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Romney erzürnt die Briten:Auf Sarah Palins Spuren

Wie viele Patzer verträgt ein Präsidentschaftskandidat? Mitt Romney leistet sich in der Olympia-Stadt London so einige. Manchen Tea-Party-Anhänger wird der hemdsärmelige Auftritt vielleicht gefreut haben. Trotzdem muss Romney außenpolitisch dringend weitere Peinlichkeiten vermeiden - denn der Durchschnittswähler will einen Präsidenten mit Grandezza.

Glückwunsch, Mitt Romney! Zum Auftakt seiner Reise durch Großbritannien, Polen und Israel hat der US-Republikaner gleich mal klargemacht, dass mit ihm tatsächlich "ein amerikanisches Jahrzehnt" in der Außenpolitik beginnt, wie er verspricht. Dass er keiner dieser Kuschelpolitiker ist, die nur freundliche Worte finden, wenn sie beim Olympia-Gastgeber in London eingeladen sind. Dass er die Probleme anspricht, ohne Rücksicht auf diplomatische Gepflogenheiten.

Nett sein zu den Briten? Warum denn? Daheim sitzen die Erzkonservativen, die Tea-Party-Bewegung, deren Name nicht zufällig an einen Akt des Widerstands gegen die britische Kolonialmacht im Jahr 1773 erinnert. Der Tea Party war Romney bislang viel zu liberal, bei ihr wird er mit seinen Aussagen Eindruck gemacht haben. Oder? Eine Auswahl:

[] Nach einem - geheimen - Treffen mit dem Chef des britischen Auslands-Geheimdienstes MI6 erklärte Mitt Romney der Presse, er wisse dessen Ansichten zu schätzen. Womit das Treffen nicht mehr geheim war. Dafür vergab die Londoner Tageszeitung The Guardian fünf von zehn Punkten auf der Schamesröte-Skala.

[] "Beunruhigende Anzeichen", sah Romney hinsichtlich der Frage, ob London in der Lage sei, die Olympischen Spiele auszurichten. Es sei "schwer zu sagen, wie gut es werden wird". Romney hatte selbst die Winterspiele 2002 mitorganisiert. Der britische Premier David Cameron konterte im Hinblick auf den damaligen Austragungsort Salt Lake City, Utah: "Es ist natürlich einfacher, wenn man die Spiele mitten im Nirgendwo abhält." Vom Guardian gab es dafür acht von zehn Peinlichkeits-Punkten.

[] Noch deutlicher wurde Londons Bürgermeister Boris Johnson, Spitzname "Die blonde Gefahr", der bei der Entzündung des Olympischen Feuers Zehntausenden im Hyde Park zurief: "Wie ich hörte, gibt es einen Typen namens Mitt Romney, der wissen möchte, ob wir bereit sind. Sind wir bereit?" Die Menge antwortete mit einem vielstimmigen "Yes". Vom Guardian erhält Romney für diese Demütigung die volle Peinlichkeits-Punktzahl und den Ratschlag: "Time to go home."

[] Nebenbei redete Romney den britischen Oppositionsführer Ed Miliband mit "Mister Leader" an, was amerikanischen Gepflogenheiten entspricht, für die Briten aber nach Nordkorea klang (drei Punkte). Außerdem sprach er von der "Nation of Great Britain", was Blödsinn ist, weil die Nationen England, Schottland und Wales das Vereinigte Königreich Großbritannien und Nordirland bilden (ohne Wertung).

Hemdsärmeliger lässt sich so ein Reise-Auftakt kaum gestalten. Er müsste ganz nach dem Geschmack jener Beobachter sein, die sich den Präsidenten als rücksichtslosen "Commander in Chief" vorstellen, der der Welt seine Meinung sagt. Doch tatsächlich ist die konservative US-Presse verdächtig still. Kein Applaus für Romney, nirgends.

Die Häme der liberalen Medien ist umso größer. "How To Royally Piss Off An Ally", schreibt das Blog The Daily Beast. Die Kollegen von Daily Kos titeln: "Mitt Romney's very, very bad day". Und selbst der rechtslastige Fernsehsender Fox News kommt um eine Negativschlagzeile nicht umhin: "Romney causes London stir over Olympic readiness remark."

Von den Reaktionen auf Twitter ganz zu schweigen. Unter den Hashtags #romneyshambles und #AmericanBorat ist ein bunter Strauß hämischer Kommentare einzusehen. Alternativ kann der geneigte Leser auch nach "Sarah Palin" suchen, die jetzt häufig in einem Atemzug mit Romney genannt wird.

"England ist nur eine kleine Insel"

Palin hatte ihre außenpolitische Kompetenz im Wahlkampf 2008 mit der These zu untermauern versucht, sie könne Russland von ihrem Haus in Alaska aus sehen. Palin war Vize-Präsidentschaftskandidatin des Republikaners John McCain, der auch Mitt Romney als running mate in Augenschein genommen hatte, aber davon absah. Womöglich, unken jetzt britische Medien, weil Romney außenpolitisch noch schlimmer auftritt als Palin.

Sein demokratischer Konkurrent Barack Obama hat auf diesem Feld einigen Vorsprung. "Er hat Bin Laden erwischt und stand auf der richtigen Seite des Arabischen Frühlings", schwärmt die New York Times. Romney setzte dem bislang allenfalls beredtes Schweigen entgegen. (Mehr zu seiner Unauffälligkeit in diesem SZ-Kommentar.)

Die Auslandsreise nach Großbritannien, Polen und Israel war als Versuch gewertet worden, außenpolitisch an Profil zu gewinnen. Wie schlimm ist es für Romney, dass er den Auftakt versemmelt hat?

"Die Amerikaner sind hin- und hergerissen"

Die republikanischen Stammwähler scheinen von Außenpolitik unbeeindruckt, einerseits. Das legt zumindest eine Umfrage vom Januar nahe, wonach 81 Prozent der Befragten von Präsident Barack Obama verlangten, sich in erster Linie um Innenpolitik zu kümmern. Die Wirtschaft werde die Wahl entscheiden, hieß es damals. Daran wagt auch heute kaum ein Experte zu zweifeln.

Andererseits sind viele Amerikaner - und gerade die Republikaner - besorgt, ihre Heimat könne ihren Status als Supermacht verlieren und von anderen Nationen dominiert werden. "Die Amerikaner sind hin- und hergerissen", schrieb die New York Times vergangenes Jahr. "Sie sind kriegsmüde. Sie wollen Jobs. Aber gleichzeitig wurmt sie das Gerede vom Abstieg Amerikas und Aufstieg Chinas. Sie wollen einen Präsidenten, der für amerikanische Größe einsteht."

Stolperfallen der Vergangenheit

Mit Größe hatte Romneys Auftritt in London wenig zu tun. Der Republikaner muss darauf hoffen, dass ihm die Patzer in der Heimat als Kauzigkeiten durchgehen. Bei den kommenden Stationen in Polen, wo es um den US-Rivalen Russland gehen wird, und in Israel, wo der gesamte Nahostkonflikt auf ihn wartet, darf sich Romney derlei Auffälligkeiten nicht erlauben.

Seine Berater sind aufgerufen, vor der Weiterreise Vorsicht walten zu lassen. Stolperfallen stecken auch in der Vergangenheit, etwa in Romneys Buch No Apology aus dem Jahr 2010. Über Großbritannien heißt es dort:

"England ist nur eine kleine Insel mit kleinen Straßen und kleinen Häusern. Es produziert mit wenigen Ausnahmen keine Dinge, die Menschen im Rest der Welt kaufen möchten. Wenn es nicht vom Wasser umgeben wäre, wäre es mit hoher Wahrscheinlichkeit Hitler zum Opfer gefallen."

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