Süddeutsche Zeitung

Interview am Morgen:"Wir brauchen mehr Gleichheit in Thailand"

Weil sie bei einer Demonstration gegen die thailändische Regierung eine Protestnote verlas, wird Ravisara Eksgool nun von der Justiz belangt. Warum sie vor der deutschen Botschaft demonstrierte und was sie dazu treibt, weiterzumachen.

Interview von Arne Perras

Ravisara Eksgool, 25, geht seit Wochen in Bangkok auf die Straße, um gegen die Militärregierung zu demonstrieren und eine Reform der Monarchie zu fordern. Am 26. Oktober verlas die Thailänderin vor der deutschen Botschaft eine Protestnote. Das hatte Folgen. Nun zählt sie zu jenen, denen in Bangkok lange Haftstrafen drohen.

SZ: Sie sollen wegen Majestätsbeleidigung angeklagt werden. Hat Sie die Anzeige überrascht?

Ravisara Eksgool: Normalerweise gehe ich nur als Demonstrantin zu den Protesten, nicht als Organisatorin. Am Tag, als wir zur deutschen Botschaft zogen, fragte mich jemand, ob ich denn die Erklärung in deutscher Sprache verlesen könne, weil ich das studiert habe. Sie brauchten eine Freiwillige und das habe ich gemacht. Ich war nicht besonders überrascht, dass sie uns nun vor Gericht bringen wollen, nur darüber, wie schnell sie doch meinen Namen herausgefunden haben.

Haben solche Anzeigen eine abschreckende Wirkung auf andere, die in Thailand protestieren wollen?

Die Regierung will das Gesetz zur Majestätsbeleidigung dazu nutzen, Proteste zu stoppen, sie will uns zum Schweigen bringen und uns Angst einjagen, damit alle sehen, welche Macht sie hat. Aber sie liegt falsch. Sie kann uns nicht still halten. Je mehr sie versuchen, Leute wegen Majestätsbeleidigung nach Paragraf 112 anzuklagen, umso wütender und mutiger werden die Menschen.

Interview am Morgen

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Was geht Ihnen in diesen Tagen durch den Kopf?

Ich warte einfach nur. Sie wollen ja, dass ich mich ängstige, aber das schaffen sie nicht. Ich mache einfach weiter meine Sachen, ich verschicke Tweets, ich rede über unseren Protest. Ich habe keine Angst, weil ich so viele Menschen um mich weiß, die nicht zulassen werden, dass mir was zustößt. Noch ist ja auch nicht sicher, was vor Gericht genau passieren wird. Mein nächster Gerichtstermin sollte an diesem Donnerstag sein, aber er ist nun verlegt auf den 15. Februar.

Wie hat Ihre Familie darauf reagiert, dass Ihnen der Prozess gemacht werden soll?

Meine Familie hatte schon vorher Gerüchte gehört, dass ich angeklagt werden soll, sie war also etwas vorbereitet, und sie wird mich auf meinem Weg unterstützen. Sie sind alle nicht so gestresst, weil noch nichts entschieden ist. Alles ist offen, es kann zwei bis drei Jahre dauern, bis Klarheit herrscht.

Wie steht Ihre Familie zur Monarchie?

Nicht alle sind bei uns gleicher Meinung, meine Großeltern, zum Beispiel, verstehen einfach nicht, was wir da machen. Sie glauben, es ist schlecht, Kommentare über die königliche Familie abzugeben. Sie glauben, dass die königliche Familie Gott ist, dass sie viel Gutes für die Leute tut.

Das regierende Militär behauptet immer wieder, sie schützten die Einheit Thailands. Spalten die Proteste das Land?

Ich frage mich ehrlich: Wie sollen friedliche Proteste ein Land spalten, wir sagen nur unsere Meinung und fordern ein besseres Leben. Selbst für jene, die nicht so denken wie wir.

Sie gehören zur thailändischen Mittelklasse. Was war der Auslöser für Sie, an den Protesten teilzunehmen?

Als ich zur Universität ging, habe ich auch Deutsch an der Schule unterrichtet. Da fielen mir gewaltige Unterschiede im Niveau auf, die Schulen sollten überall auf dem gleichen Stand sein. Also dachte ich, was kann ich tun, damit alle Kinder in Thailand die gleichen Chancen haben? So kam das Interesse an der Politik. Die Regierung hat die Macht, das alles zu tun, aber sie ändern nichts.

Was hat das mit der Monarchie zu tun?

Ich glaube, diese Regierung will das Schulsystem nicht reformieren, denn sonst gibt es noch viel mehr Schüler und Studenten, die ihre Meinung äußern werden und nicht mehr glauben, was die Regierung uns glauben machen will. Unser Problem ist doch: Wir können nicht über die Monarchie sprechen. Überhaupt nicht. Es hat Fälle von Aktivisten gegeben, die wegen Majestätsbeleidigung ins Gefängnis kamen. Einige verschwanden einfach gewaltsam in ihrem Exil. Zum Beispiel Wanchalearm Satsaksit oder Surachai Saedan.

Eine Forderung der Protestbewegung lautet: "Nieder mit dem Feudalismus". Wollen Sie die Monarchie ganz abschaffen?

Es geht um die privilegierten Schichten, das Militär, die reichen Leute. Wir brauchen mehr Gleichheit im Land. Weil unser Land von diesen Leuten regiert wird und sie alles zu ihrem eigenen Nutzen tun und nicht für uns. Nehmen Sie zum Beispiel die Covid-19-Krise, da hatten die Reichen nicht dieselben Probleme wie die unteren und mittleren Schichten.

Der König verbringt viel Zeit in Deutschland, ist nun aber wieder seit einigen Wochen in Thailand. Sie haben vor der deutschen Botschaft in Bangkok demonstriert. Warum?

Wir wollen, dass viele Länder unsere Stimme hören. Wenn die internationale Gemeinschaft ein Auge auf uns hat, wird die Regierung vorsichtiger sein.

War es die Sache wert, einen Prozess zu riskieren?

Ja, auf jeden Fall. Als klar war, dass ich vor Gericht muss, ist es vielen Leuten um mich herum erst richtig bewusst geworden, was in Thailand geschieht. Viele Leute in der Mittelklasse sind bequem, sie mögen die Regierung nicht, aber sie wagen auch nichts. Als ich meine Anzeige bekam, hat das manchen die Augen geöffnet. Ich bin ja nur ein ganz normaler Mensch. Warum wollen sie mich zum Schweigen bringen?

Welche Pläne haben Sie, falls die Anklage doch noch fallen gelassen wird?

Ich würde gerne nach Deutschland gehen, um dort ein weiteres Studium zu absolvieren. Ich hätte das längst gemacht, aber wegen der Anzeige musste ich das erst einmal zurückstellen. Mich interessieren die Medien. So viele Leute, vor allem die älteren, sind schlecht informiert in unserem Land, weil es ein Teil der Presse gar nicht wagt zu berichten, was geschieht. Ich würde nach dem Studium wieder nach Hause gehen und versuchen, das zu ändern.

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