genau sagen, woran. Als Faustregel kann man sagen, dass reiche Menschen tatsächlich meistens geizig sind, es liegt eher an der Einstellung, ob man hier eine gute Zeit haben und sie auch anderen machen will. Die Frauen wollen ja Geld verdienen, und das meiste verdienen sie an Drinks, die ihnen ausgegeben werden. Die Japaner waren in dieser Hinsicht sehr gute Gäste, weil sie hohe Gastronomierechnungen bei ihren Firmen daheim absetzen konnten, die haben hier viel Geld ausgegeben. Das ist aber vorbei.

In Wahrheit sind Thais ziemlich tough

Ich bin wahnsinnig froh, dass es nach zwei Jahren Pandemie endlich wieder losgeht, dass die Mädchen wieder da sind und auch die Touristen wiederkommen, jeden Abend werden es mehr. Es ist eine spezielle Arbeit, aber meistens macht sie Spaß, manchmal wird eine Party daraus. Europäer, Amerikaner, Inder – die meisten Männer sind einfach neugierig und freundlich, manchmal wird es laut, das liegt aber auch an der Musik, man muss sich im Lokal sowieso anschreien. Die Touristen denken häufig, wir Thaifrauen seien immer zurückhaltend und freundlich, das liegt aber meistens daran, dass wir die Sprache der Fremden oft nicht sprechen und lieber lächeln. In Wahrheit sind Thais ziemlich tough und manchmal auch rüde. Das merkt man spätestens, wenn man als Fremder bei uns Streit anfängt oder versucht, einen Konflikt mit Herumschreien zu lösen.

Meistens aber muss eher ich mal deutlich werden und den Besuchern sagen, dass sie nicht stundenlang mit einem Mädchen zusammensitzen können, wenn sie ihr nur einen Drink spendieren. Da muss schon etwas mehr kommen. Was außerhalb unseres Ladens passiert, ist nicht mehr meine Sache. Das verhandeln die Gäste und die Frauen direkt miteinander, wir bekommen nur eine kleine Ablöse, wenn ein Mädchen den Dienst verlässt, um mit einem Gast zu gehen. Etwa 40 Euro. Für mich kann man keine Ablöse zahlen, ich gehe nicht mit, nie. Ein Finne hat mir mal 20 000 Baht (550 Euro) nur für ein Abendessen angeboten – aber: nein. Höchstens ohne Ablöse, wenn ich jemanden wirklich gut finden würde, aber so weit ist es bisher nie gekommen.

Ich werde vom Laden bezahlt, um mich um die Frauen und Kunden zu kümmern, da kann ich nicht selber noch einen Schnitt machen. Außerdem ist mein Freund sowieso schon eifersüchtig, weil ich so viele Männer kennenlerne und mich abends immer sexy anziehe, aber das gehört zum Job. Natürlich träumen einige unserer Mädchen davon, dass sich mit einem netten Gast vielleicht mehr entwickeln könnte. Das passiert auch, aber selten. Es ist ein Märchen. Manchmal verliebt sich ein Tourist, der sitzt dann hier, Abend für Abend, und wird eifersüchtig. Manchmal auch nur traurig. Da muss ich ein bisschen trösten, erklären und aufheitern. Die meisten Gäste müssen in absehbarer Zeit ohnehin wieder nach Hause, das ist ja nicht ihr Leben hier.“

Alle Folgen der „Urlaubsbekanntschaften“-Serie finden Sie hier.

Team
Redaktion Moritz Geier
Digitales Storytelling Veronika Wulf
Digitales Design Stefan Dimitrov