Süddeutsche Zeitung

US-Wahl 2020:Der Couch-Kandidat

Ex-Vizepräsident Joe Biden ist derzeit mit großem Abstand der Favorit der US-Demokraten für die Präsidentschaftskandidatur. Doch sein Vorsprung schrumpft, was vor allem an ihm selber liegt.

Bis vor wenigen Tagen noch muss Joe Biden das Gefühl gehabt haben, alles richtig zu machen. Ende April stieg er ins Rennen ein, seitdem ist er Umfragekönig unter den mittlerweile 24 Demokraten, die 2020 gegen Trump um die Präsidentschaft antreten wollen. Bidens Zustimmungswerte sind Mitte Mai nach seinem Einstieg zeitweise auf mehr als 40 Prozent geklettert. Und anders als die meisten anderen Kandidaten, musste er dafür nicht mal Klinkenputzen gehen. Öffentliche Auftritte von ihm sind rar. Interviews in nationalen Medien lassen sich an einer Hand abzählen. Und wenn er dann mal zu sehen ist, arbeitet er sich vor allem am amtierenden Präsidenten Donald Trump ab. Sein Kernbotschaft ist weitgehend inhaltsfrei: Wenn einer Trump schlagen kann, dann er.

Womit sich Biden vom Rest der demokratischen Kandidaten abgrenzt. Die meisten anderen Kandidaten legen gar keinen Wert darauf, sich an Trump abzuarbeiten. Dass der Mann unfähig ist, setzen sie voraus. Ihre Taktik: ignorieren. Und dafür die Menschen mit eigenen Politik-Konzepten überzeugen.

So langsam aber scheint die Wirkmacht von Bidens purem Trump-Bashing verloren zu gehen. In den Umfragen verliert er zunehmend an Boden. Sein satter 25-Prozentpunkte-Vorsprung auf den progressiven Bernie Sanders ist auf knapp 15 Prozentpunkte zusammengeschmolzen.

Was Biden besonders beunruhigen muss : In Iowa beträgt der Vorsprung nur fünf Prozentpunkte, hat eine am Montag veröffentlichte Umfrage ergeben. In knapp acht Monaten findet in Iowa die erste Vorwahl der Demokraten statt. Eine Niederlage dort würde Bidens Image als Trump-Killer gehörigen Schaden zufügen. Außerdem ist Iowa ein Swing-State: Hier gewinnen mal die Republikaner, mal die Demokraten. Es ist also ganz besonders wichtig, in diesem Bundesstaat eine gute Figur zu machen.

An diesem Dienstag hielt er in Iowa nach langer Abwesenheit seine erste öffentliche Rede. In Ottumwa, einem 25 000-Einwohner-Städtchen im Südosten des Bundesstaates. Eine Kleinstadt empfängt den mit Abstand führenden Kandidaten im demokratischen Rennen um die Präsidentschaftskandidatur. Dazu einen früheren Vizepräsidenten! Da muss die ganze Stadt auf den Beinen gewesen sein, oder?

Irgendwie scheint Biden den kleinen Ort nicht mobilisiert zu haben . Auf den Videoaufnahmen sieht es aus, als würde der Vorsitzende des örtlichen Geflügelzüchterverbandes einen Zwei-Stunden-Vortrag über die alte Haushuhnrasse Plymouth Rock halten. Dem Applaus und den Bildern nach zu urteilen können kaum mehr als 100 Leute in dem Raum sein. Das passt zum Bild, das Umfragen von ihm zeichnen: Wirklich gemocht wird Biden nicht. Nur glauben viele, dass er nun mal der einzige Kandidat ist, der Trump schlagen kann.

Warum auch immer. Während nämlich die anderen Kandidaten weitgehend konfliktfrei unterwegs sind, hat Biden ein paar unnötige Eigentore geschossen. Als Frontrunner steht er unter besonderer Beobachtung. Und seine Kampagne geht mit dieser Rolle nicht besonders sensibel um.

Bidens Dauerabwesenheit ist schon jetzt ein Running Gag. Er gilt als "Lazy Biden" oder auch als AWOL (absent without leave). Das ist Militärsprech für unerlaubtes Entfernen von der Truppe. Präsident Donald Trump nennt ihn gerne "Sleepy Joe". Biden ist der Couch-Kandidat unter den demokratischen Bewerbern.

Biden hat etwa jüngst einen großen demokratischen Kongress in Kalifornien sausen lassen, auf dem außer ihm alle wichtigen Kandidaten sprachen. Davor gab es ein großes Kandidatentreffen in Washington. Nicht dabei: Joe Biden. Und vor drei Tagen eine ähnlich wichtige Veranstaltung der Demokraten von Iowa. Diesmal ließ Biden sich immerhin entschuldigen. Seine Tochter hatte Geburtstag und seine Enkeltochter feierte ihren Highschool-Abschluss.

Was Bidens Leute als gewiefte Taktik zu verkaufen versuchen, scheint andere zu beunruhigen. Randy Black etwa, eine lokale Größe der Demokraten in Iowa, sagte dem Online-Magazin Politico: "Er muss ein bisschen was nachholen. Wenn Joe Biden seinen Vorsprung von 12 bis 15 Punkten halten will, dann muss er die Bremsen lösen und anfangen, Leute zu treffen und Hallo zu sagen." Black befürchtet, Biden könnte die gleichen Fehler machen wie Hillary Clinton im Wahlkampf 2016. "Sie hat entscheidende Staaten fälschlicherweise für sicher für die Demoraten gehalten."

In Iowa bleibt Biden bei seiner Linie

Patty Judge, einst stellvertretende Gouverneurin von Iowa, warnt, Biden dürfe nichts in diesem Rennen "als selbstverständlich hinnehmen". Es gebe da draußen nämlich ein paar Kandidaten, "die wirklich hart arbeiten".

In Iowa aber bleibt Biden bei seiner Linie. Immer wieder geht es gegen Trump. Der sei eine "existentielle Bedrohung" für die USA, erklärt er. Leider hat er den Satz so schlecht vorbereitet in der Rede, dass es keinen Applaus dafür gibt. Trump war zur gleichen Zeit in Iowa und sprach dort aus, was wohl tatsächlich viele Demokraten denken: Biden redet zu viel über ihn. "Er nennt meinen Namen so oft, dass die Leute es einfach nicht mehr hören wollen." Die Lacher hat Trump auf seiner Seite.

Bevor der Präsident am Dienstag nach Iowa flog, sagte er allerdings noch etwas anderes über Biden. Etwas, womit Trump jetzt schon die Grenzen anständiger Wahlkampfführung sprengt: Er zweifelte den Gesundheitszustand von Biden an. Biden sei "mental der schwächste" Kandidat, erklärte Trump wartenden Journalisten und tippt sich mit dem Zeigefinger an die Schläfe, als hätte Biden nicht alle Tassen im Schrank. Trumps Diagnose: Biden sei ein "anderer Mensch". Er sehe anders aus als früher, er handele anders, er sei sogar langsamer als früher.

Auch das ist eine Folge der seltenen Auftritte: Biden lässt damit Raum für wilde Spekulationen. Befeuert und in die Welt gesetzt werden diese auf Fox News und dessen Wirtschaftsableger Fox Business. Seit Ende Mai wird dort von Star-Moderatoren wie Sean Hannity, einem engen Freund und Berater von Trump, Bidens gesundheitliche Eignung in Frage gestellt.

Begonnen hat es nach einem Bericht von "The Daily Beast" am 29. Mai mit einer Talkrunde, in der Fox-News-Star Lisa Kennedy Montgomery behauptete, wichtige Demokraten hätten ihr in einer Bar und nach ein paar alkoholischen Getränken zugeflüstert: "Etwas stimmt nicht mit dem früheren Vizepräsidenten." Sie seien deshalb "besorgt, ihren Kandidaten öffentlich zu zeigen". In ihrer eigenen Show auf Fox Business erklärte Montgomery, die nur Kennedy genannt wird, vergangene Woche, Bidens Mitarbeiter versuchten, ihn von den großen Bühnen fernzuhalten. Angeblich weil er "dumme Sachen" sage, kaum zu verstehen sei und "sehr müde" aussehe.

Am gleichen Abend hatte Sean Hannity seine Show. Auch er sagte, Biden sei "müde", er habe "nicht die Energie" für die ganze Sache. "Sie verstecken ihn bereits", so wie sie Hillary Clinton versteckt hätten. Im Wahlkampf 2016 war es Clinton, die sich mit gezielten Gerüchten über ihren angeblich maroden Gesundheitszustand konfrontiert sah. Im August 2016 spekulierte Hannity eine ganze Woche lang über Clintons angeblich kritische neurologische Befunde. Trump nahm das in seinen Wahlkampfreden gerne auf. Auch in den USA gilt es als journalistisch unethisch, ohne eindeutige Beweise über den Gesundheitszustand von Personen zu spekulieren.

Anders als Clinton aber wirkt Biden nicht nur alt. Er ist es auch. Mit seinen 76 Jahren ist er vier Jahre älter als Trump. Joe Biden, der im ganzen Land als "Uncle Joe" bekannt ist, wird von politischen Gegnern schon "Grandpa Biden" gerufen. Was den fabrizierten Gerüchten weitere Nahrung gibt.

Statt mit einer Reihe von energischen Auftritten gegenzusteuern, macht seine Kampagne aber auch noch unnötige Fehler. Vergangene Woche etwa hat Biden endlich seinen lange angekündigten Klimaschutzplan veröffentlicht. Nicht nur die Inhalte, auch viele Formulierungen kamen einigen sehr bekannt vor. Bidens Leute haben sich den Plan im Internet von diversen Umweltgruppen und aus Zeitungsartikeln zusammenkopiert, anders lässt es sich kaum sagen.

So etwas ist Biden schon mal passiert. In seiner ersten Präsidentschaftskampagne 1988 waren es unter anderem Plagiatsvorwürfe, die ihn zur Aufgabe zwangen. Seine Kampagne musste inzwischen einräumen, dass da wohl ein "Fehler" passiert sei. Und hat in der Onlineversion des Plans die Quellen nachgereicht.

Als er zum Thema Abtreibungsrecht befragt wurde, das in den USA gerade wieder heiß diskutiert wird, da hielt Biden an seiner jahrzehntealten Position fest, dass die Bundesregierung kein Geld für Abtreibungen bereitstellen darf. Biden hatte da offenbar die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Der Widerstand aus der Partei wurde so groß, dass er letztlich einknickte und seine Position revidierte.

Inhaltlich will Biden es allen recht machen. Bloß keine Extrempositionen einnehmen. Er glaubt nämlich nicht, dass die Demokraten über Nacht alle zu Revolutionären geworden sind, die das Land auf den Kopf stellen wollen.

Doch scheint die meiste Energie gerade von den progressiven Kandidaten wie Bernie Sanders, Senatorin Elizabeth Warren oder dem Bürgermeister Pete Buttigieg auszugehen. Sie liegen in den Umfragen zwar noch immer deutlich hinter Biden. Aber zusammengenommen haben sie ihn bereits eingeholt. Sanders hat Bidens inhaltliche Schwäche erkannt: Bidens Strategie des Durchschnitts tue niemandem weh, sagt Sanders, hebe sich von niemandem ab, und "wird nichts verändern". Buttigieg warnt, dass die Demokraten die Wahl nicht gewinnen werden, wenn sie nur "die Rückkehr zur Normalität versprechen".

Der ehemalige Gouverneur von Iowa, der Demokrat Tom Vilsack, gibt seinem alten Freund Biden noch einen guten Rat mit auf dem Weg. Biden müsse sicherstellen, "dass seine politischen Ideen frisch und seine eigenen sind, neu und mutig". Davon aber ist Biden derzeit noch weit entfernt.

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