Reisebücher

Gespür für den Süden

Zeitblasen in Venedig, Spektakel an der Côte d’Azur, grünes Mallorca: Zahlreiche Reisebücher und Bildbände über die Küsten des Mittelmeers beschreiben, wie anders das Leben dort ist, in der Wärme, am Wasser.

Reisebücher

Gespür für den Süden

Zeitblasen in Venedig, Spektakel an der Côte d’Azur, grünes Mallorca: Zahlreiche Reisebücher und Bildbände über die Küsten des Mittelmeers beschreiben, wie anders das Leben dort ist, in der Wärme, am Wasser.

6. April 2022

Die Lust auf den Süden ist groß. Auf die Wärme Südfrankreichs, Italiens, Kroatiens. Auf die Strände rund ums Mittelmeer. Auf die mediterrane Lebensart dort. Zusätzlich angefacht wird sie von einer ganzen Reihe neuer Bücher, die das Flair des Südens verbreiten und einen beim Lesen und Betrachten schon einmal in den Mittelmeer-Modus bringen. Auch wenn die eigene Urlaubsreise vielleicht noch ein paar Wochen auf sich warten lässt.

Ruhige Ecken auf Mallorca

Wo, bitteschön, sind all die Menschen auf dieser wunderbaren Insel? Wegen der Pandemie kamen in den vergangenen beiden Jahren nur halb so viele Urlauber wie zuvor nach Mallorca – aber eben immer noch mehrere Millionen. Sie sind nicht zu sehen auf den Fotografien von Patricia Parinejad. Das liegt jedoch nicht in erster Linie an den Corona-Einschränkungen. Obwohl die Fotografin und Autorin im Vorwort ihres Bandes „Green Mallorca“ feststellt, dass sie Ende 2020 „ein unangetastetes und gesundes Paradies“ vorgefunden habe, als sie mit ihrer Hündin Lucie vorübergehend nach Mallorca übersiedelte. Weil die Insel eben schon seit Monaten nicht mehr gnadenlos überrannt wurde, man deshalb die Erde wieder riechen konnte und den Duft der Mastixsträucher, so Parinejad.

Dass keine Urlauber auf den Bildern zu sehen sind, liegt vor allem an der Präferenz der Fotografin: Mallorca hat viele Gesichter, just für das ausdrucksstärkste interessiert Parinejad sich nicht – für das Ballermann- und Party-Mallorca, die Bettenburgen- und Strand-Insel. Sie ist stattdessen verliebt in das schöne Gesicht Mallorcas. Es zeigt sich ihr immer dort, wo Menschen verantwortungsvoll mit der Landschaft umgehen. Man kann es überall auf der Insel entdecken.

Patricia Parinejad besucht Winzer, Obst- und Gemüsebauern, die nachhaltig arbeiten.

Außerdem eine Wollkünstlerin und eine Frau, die Bademoden aus abbaubarem Nylon herstellt. Sie stellt Betriebe vor, die dem Slow-Food-Gedanken folgen, die nachhaltig Salz gewinnen, in Handarbeit Fliesen oder ökologische Produkte für Hunde herstellen.

Wer Parinejad folgt, lernt Mallorca womöglich vollkommen neu kennen – als eine Insel mit hoher Lebens- und auch Urlaubsqualität. Auf ihren Bildern arbeitet die Fotografin besonders die Texturen heraus, die materielle Beschaffenheit der Dinge wird sichtbar. Beinahe wirken die Bilder, als könnte man das Gezeigte spüren und ertasten. All das verpasst, wer ein oder zwei Wochen lang nur zwischen Strand und Hotelrestaurant pendelt.

Patricia Parinejad: Green Mallorca. Verlag teNeues, Augsburg 2022. 224 Seiten, 50 Euro.

Glamour an der Côte d’Azur

Ums Sehen und mehr noch ums Gesehenwerden geht es indessen in dem von Geneviève Janvrin zusammengestellten fulminanten Band „Light on the Riviera“. Diesbezüglich habe die Côte d’Azur eine lange Geschichte, schreibt Sophie Wright in ihrer kleinen, einleitenden Abhandlung zur Geschichte der Fotografie an diesem Teil der französischen Mittelmeerküste: „Als Synonym für Eskapismus und Spektakel hat die Côte d’Azur Generationen von Schriftstellern, Malern, Filmemachern und Fotografen inspiriert, die dort gearbeitet, sich erholt, Urlaub gemacht oder sich niedergelassen haben. Ihre Kunst unterstreicht die Faszination der Küste bis heute.“

Oder wie der Maler Henri Matisse das Licht und das Leben an dieser Küste einmal begeistert beschrieben hat: „Alles war unecht, absurd, unglaublich, köstlich.“ „Light on the Riviera“ versammelt Aufnahmen berühmter Fotografen – oft sind die Porträtierten ebenfalls berühmt, wie etwa Pablo Picasso mit Francoise Gilot am Strand.

Zu sehen sind Sophia Loren, Grace Kelly, Marlon Brando, Alain Delon, Brigitte Bardot, Paul und Nusch Éluard ... Die ältesten Bilder sind Daguerreotypien aus den 1860er-Jahren von Charles Nègres, Stadtansichten von Grasse und Cannes, der Strand an der Croisette dort. In den 1920er-Jahren war die Fotografie technisch so weit entwickelt, dass die kurzen Belichtungszeiten dem Fotografen Jacques-Henri Lartigue actiongeladene Aufnahmen von Schwimmern und Wasserskifahrern ermöglicht haben. Er hat auch früh barbusige Sonnenbadende aufgenommen, in den 1930ern, am Cap d’Antibes. Später folgen in dem Band einige Akte Helmut Newtons.

Weitere Fotografien stammen von Lee Miller, Roland Penrose, Dora Maar, Man Ray, Edward Quinn, Elliott Erwitt und schließlich von Martin Parr. Der Brite verlässt das Milieu der Reichen und Schönen, ihn interessiert, wie sich am Strand die Milieus vermischen, wie Konventionen des Schicklichen nicht mehr gelten. Er legt dabei seine bemerkenswerte ironische Beobachtungsgabe an den Tag. Und wählt außergewöhnliche Perspektiven, die den Szenerien einen zusätzlichen speziellen Ausdruck verleihen.

Geneviève Janvrin, Sophie Wright: Light on the Riviera. Photography on the Côte d’Azur. Aus dem Englischen von Nadine Lipp. Verlag teNeues, Augsburg 2022. 256 Seiten, 60 Euro.

Italien, Land im Meer

Einen ironischen Blick auf die Dinge hat auch Christian Jungeblodt. Gut zu sehen ist das bereits am Titelbild seines Bandes „Bella Italia. On beauty and ugliness“: Ein Italiener, nicht mehr ganz jung, sich seiner Attraktivität bewusst und offenbar doch der Auffassung, sie gesondert zur Schau stellen zu müssen, stolziert mit geschwellter Brust und eingezogenem Bauch braungebrannt die Uferstraße in der apulischen Stadt Bari entlang. Ein bisschen zu dick trägt der Mann auf bei dem Spiel, das auch hier aufgeführt wird; dem Spiel vom Sehen und Gesehenwerden.

Italien ist eine einzige Attraktion, so erscheint es jedenfalls den Besuchern von nördlich der Alpen: die vielen Sehenswürdigkeiten, die mediterranen Städte, die wunderbaren Landschaften und natürlich das Meer, immer wieder das Meer. Italien kragt wie kein anderes Land hinein ins Mittelmeer, wird von ihm dominiert wie sonst nur Griechenland (sieht man von den Inselstaaten Zypern und Malta ab).

Jungeblodt beobachtet die Menschen: liebeshungrige Teenager im Autoscooter in einer toskanischen Kleinstadt zehn Kilometer von der Küste entfernt, Strandgänger in Rimini, Forte dei Marmi und Torvaianica, ein Hochzeitspaar an der Uferpromenade von Reggio Calabria.

Immer wieder streut Christian Jungeblodt triste Szenerien ein, Italien ist bei ihm kein Dolce-Vita-Klischee. Die meisten Motive sind jedoch lebensfroh, das Schöne aus dem Untertitel überwiegt das Hässliche. Italien war dem deutschen Fotografen mehrere Jahre lang Wahlheimat, das Buch ist eine Hommage, die den Boden der Realität nie verlässt. Und es zeigt, wie anders das Leben in Italien ist, vergleicht man es mit Deutschland.

Christian Jungeblodt: Bella Italia. On beauty and ugliness. Kerber Verlag, Bielefeld 2022. 144 Seiten, 40 Euro.

Slowenien, die Spinne im Netz

Slowenien ist so etwas wie das Gegenteil Italiens, bezogen aufs Mittelmeer. Der Schriftsteller Aleš Šteger rät in seiner „Gebrauchsanweisung für Slowenien“ vermeintlich folgerichtig: „Sie wollen ans Meer? Nein, Slowenien ist dann auf keinen Fall eine gute Wahl, fahren Sie lieber nach Griechenland oder Kroatien, dort gibt es reichlich Meer, ja, und Inseln und Sandstrände gibt es dort auch.“ Im gleichen Sinne argumentiert Šteger allerdings auch in Bezug auf Berge und Metropolen. Understatement ist sein Mittel der Wahl. Denn natürlich empfiehlt er den Leserinnen und Lesern sehr wohl, sein Heimatland zu bereisen. Sie sollen nur wissen, was sie erwartet – und was nicht.

Die Sache ist nämlich die: Zwar misst der slowenische Küstenabschnitt an der Adria nicht einmal 50 Kilometer. Nur: Wie viel Strand braucht der Mensch?

Hundert Meter? Genügt vielleicht sogar die Hälfte oder muss es doch das Doppelte sein? Wie auch immer, jedenfalls kann niemand an allen italienischen oder griechischen Stränden gleichzeitig liegen. Insofern sind auch knapp 50 Kilometer weit mehr als genug.

Und da jeder ohnehin irgendwann Slowenien durchqueren müsse, weil das Land nun einmal an einer Nahtstelle liege, so Šteger, sammelt er Belege, warum es gar nicht lohnt, weiter nach Süden zu fahren. Zum einen finde man nirgends so viel Europa auf kleinstem Raum, so Šteger. Zum anderen lande, wer nach „sicheres Reiseland“ oder „problemloses Reisen mit Kindern“ google, rasch bei Slowenien.

Vor allem aber „sollte man, wenn man vom Meer spricht, nicht nur das Wasser vor Augen haben“.

„Sondern das Meer von Hügeln, Mulden, Tälern, Kiefernwäldern, Pinienbäumen, die die Wegränder säumen, ein Meer der besten Olivenanbaugebiete der Welt, eins von Steinbrüchen und kleinen Dörfern. Und viel, viel Wein“. Das Meer wird für den Menschen eben eigentlich erst an der Küste interessant.

Aleš Šteger: Gebrauchsanweisung für Slowenien. Piper Verlag, München 2022. 224 Seiten, 16 Euro.

Stadtstrände in Istrien

Zwei slowenische Küstenstädte zählen denn auch unter Britta Ramhapps „Sehnsuchtsorte an der Adria“: Piran und Portorož. Zwei sehr unterschiedliche Städte, obwohl die beiden Ortszentren nur vier Kilometer voneinander entfernt liegen.

Piran ist das quirligere, schmuckere der beiden Städtchen, auf einer Landzunge gelegen und an drei Seiten vom Meer umspült.

Portorož indessen kann mit dem besten Hotel an der slowenischen Küste aufwarten, dem Kempinski Palace.

Der Titel des Buches ist ein wenig hochgestapelt. Ramhapp nimmt nämlich nicht die komplette Adria in den Blick, sondern nur Istrien und die Bucht von Triest. Die aktuellen Staatsgrenzen sind in dieser Betrachtung einerlei, es geht Ramhapp um diesen Kulturraum, in dem das Italienische, Slowenische und Kroatische so miteinander verwoben sind, dass sich klare Grenzen gar nicht ziehen lassen. Obendrein ist überall dort noch der Einfluss der Habsburger Monarchie wahrnehmbar. Die Reise beginnt in Italien, in Grado, führt über Triest und die beiden slowenischen Städte nach Pula und schließlich Opatija in Kroatien.

Städte, die ohne das Meer, ohne den Sommer- und Badetourismus nicht denkbar wären. Die aber keine reinen Urlauberdomizile sind, sondern funktionierende Gemeinschaften mit einer einheimischen Bevölkerung, die mit und neben den Touristen ihr eigenes Leben führt. Ramhapps Buch ist ein Reiseführer in diese speziellen, von einem historischen Bewusstsein geprägten Milieus am Meer.

Britta Ramhapp: Sehnsuchtsorte an der Adria. Grado – Triest – Piran – Portorož – Pula – Opatja. Aktualisierte Neuauflage. Styria Verlag, Wien/Graz 2022. 192 Seiten, 25 Euro.

Rock’n’Roll in Rijeka

Unter die Küstenorte, die das gesamte Jahr über pulsieren und nicht bloß im Sommer für die Touristen, so Melita H. Šunjić, zählt unbedingt auch Rijeka. Die drittgrößte kroatische Stadt, die mit Opatija und Matulji zu einem adriatischen Küsten-Großraum verschmilzt, war 2020 als Kulturhauptstadt Europas ausersehen, wovon Europa wegen der Corona-Pandemie dann allerdings nicht viel mitbekommen hat.

Sowohl Šunjić in ihrer „Spurensuche in Rijeka“ als auch Bianca Kos in ihrem Band „Wasserstaub“ porträtieren die Stadt auf eine jeweils ganz persönliche Art. Šunjić ist in Rijeka geboren, als sie eineinhalb Jahre alt war, zog die Familie nach Österreich. Sie kannte die Stadt lange nur von kurzen Aufenthalten, Zwischenstopps auf dem Weg in die Sommerferien, um ihren Großvater zu besuchen, „und schon geistig auf dem Weg nach anderswo“. Kos übersiedelt wiederum ihr Alter Ego nach Rijeka, nie wird in „Wasserstaub“ ganz klar, was real so passiert ist und was eine fiktionale Verdichtung tatsächlicher Begebenheiten ist. Beide Autorinnen kommen Rijeka damit auf die Schliche, entdecken eine Stadt, die einen charmanten Hang zum Chaos hat, deren Bewohner streitlustig sind und in der eine mediterrane Lebensart den Alltag prägt.

Einerseits ist Rijeka eine der weniger prätentiösen Städte rund ums Mittelmeer. Andererseits beschreiben sowohl Šunjić als auch Kos sie als Freilichtbühne, auf der vieles einen Drall ins Theatralische bekommt. Wer dorthin reist, kommt nicht irgendwelcher Sehenswürdigkeiten wegen her, sondern aufgrund der Atmosphäre.

Bianca Kos: Wasserstaub. Erkundungen. Otto Müller Verlag, Salzburg 2022. 150 Seiten, 22 Euro.

Melita H. Šunjić: Spurensuche in Rijeka. Eine sommerliche Expedition in meine unbekannte Geburtsstadt. Wieser Verlag, Klagenfurt 2022. 82 Seiten, 14,95 Euro.

Venedig, Königin der Adria

„Vermutlich glauben Sie mir nicht“, schreibt Federico Povoleri im Vorwort seines Bildbandes „Venezia“, „aber Venedig, die ,Große Alte Dame‘ ist eine unsichtbare Stadt.“ Er wisse, so der Fotograf, das klinge wenig plausibel angesichts einer Stadt, die ihre Schönheit derart zur Schau stellt, „vor Kultur strahlt und sich präsentiert wie eine Trophäe“. Aber die Venezianer – Povoleri ist auch einer – wüssten, dass die Stadt ihre private Seite vor der großen Menge verberge. Was die Touristen bestaunen würden, sei nichts weiter als eine Verpackung.

Darüber ließe sich trefflich streiten, aber im Kern geht es Federico Povoleri darum, dass man keinen Ort der Welt erfassen kann, wenn man lediglich für ein paar Stunden hindurchhetzt. Für Venedig gilt das ganz besonders, hier ist das Missverhältnis zwischen einer oberflächlichen Betrachtung und einem Sich-Einlassen auf die Substanz besonders gravierend.

Der Fotograf zeigt nicht die vermeintlich verborgenen Winkel seiner Heimatstadt, in die es kaum einen Tagestouristen verschlägt. Er zeigt auch nicht, was innerhalb der Häuser vor sich geht. Keine Geheimtipps also. Er zeigt das Offensichtliche, das für jeden Beobachtbare – wenn man denn hinschaut.

Und: Wenn man zur rechten Zeit vor Ort ist. Also auch mal frühmorgens oder mitten in der Nacht. Winters oder wenn es regnet. Bei Hochwasser und in den Tagen danach, wenn es gilt, die Verwüstungen beiseitezuräumen.

Venedig ist auf diesen Fotografien ganz bei sich. Povoleri schreibt von „Zeitblasen, in die man eintreten und sich forttragen lassen kann, während man Momentaufnahmen aus einer sehr weit entfernten, völlig unbekannten Zeit zu sehen bekommt“.

Venedig ist voll von diesen Zeitblasen. Die meisten Besucher lassen sie jedoch vorbeifliegen. Und begnügen sich mit der Besichtigung eines Freizeitparks.

Federico Povoleri: Venezia. Gesehen mit den Augen eines Venezianers. Aus dem Italienischen von Heide Fruth-Sachs. Verlag teNeues, Augsburg 2022. 224 Seiten, 50 Euro.

Team
Text Stefan Fischer
Digitales Storytelling Stefan Fischer, Birgit Kruse
Bildredaktion Julia Hecht, Fabian Riedel