Süddeutsche Zeitung

Wikileaks: Pakistan:"Taliban wollen an Nuklearmaterial gelangen"

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Nicht nur in den USA, sondern auch Russland macht man sich große Sorgen über die "höchst instabile" Lage in Pakistan. Das belegen die jetzt von Wikileaks veröffentlichten Dokumente.

T. Matern

Es gibt wenig, was amerikanische Diplomaten mehr umtreibt als Pakistans Atomprogramm. Das Land sieht sich seit Jahren einer wachsenden Gefahr durch die Taliban ausgesetzt. Wie massiv die Sorgen der US-Regierung sind, belegen nun die veröffentlichten Wikileaks-Dokumente, aus denen zunächst der Spiegel, die New York Times und der Guardian ausgiebig zitiert haben.

Auch ein russischer Diplomat teilt demnach die Furcht seiner amerikanischen Kollegen: Pakistan sei "höchst instabil", sagt er. Die Taliban "wollen nicht nur an die Macht in Pakistan, sondern auch an das Nuklearmaterial gelangen", ist der Diplomat laut der von amerikanischen Regierungsbeamten verfassten Dokumente überzeugt.

Schon im Jahr 2008 heißt es in einem geheimen US-Bericht: "Trotz der sich abzeichnenden wirtschaftlichen Katastrophe produziert Pakistan Nuklearwaffen schneller als jedes andere Land der Welt." Die USA haben sich demnach immer wieder darum bemüht, die Sicherheitsvorkehrungen für die Anlagen des schwierigen Verbündeten zu erhöhen.

Sie würden gern noch mehr Einfluss ausüben - aber so weit reicht Washingtons Einfluss in Islamabad dann doch nicht. Von der US-Botschaft in Pakistan gibt es ein nun veröffentlichtes Schreiben an den amerikanischen Sondergesandten für die Region, Richard Holbrooke. Die größte Sorge sei demnach nicht, dass "Islamisten eine ganze Waffe stehlen", sondern dass Mitarbeiter des Atomprogramms nach und nach genug Material an sich nehmen könnten, um "daraus eine Waffe zu bauen". Aus Sicht des russischen Diplomaten sind laut einer Depesche mindestens 120.000 Menschen in Pakistan für das Nuklear- und Raketenprogramm tätig. "Es gibt keine Garantie, dass sie alle zu 100 Prozent loyal und verlässlich sind", soll er gesagt haben.

Aber nicht nur die Atomsprengköpfe veranlassen die Amerikaner immer wieder dazu, ihre Besorgnis über den Verbündeten zum Ausdruck zu bringen. Die Obama-Administration ist noch nicht offiziell im Amt, als der designierte Vizepräsident Joe Biden Anfang des Jahres 2009 Pakistan besucht. Von Armeechef Ashfaq Parvez Kayani will er laut einer anschließend geschriebenen Depesche wissen, ob beide Länder "den selben Feind haben". "Wir sind auf der selben Seite in Afghanistan", erwidert Kayani laut Protokoll der US-Botschaft, das nach Washington gekabelt wird. Dann kommt jedoch die Einschränkung: "Aber es mag unterschiedliche Taktiken geben", soll Kayani gesagt haben.

USA: Pakistan bietet Taliban Rückzugsgebiete

Die US-Regierung ist sich sicher: Pakistan bekämpft einen Teil der Islamisten, aber den afghanischen Taliban gewährt das Militär nach wie vor ein sicheres Rückzugsgebiet auf pakistanischem Territorium. Schließlich sollen sie als steuerbare Truppe gegen den Erzfeind Indien bereitstehen. Vor allem die Nachkriegsordnung in Afghanistan will das Militär mit Hilfe der Taliban beeinflussen, kabeln die Diplomaten immer wieder nach Washington.

Ex-US-Botschafterin Patterson kam laut der jetzt veröffentlichten Dokumente zu dem Schluss: Die Zivilregierung von Präsident Asif Ali Zardari sehe die Aufständischen als größte Bedrohung Pakistans. Militär und Geheimdienst hätten diese Sicht aber noch nicht übernommen: "Sie glauben noch immer, dass Indien die Hauptbedrohung darstellt", heißt es in einem Bericht.

An anderen Stellen der Dokumente wird deutlich, dass Armeechef Kayani aus Sicht Washingtons der mächtigste Mann in Pakistan ist. Das ist zwar keine neue Erkenntnis, aber belegt eindrucksvoll, warum sämtliche Besucher aus dem politischen Washington vor allem einen Termin beim General wollen. Er befürchte, das Militär wolle ihn ausschalten, sagt Pakistans ziviler Präsident Zardari laut der vertraulichen Dokumente bei einer Gelegenheit zu seinem US-Gesprächspartner.

Ein heikles Thema für Pakistaner und Amerikaner war und ist ein angeblicher Einsatz von US-Truppen in den Stammesgebieten. Immer wieder Mal hatte es in Islamabad unter Journalisten und Militär-Analysten Gerüchte, aber keinerlei gesicherte Erkenntnisse gegeben über "amerikanische Stiefel auf pakistanischen Territorium".

Zwar waren es laut der Depeschen nur zwölf amerikanische Soldaten, die mit Erlaubnis der pakistanischen Armee an der Grenze zu Afghanistan tätig sein durften. In den Berichten heißt es, die Amerikaner waren nicht in Kampfeinsätze verstrickt. Dennoch bewertete die US-Botschaft in Islamabad diese Zusammenarbeit als "grundlegende Veränderung im Denken" des Verbündeten.

Die Anführer in Islamabad, sowohl in der Armee als auch in der zivilen Regierung, sehen sich mit einer Bevölkerung konfrontiert, die wenig mehr in Wut versetzt als der Einfluss der amerikanischen Regierung in ihrem Land. Daher sind solche Veröffentlichungen für sie besonders peinlich.

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