Süddeutsche Zeitung

USA: Republikaner:Der Plan Palin

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Ex-Gouverneurin Sarah Palin veröffentlicht ein neues Buch, hält sich aber ansonsten überhaupt nicht an den Fahrplan für Präsidentschaftsanwärter. Will sie überhaupt ins Weiße Haus? Ein Erklärungsversuch.

Barbara Vorsamer

Erst die Autobiographie, dann das Buch über Werte, Ziele, Visionen - das war die Formel fürs Weiße Haus. Die beiden letzten US-Präsidenten hielten sich an diesen publizistischen Fahrplan: Mit A Charge To Keep bewarb sich George W. Bush 1999 fürs höchste Amt im Staat. Und auch Barack Obama veröffentlichte nach seiner Bestseller-Autobiographie das Zweitwerk Hoffnung wagen, in dem er seine Ideen für Amerika skizzierte.

Und jetzt Sarah Palin.

Vergangenes Jahr war ihre Lebensgeschichte in Going Rogue nachzulesen, diese Woche erscheint nun America by Heart. Reflections on Family, Faith and Flag. Zu Deutsch: Gedanken zu Familie, Glaube und Flagge. Damit wird die ehemalige Vizepräsidentschaftskandidatin vermutlich die Bücher von Rolling Stone Keith Richards und Ex-Präsident George W. Bush von der Spitze der Bestsellerliste verdrängen - und zum wiederholten Male die Frage aufwerfen: Kandidiert sie? Oder kandidiert sie nicht?

"Es gibt keine Über-Strategie", antwortet darauf Fred Malek, einer von Palins Beratern im New York Time Magazine. Malek war bereits den Präsidenten Richard Nixon und Gerald Ford zu Diensten und weiß, wie man jemanden auf die Kandidatur vorbereitet. Seinen Plan unterbreitete er auch der Gouverneurin von Alaska, nachdem die Wahl 2008 für die Republikaner so katastrophal verlorengegangen war: Liefere eine gute Leistung als Gouverneurin ab! Kandidiere für eine zweite Amtszeit! Entwickle Kompetenz und ein Spezialgebiet! Reise ins Ausland! Bilde ein Netzwerk in der republikanischen Führungsebene!

Palin tat nichts davon. Nur zwei Wochen nach seinem Gespräch mit der Politikerin, erzählt Malek leicht frustriert, trat sie überraschend von allen Ämtern zurück. Seitdem verblüfft sie das republikanische Establishment immer wieder. Etwa, indem sie frei von der Leber weg twittert, ohne einen rechtlichen Berater dazwischenzuschalten. Oder indem sie - für eine Millionengage - einwilligt, eine achtteilige Reality-TV-Sendung über ihre Heimat und ihre Familie zu drehen. Erfahrene politische Berater hätten ihr von all dem abgeraten. Aber Palin hat kaum Berater, sie vertraut nur wenigen. Manche behaupten sogar, sie höre ausschließlich auf ihren Mann Todd. Ihr Apparat ist strukturlos, einen Chef gibt es nicht. Im Zweifel regelt die 46-Jährige alles selbst. Das führt zu immensen Verzögerungen, zu Ineffizienz und strategisch fragwürdigen Entscheidungen.

Helferin der "Hexe"

Ein gutes Beispiel dafür sind die Wahlempfehlungen, die Palin vor den Kongresswahlen Anfang November abgegeben hat. Mit ihrer Unterstützung für so skurrile Kandidaten wie "Hexe" Christine O'Donnnell oder Sharron Angle, die sich für einen bewaffneten Aufstand gegen die Regierung aussprach, verhalf sie diesen ins Rampenlicht. Sich selbst schadete sie aber eher. Manche ihrer sogenannten Endorsements waren mutig und ungewöhnlich, zum Beispiel die Unterstützung für Nikki Haley, die nun Gouverneurin im wichtigen Vorwahlstaat South Carolina wird. Bei anderen wiederum sprach die Konservative sich erst so spät aus, dass es für die Empfohlenen keinen Unterschied mehr machte - ein Beispiel ist ihr Votum für den aufgehenden Stern der Republikaner, Floridas neuen Senator Marc Rubio.

Besonders strategisch wirkte Palins Unterstützung für Terry Bandstad in Iowa und Kelly Ayotte in New Hampshire, denn diese beiden Bundessstaaten läuten traditionell die amerikanische Vorwahlsaison ein. Ayotte hatte außerdem noch einen Gegenkandidaten aus dem Lager der Tea Party, jener erzkonservativen Bewegung, an deren Spitze sich Palin im Sommer setzte und als deren Galionsfigur sie seitdem gilt. Trotzdem empfahl sie die moderate Ayotte - "sie wollte halt auf der Siegerseite stehen", erklärt es ein Experte lakonisch in der New York Times.

Von Wasilla nach Washington?

Das Wohl und Wehe der Palin-Schützlinge erregte so viel Aufmerksamkeit, dass die Washington Post eigens eine interaktive Graphik mit dem Titel "Palin-Tracker" online stellte. Am Wahlabend zeigte dieser eine gemischte Bilanz: 32 ihrer Kandidaten hatten gewonnen, 17 verloren. Präsidentschaftsaspirant Mitt Romney konnte da bei den Kongresswahlen ganz anders punkten. Mitgekriegt hat es in seinem Fall jedoch kaum jemand. Sarah Palin überstrahlt alle. Misst man in Sendeminuten und Druckzeilen, ist sie derzeit die wichtigste Republikanerin.

Die fünf Millionen Zuschauer, die die erste Folge der Reality-Soap Sarah Palin's America schauten, sind da nur die Spitze des Eisbergs. Aus ihrer Heimatstadt Wasilla in Alaska twittert sie, pflegt ihr Facebook-Profil, kommentiert für den rechtskonservativen Sender FoxNews und plant die Werbetour für ihr neues Buch. Was sie damit allerdings bezweckt - außer viel Geld zu verdienen -, bleibt unklar.

Den Kontakt mit großen Sendern und Tageszeitungen scheut Mediendiva Palin und nennt sie "lamestream media". Dort würde sie immer nur falsch verstanden und ungerecht behandelt, erklärt sie im Interview mit dem New York Time Magazine. Doch dass sie die etablierten Medien meide, bestreitet sie: "Ich bin auf Facebook. Ich bin auf Twitter. Ich gehe niemandem aus dem Weg, ich bin da draußen", sagt sie.

Auch auf dem Sender TLC ist Sarah Palin präsent: Mit ihrer Reality-Show Sarah Palin's Alaska. Ein Teil einer großangelegten Werbekampagne für eine Präsidentin Palin, glauben die einen. Andere meinen, dass das "harmlose Reisetagebuch" ihr jegliche Glaubwürdigkeit als Politikerin nimmt. Schließlich nimmt die Politikerin in den Fernsehinterviews zu nichts Stellung - stattdessen unternimmt sie waghalsige Klettertouren, erschreckt Braunbären und präsentiert ihre chaotische Familie.

Ja, sie will

Sie selbst hält sich für mindestens so qualifiziert wie Barack Obama. In einem Interview mit Talkshow-Moderatorin Barbara Walters antwortet sie außerdem auf die Frage, ob sie 2012 gegen den amtierenden Präsidenten gewinnen könne: "Ja, das könnte ich." Dass sie darüber nachdenkt, anzutreten, enthüllte sie vergangene Woche im New York Time Magazine: "Ich denke darüber nach. Ich stecke gerade in offenen Diskussionen mit meiner Familie, weil meine Familie bei diesen Erwägungen die größte Rolle spielt."

Ihre Fauxpas und Stümperhaftigkeit trägt Sarah Palin derweil wie Ehrenmedaillen: als Beweis, dass sie kein Teil einer abgehobenen Politikerelite ist, sondern eine aus dem Volk. Das liebt sie dafür - oder zumindest die Hälfte des Volkes liebt sie. In der Gesamtbevölkerung können sie zwar mehr als die Hälfte nicht leiden. Befragt man nur US-Bürger, die sich als Republikaner identifizieren, hat Palin Beliebtheitswerte von mehr als 80 Prozent.

Das ist eine gute Basis für eine Kandidatur 2012. Als schillernde Figur könnte sich Sarah Palin in den Vorwahlen über das restliche Feld hinwegsetzen. Schon jetzt hat sie für die anderen potentiellen Kandidaten nur Verachtung übrig. "Diese Typen wollen, dass man ihnen zutraut, mit Ahmadinedschad fertig zu werden. Doch mit einer Hockey-Mama aus Wasilla nehmen sie es nicht auf? Solange sie das nicht tun, nehme ich sie nicht ernst", sagte sie dem Online-Magazin Politico.

Ob sie nächstes Jahr tatsächlich mit Mitt Romney und Co. in den Ring steigt - auch ihr Buch America by Heart hat auf diese Frage keine Antworten, dafür viele Widersprüche zu bieten. Genau wie Sarah Palin selbst. Der selbsternannten Grizzly Mom aus Alaska ist mit Logik einfach nicht beizukommen.

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