Süddeutsche Zeitung

Türkei:Erdoğan erwägt atomare Bewaffnung

  • Bei einem Wirtschaftsforum spricht der türkische Präsident davon, dass er es "nicht akzeptiere", dass die Türkei keine Atomwaffen haben dürfe.
  • Das Land hatte 1980 den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet.
  • Südwestlich der Stadt Mersin entsteht derzeit das erste türkische Kernkraftwerk, errichtet von der staatlichen russischen Rosatom.

Der Türkei sollte nach Auffassung ihres Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan erlaubt werden, in den Kreis der Atommächte aufzusteigen. "Einige Länder haben Raketen mit nuklearen Sprengköpfen, nicht nur eine oder zwei. Aber sie sagen uns, wir könnten sie nicht haben. Das akzeptiere ich nicht", sagte Erdoğan bei einem Wirtschaftsforum in der Stadt Sivas. Es gebe "keine entwickelte Nation in der Welt" ohne Kernwaffen. Letzteres stimmt nicht.

Auch die Türkei hat 1980 den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet. Er sollte ausschließen, dass neben den fünf offiziellen Atommächten USA, Russland, Frankreich, Großbritannien und China weitere Staaten Kernwaffen erhalten. Der Vertrag hat nicht verhindert, dass auch Indien, Pakistan, Nordkorea und Israel Atomsprengköpfe entwickelten oder besitzen.

Erdoğan verwies explizit auf Israel, das Land sei "beinah ein Nachbar". Sein Waffenarsenal wirke abschreckend. Den unmittelbaren Nachbarn Iran und sein Atomprogramm erwähnte er nicht. Ob Ankara tatsächlich Kernwaffen entwickeln will, blieb unklar. Erdoğan sagte nur: "Zur Zeit führen wir unsere Arbeiten weiter." Er lobte auch die Fortschritte der türkischen Waffenindustrie.

Die russische Rosatom errichtet das erste türkische Kernkraftwerk

In den sozialen Medien lösten die Äußerungen Spott, Entrüstung, aber auch Begeisterung aus ("die Türkei verteidigt die muslimische Welt"). Spötter verwiesen darauf, dass die Türkei nicht mal ein Atomkraftwerk alleine bauen könne. Die staatliche russische Rosatom errichtet derzeit am Mittelmeer, südwestlich der Stadt Mersin, das erste türkische Kernkraftwerk. Das Projekt ist hochumstritten, die Region gilt als erdbebengefährdet. Die Zukunft eines zweiten Reaktors bei Sinop am Schwarzen Meer, der mit japanischer und französischer Hilfe geplant war, scheint derzeit wieder ungewiss.

Sowohl in den Verhandlungen mit Japan als auch mit Russland hat Ankara jede Beschränkung für eine Urananreicherung und die Gewinnung von Plutonium abgelehnt. Die Türkei besitzt selbst geringe Uranvorkommen. Die belgische Zeitung De Morgen veröffentlichte im Juli ein Nato-Papier, aus dem hervorgeht, dass die USA etwa 50 Atomwaffen im türkischen Incirlik lagern, einer Luftwaffenbasis unter US-Kontrolle.

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SZ vom 06.09.2019/aner
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