Süddeutsche Zeitung

TV-Duell im US-Präsidentschaftswahlkampf:Romney streitet sich ins Rennen zurück

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Angriffslustig, dazu ausgerüstet mit Anekdoten und Fakten: Das wochenlange Training hat sich für Mitt Romney ausgezahlt. Der Republikaner treibt US-Präsident Obama in die Enge und gewinnt das erste TV-Duell gegen Barack Obama klar. Allzu lange sollte Romney aber nicht jubeln - in den nächsten Debatten wird Obama keine unerklärlichen Fehler mehr machen.

Matthias Kolb, Washington

Es klang nach Bescheidenheit, aber der Spruch von Barack Obama vom vergangenen Sonntag erwies sich als eine pointierte Prognose: "Gouverneur Romney ist ein großartiger Debattierer, ich bin nur okay." Während des ersten von drei TV-Duellen wirkte der US-Präsident erstaunlich leidenschaftslos, er schien sich nicht sehr wohl auf der Bühne in Denver zu fühlen und blickte oft nach unten auf sein Pult, als sein Herausforderer Mitt Romney sprach (Details im Süddeutsche.de-Liveblog).

Für den 65-jährigen Republikaner hat sich das wochenlange Training ausgezahlt: Romney war voller Energie, auf eine wohl dosierte Art aggressiv und nahm sich die Zeit, um Obamas Argumente en détail zu kommentieren und zu widerlegen. Der Multimillionär wirkte nicht steif, als er von seinen Begegnungen mit Wählern im Land berichtete, deren Leben er verbessern wolle.

Dass Romney dabei manche Behauptungen aufstellte ("Mister President, Sie wollen 700 Milliarden Dollar aus dem Gesundheitsvorsorgeprogramm Medicaid streichen"), die von den unabhängigen Fact-Checkern (Details hier, Hintergründe hier) mehrmals als falsch widerlegt wurden, schien Obama zu verblüffen - doch er ging nicht hart dazwischen.

Die letzte Debatte des Präsidenten liegt vier Jahre zurück, seitdem hat er vor allem Journalisten Interviews gewährt, die ihn nicht allzu hart anpackten. Der 51-jährige Demokrat schien mitunter fast beleidigt, dass Romney ihm widersprach und seine Aussagen in Zweifel zog. Ob der Grund für die schwache Performance die kürzere Vorbereitung oder die fehlende Übung war, ist nebensächlich.

Doch diese Frage wird den überehrgeizigen Präsidenten, der nichts mehr hasst, als zu verlieren, noch beschäftigen. Die Blitz-Umfragen sind jedenfalls eindeutig: Der Sieger der ersten presidential debate des Jahres 2012 heißt Mitt Romney.

CNN ermittelte, dass der Republikaner in allen Themenbereichen als kompetenter eingestuft wurde und auch bei der likability, also der Frage, wer sympathischer war, lag Romney einen Punkt vorn. In diesem Bereich hatte Obama stets einen großen Vorsprung gehabt. Gewiss: Ein großer Teil der Amerikaner hat seine Entscheidung bereits getroffen und Romneys für viele unerwartet gute Leistung in Denver wird die überzeugten Demokraten nicht umstimmen.

"Präsident Obama, sagen sie alle Golfpartien ab"

Seinen Anhängern hat Obama genug Argumente geliefert, doch der Demokrat wird sich am 16. Oktober deutlich mehr anstrengen müssen, um jenen Anteil der noch unentschlossenen Amerikanern zurückzugewinnen, den er für den Wahlsieg am 6. November braucht.

"Präsident Obama, sagen Sie alle Golfpartien ab, Sie haben viel Arbeit vor sich", twitterte der bekannte Politik-Professor Larry Sabato. Obama gab sich in Denver staatsmännisch und verzichtete etwa darauf, auf Romneys Karriere bei der Investmentfirma Bain Capital, dessen Auslandskonten oder jenes Video anzuspielen, in dem Romney vor reichen Spendern 47 Prozent der Amerikaner als Sozialschmarotzer bezeichnet hatte.

Dies mag auf dem Kalkül basieren, dass solche Attacken einerseits nicht zu einem amtierenden Präsidenten passen und diese Argumente andererseits den Amerikanern seit Wochen eingehämmert wurden und bereits Wirkung gezeigt haben. Dennoch: Der Verzicht darauf, diese Argumente zu wiederholen, war ein taktischer Fehler.

Den wird Obama bei den anstehenden Debatten nicht mehr machen, er wird sich kämpferischer und leidenschaftlicher präsentieren. Er wird Romneys Behauptungen klarer widersprechen müssen und sich zugleich trauen, einige der schmutzigen Sprüche, die seine Berater seit dem Sommer verbreiten und die er bei Wahlkampfauftritten seinen Fans zuruft, seinem Widersacher Mitt Romney direkt ins Gesicht zu sagen.

Doch wenn der Republikaner sich auch in dieser Situation so souverän zeigt wie am Abend des ersten TV-Duells gegen einen lustlosen Obama, dann wird es noch einmal richtig spannend, im Rennen um das Weiße Haus.

Der Autor twittert unter @matikolb.

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