Süddeutsche Zeitung

Frauen bei den Christdemokraten:Die drei Neuen von der CDU

Wiebke Winter, Laura Hopmann und Anna Kreye sind in den Bundesvorstand ihrer Partei gewählt worden. Sie sehen sich auch als Identifikationsfiguren, um jüngere Wählerinnen und Wähler anzusprechen.

Von Boris Herrmann und Robert Roßmann, Berlin

Natürlich hat auch Laura Hopmann den digitalen CDU-Parteitag zu Hause auf dem Sofa verfolgt. Allerdings unter erschwerten Bedingungen - mit ihrem fünf Monate alten Sohn auf dem Schoß. "So ein kleiner Mensch, den interessiert vielleicht nicht alles, was da so abläuft, wenn Mama und Papa stundenlang auf den Bildschirm starren", sagt sie. Hopmann hat deshalb den spannendsten Moment des Tages verpasst: die Entscheidung über den Parteivorsitz. "Da hatte das Kind gerade Hunger." Sie saß also beim Stillen in der Küche, als ihr Mann von nebenan rief: "Es ist Laschet!" Szenen aus einem CDU-Haushalt im Jahr 2021. Auch daran wird man sich gewöhnen.

Für die 31-Jährige gab es noch einen zweiten Spannungsbogen bei diesem Parteitag: Die Wahl zum Bundesvorstand, für den sie erstmals kandidiert hatte. Diesmal saß sie rechtzeitig zur Verkündung des Ergebnisses vor dem Laptop. Ein Ergebnis, von dem sie sagt: "Das habe ich nicht zu träumen gewagt." Hopmann wurde mit 80 Prozent der Stimmen gewählt. Das war das viertbeste Ergebnis unter allen 34 Kandidaten für die 26 zu vergebenden Plätze.

Am vergangenen Wochenende wurde zum ersten Mal seit zwanzig Jahren wieder ein Mann an die Spitze der CDU gewählt. Der Frauenanteil im Bundesvorstand ist trotzdem gestiegen, er liegt jetzt bei 40 Prozent. Außerdem ist die CDU-Spitze jünger geworden. All das liegt vor allem an drei Frauen, die die Junge Union ins Rennen geschickt hat: Laura Hopmann und ihre Mitstreiterinnen, die 24-jährige Wiebke Winter und Anna Kreye, 26. Die drei bilden jetzt das erstaunlichste Trio im Bundesvorstand. Sie sind zusammen immer noch jünger als Otto Wulff, das älteste Vorstandsmitglied.

Vor zwei Jahren monierte die Kanzlerin den niedrigen Frauenanteil in der JU-Spitze

Tilman Kuban, der Chef der Jungen Union, ist entsprechend stolz. "Für die JU war es ein sehr erfolgreiches Wochenende", sagt er. Dass "drei Frauen aus den Reihen der Jungen Union mit starken Ergebnissen in den CDU-Bundesvorstand gewählt" wurden, das habe es noch nie gegeben. "Damit haben sich mehr Frauen der Jungen Union durchgesetzt als solche, die von der Frauen Union unterstützt wurden", sagt Kuban. Wer "starke, junge und erfolgreiche Frauen" wolle, der komme an der Jungen Union nicht vorbei.

Spätestens jetzt fragt man sich, ob das noch die JU ist, die man bisher kannte. Nicht ganz zu Unrecht galt sie manchem ja als Jungen Union - Frauen in Führungsfunktionen waren die Ausnahme. Es ist erst zwei Jahre her, dass die Kanzlerin das auf ihre Weise kritisierte. Damals monierte sie auf einem Deutschlandtag der Parteijugend den niedrigen Frauenanteil in der JU-Spitze. Dabei gelte doch: "Frauen bereichern das Leben, nicht nur im Privaten, auch im Politischen." Unter dem Gelächter vieler Delegierter schickte Merkel hinterher: "Sie wissen gar nicht, was Ihnen entgeht."

Die Junge Union scheint sich das zu Herzen genommen zu haben. Auf ihrem jüngsten Deutschlandtag erhöhte sie den Frauenanteil im JU-Vorstand von 23 auf 41 Prozent. Und jetzt sorgte sie mit ihren Kandidatinnen dafür, dass auch der Vorstand der Mutterpartei weiblicher wurde.

Wiebke Winter ist mit ihren 24 Jahren die jüngste im JU-Trio. Sie hat Jura studiert und ist gerade dabei, ihre Promotion abzuschließen. Thema: "Big Data und künstliche Intelligenz im Gesundheitswesen". Im Herbst will sie für den Wahlkreis Bremen II - Bremerhaven in den Bundestag einziehen. Und wenn man sie fragt, warum das alles so schnell gehen müsse, sagt sie nur: "Worauf soll ich warten? Ich sehe jetzt Probleme, die wir dringend anpacken müssen. Vielleicht ist es in einigen Jahren zu spät."

Sie habe sich "immer über das Bremer Schulsystem aufgeregt - ich war für den Erhalt der Gymnasien, die sollten während meiner Schulzeit abgeschafft werden", sagt Winter. Dadurch sei die CDU für sie interessant geworden. Sie habe aber damals noch nicht eintreten können, weil sie eine "große Atomkraft-Gegnerin" gewesen sei. "Nach dem Kurswechsel der CDU nach Fukushima" habe sie dann aber in die CDU gekonnt, Ende 2013 hat sie ihren Aufnahmeantrag gestellt. Jetzt sitzt die 24-Jährige zusammen mit Ministerpräsidenten und Bundesministern im CDU-Vorstand.

Eine Frauenquote lehnt Winter ab, obwohl sie im JU-Bundesvorstand Chefin des Arbeitskreises Frauen ist. Sie habe sogar "stark gegen die Quote gekämpft", die in der CDU jetzt eingeführt werden soll, sagt sie. Stattdessen setze sie sich "wie eine Löwin für alternative Förderungsmöglichkeiten" für Frauen ein. "Wir brauchen hybride Gremiensitzungen, eine politische Elternzeit und Hate-Speech-Ombudsstellen - gerade Frauen erleben verstärkt Hass und sexualisierte Gewalt im Internet, da bedarf es Unterstützung." All das bringe "deutlich mehr als eine Frauenquote".

So ähnlich sieht das auch Anna Kreye, die Landesvorsitzende der Jungen Union in Sachsen-Anhalt. Sie ist Rechtsreferendarin im Magdeburger Finanzministerium und sagt: "Es ist ein wichtiges und richtiges Zeichen, dass wir alle drei es in den Vorstand geschafft haben." Sie sieht sich hier auch in einer symbolischen Rolle. Um ihre Attraktivität bei jungen Wählerinnen und Wählern zu erhöhen, brauche die CDU mehr "Identifikationsfiguren für diese Zielgruppe" - also junge Frauen, die dort mitreden, wo es etwas zu entscheiden gibt. "Das ist in der Vergangenheit zu kurz gekommen", sagt Kreye.

Wenn Anna Kreye über die Frauenquote spricht, klingt sie ein bisschen wie Friedrich Merz

Aus ihrer Sicht steckt in dem Wahlergebnis vom Wochenende aber nicht nur ein Symbol, sondern auch ein Beweis. Kreye sagt: "Daran sieht man, dass man es als junge Frau auch völlig ohne Quote in höchste Ämter schaffen kann." Wenn sie über die Frauenquote spricht, dann klingt sie zwar nicht ganz so ablehnend wie Wiebke Winter, aber dafür manchmal ein bisschen wie Friedrich Merz, der in diesem Zusammenhang oft von "der zweitbesten Lösung" sprach. Kreye sagt, sie bevorzuge "alternative Formate", um junge Frauen zu motivieren, wie zum Beispiel Netzwerk- und Mentorenprogramme.

Laura Hopmann bezeichnet sich als "moderate Gegnerin der Quote". Den in der CDU erarbeiteten Kompromiss zur Quote trägt sie aber mit, auch um des Friedens willen mit der Frauen Union, der sie ebenfalls angehört. Hopmann stammt aus Hildesheim, seit drei Jahren ist sie Landtagsabgeordnete in Niedersachsen. Wenn sie im Plenum sitzt, wartet ihr Mann mit dem Baby draußen vor der Tür. Zwischendurch rennt sie zum Stillen raus.

Probleme gibt es natürlich trotzdem noch. Hopmann sagt, bei der Nominierung der JU-Bewerber für den Bundesvorstand habe sie schon den einen oder anderen klagen hören: "Müssen es denn gleich drei Frauen sein?" Es wurden dann aber trotzdem drei Frauen.

Muss man sich um die Männer in der Union allmählich Sorgen machen? "Nö", sagt Laura Hopmann, "die kommen schon klar."

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