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Trump-Buch von Woodward:Späte Warnung in einer Frage um Leben und Tod

Das Buch des Watergate-Enthüllers Woodward über Donald Trump und seinen Umgang mit der Corona-Krise dürfte ein Bestseller werden. Der Journalist steht aber auch in der Kritik: Hätte er früher informieren müssen?

Von Christian Zaschke

Es ist davon auszugehen, dass nicht wenige Journalisten in Washington neidisch sind darauf, dass ihr Kollege Bob Woodward mal wieder die Schlagzeilen beherrscht und mit seinem Buch zudem eine Menge Geld verdienen wird.

Daher war abzusehen, dass dessen jüngste Veröffentlichung, ganz abgesehen vom Inhalt, nicht überall mit Wohlwollen aufgenommen werden würde. Einige Journalisten haben jedoch eine durchaus berechtigte Frage gestellt: Hätte Woodward nicht früher veröffentlichen müssen, dass US-Präsident Donald Trump die Öffentlichkeit über die Gefährlichkeit des Coronavirus belog? Wäre es nicht sogar seine Pflicht gewesen, schließlich handelte und handelt es sich um eine Frage von Leben und Tod?

David Boardman, Dekan der Journalismusschule der Temple University, formulierte es vorsichtig, als er auf Twitter fragte, ob die althergebrachte Praxis, wichtige Informationen für ein Buch zurückzuhalten, noch ethisch vertretbar sei. Scott Nover, Reporter des Branchenjournals Adweek, formulierte es deutlicher. Er schrieb: "Als Journalisten sollten wir im Interesse der Öffentlichkeit arbeiten. Ich glaube, es hat hier ein Versagen gegeben."

Dass Autorinnen und Autoren Informationen für eine Buchpublikation zurückhalten, ist nichts Neues. In diesem Fall steht nun die Frage im Raum, ob Woodward der Öffentlichkeit einen Dienst erwiesen hätte, wenn er bereits im Februar oder zumindest im Frühjahr darüber berichtet hätte, dass Trump ihm gegenüber offen zugegeben hat, dass er das Virus kleinrede.

Hätte das womöglich etwas geändert? Hätte es einen anderen Umgang mit der Krise gegeben? Keine unwichtige Frage in Anbetracht von fast 200 000 Toten im Land.

Zwar ist Woodward nicht mehr bei der Washington Post angestellt, sie ist aber immer noch sein Hausblatt. Gemeinsam mit Carl Bernstein hatte er in den Siebzigerjahren den Watergate-Skandal enthüllt, der zum Rücktritt des Präsidenten Richard Nixon führte. Seither ist sein Name untrennbar mit dieser Zeitung verbunden.

Deshalb war es auch die Washington Post, die als erste Einblick in das Buch erhielt, und deshalb war es nun auch die Post, der Woodward auf die Frage antwortete, ob er Teile seiner Informationen früher hätte publik machen müssen. Verknappt gesagt und wenig überraschend lautet seine Antwort: Nein.

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Woodward erklärte der Washington Post auf Anfrage, dass er seinerzeit im Februar, als er mit Trump erstmals über das Virus sprach, nicht gewusst habe, woher dessen Informationen stammten.

Erst Monate später habe er erfahren, dass Trump sich auf ein Geheimdienst-Briefing im Januar bezog, als er sagte, das Virus sei tödlich und deutlich gefährlicher als eine gewöhnliche Grippe. Zudem habe das grundsätzliche Problem bestanden, das immer bei Trump bestehe: Man wisse nie, ob der Präsident lüge. Wichtig sei, so Woodward, dass die Informationen vor der Wahl am 3. November in die Welt gelangt seien.

Woodwards erstes Trump-Buch wurde ein Millionen-Seller

Ohne Zweifel wird das Buch aller Kritik zum Trotz ein Bestseller werden. Bereits ein Dutzend von Woodwards Büchern haben es an die Spitze der Bestsellerliste der New York Times geschafft, er ist ein wohlhabender Mann. Sein vorhergehendes Buch über Trump, das 2018 erschienene "Fear" (Angst), verkaufte sich in der ersten Woche nach Erscheinen in den USA 1,1 Millionen Mal. Gut möglich, dass sich das aktuelle Buch "Rage" (Wut) in ähnlichen Sphären bewegen wird.

Dass Bob Woodward eine solche Ausnahmestellung im amerikanischen Journalismus einnehmen würde, war übrigens am Beginn seiner Karriere nicht unbedingt abzusehen. Als Praktikant schrieb er in seinen ersten beiden Wochen bei der Washington Post 17 Artikel. Gedruckt wurde davon nicht einer.

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SZ vom 11.09.2020/odg
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