Süddeutsche Zeitung

Nahles und Kramp-Karrenbauer:Harmonische Konkurrentinnen

  • Das Inforadio rbb, die Bertelsmann-Stiftung und die SZ haben Andrea Nahles und Annegret Kramp-Karrenbauer für eine Diskussionsrunde zusammengebracht.
  • Es ging um die Frage: Retten Frauen die Volksparteien?
  • Dabei zeigt sich, dass zwischen den beiden Frauen ein entspanntes Verhältnis herrscht - auch wenn die Umstände sie zu Konkurrentinnen machen.

Es gibt, wie sich an diesem Abend herausstellt, einige Gemeinsamkeiten zwischen Andrea Nahles und Annegret Kramp-Karrenbauer. Auf eine davon könnten die beiden Frauen womöglich gut verzichten: Sie kämen ja aus dem Südwesten der Republik, sagt die SPD-Vorsitzende aus Rheinland-Pfalz über sich und die CDU-Vorsitzende, die aus dem Saarland stammt. "Wir irritieren beide regelmäßig durch Karnevalsauftritte den Rest der Republik", so Nahles weiter.

Kramp-Karrenbauer hatte sich jüngst mit einem umstrittenen Toilettenwitz Ärger eingehandelt, Nahles zumindest einige Verwunderung mit einem Auftritt in Thüringen, bei dem sie laut lachend "Humbahumbatäterää" sang und für einen Parteigenossen den Spitznamen "Mindestlohni" vorschlug. "Das ist die Bürde, die wir zu tragen haben", sagt Nahles jetzt mit nicht ganz ernstem Gesicht.

Es geht um grundsätzliche Fragen

Es liegen eine gewisse Lockerheit und harmonischer Grundton am Mittwochabend über diesem Gipfeltreffen der beiden Parteivorsitzenden, dem ersten dieser Art. Ganz anders als "die apokalyptische Melodie", die fortwährend die große Koalition begleite, wie die SPD-Vorsitzende findet. Nahles, 48, ist nun bald ein Jahr im Amt, Kramp-Karrenbauer, 56, fast vier Monate. Das Inforadio rbb, die Bertelsmann-Stiftung und die SZ haben die beiden in Berlin zusammengebracht, um über die Frage zu diskutieren: Retten die Frauen die Volksparteien? Den Moderatoren Angela Ulrich (ARD) und Stefan Braun (SZ) geht es um grundsätzliche Fragen an diesem Abend.

Zum Beispiel darum, welchen Unterschied es macht, dass erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik zwei Frauen an der Spitze von CDU und SPD stehen. Andrea Nahles gibt unumwunden zu, dass sie sich gefreut habe, als Annegret Kramp-Karenbauer im vergangenen Dezember das Duell mit Friedrich Merz auf dem Hamburger CDU-Parteitag für sich entschied, "von Frau zu Frau", sagt die SPD-Chefin. Obgleich eine Frau seit mehr als 13 Jahren Kanzlerin ist, würden allerdings immer noch dieselben Fragen gestellt, die man bei Männern nie höre: "Kann sie das?" Auch Kramp-Karrenbauer hat das erlebt und mag vor allem ein Wort nicht mehr hören, das ihr oft begegne, wenn sie wieder einmal eine Männerrunde davon überzeugt habe, durchaus über politische Kompetenz zu verfügen: Sie habe ja eine erstaunliche "Lernkurve" hingelegt, heißt es dann gönnerhaft. Über Männer würde sie solche Beurteilungen nie hören, so die CDU-Vorsitzende.

Nun haben beide Frauen mehrere Rollen zu erfüllen. Sie sind Vorsitzende von Parteien, die beide in letzter Zeit wieder verstärkt darauf achten, sich voneinander abzugrenzen. Es habe doch immer geheißen, die Parteien seien sich zu ähnlich geworden, sagt Nahles. Jetzt bemühten sich beide, die Unterschiede stärker herauszustellen. "Das finde ich erst einmal eine Bereicherung", sagt Nahles. Zugleich müssen sie auch zusammen regieren. Kein Problem, finden beide. Der Kontakt sei eng, auch wenn man sich nicht jeden Tag begegne, so Nahles. Vieles regle man am Telefon.

Ein entspanntes Verhältnis hat seinen Wert

Wohl aber sieht man sich alle paar Wochen im Koalitionsausschuss. Die SPD-Vorsitzende, die als Arbeitsministerin schon frühere Runden erlebt hat, findet, mit mehr Frauen stelle sich "eine klimatische Veränderung" ein. Es sei alles "weniger kompliziert". Nahles erwähnt an diesem Abend auffallend oft den Namen Seehofer - und zwar stets derart, dass es für sie leichter sei, seit er nicht mehr dabei ist. Kramp-Karrenbauer spricht nur an einer Stelle vom Niedergang der Schwesterpartei, meint damit aber nicht die CSU, sondern die politische Verwandtschaft in Frankreich.

Mehr Kompromissfähigkeit also? Kramp-Karrenbauer sieht bei beiden Frauen das notwendige Maß an Professionalität, mit dem die Doppelrollen als konkurrierende Parteivorsitzende und regierende Koalitionäre durchaus vereinbar seien. Man müsse in Streitfällen Lösungen finden, die den Spielraum des jeweiligen Partners berücksichtigten. "Sonst geht es zu Lasten des anderen", und das helfe am Ende niemandem. Beide Damen geben sich gelassen, wenn es darum geht, Diskussionen oder auch mal einen Konflikt auszuhalten. Nicht alles gefährde immer gleich den Bestand der Koalition, wie es in der Öffentlichkeit gerne beschrieben werde. Und wenn Kramp-Karrenbauer als Vorsitzende der CDU mit ihr über unterschiedliche politische Positionen streite, "dann weiß ich, das ist nichts Persönliches". Das klingt so selbstverständlich, ja fast banal - doch wenn man sich an die Konflikte zwischen Angela Merkel und Horst Seehofer erinnert, die immer auch beladen waren vom Ballast vieler gemeinsamer Jahre in der Politik, dann hat ein so entspanntes Verhältnis durchaus seinen Wert.

Eine Mehrheit rechnet nicht mit einer Erholung der Volksparteien

Trotzdem stehen beide vor ähnlichen Herausforderungen, die sie auch zu Konkurrentinnen machen. Die Volksparteien verlieren an Zuspruch, manche sagen sogar, sie kämpfen ums Überleben, auch wenn das derzeit vor allem die SPD zu betreffen scheint. Robert Vehrkamp von der Bertelsmann-Stiftung streut in die Diskussion immer wieder auch Ergebnisse einer Allensbach-Umfrage ein, die, sehr verkürzt, zu dem Befund führen, dass zwar vor allem unter älteren Bürgern der Ruf der Volksparteien nicht so schlecht ist. Eine große Mehrheit von fast 75 Prozent sorgt sich, dass mit schwächelnden Volksparteien eine Regierungsbildung immer schwerer werde. 65 Prozent fürchten, dass Parteien für eine Koalition immer mehr Kompromisse machen müssten. Fast ebenso viele sagen als Konsequenz voraus, dass größere Reformen dann kaum noch durchgesetzt werden könnten.

Der Glaube, dass die Volksparteien wieder ihre alte Machtposition einnehmen könnten, ist trotzdem nicht sehr ausgeprägt. Gefragt, ob die Zeit für Union und SPD vorbei sei oder ob die beiden noch einmal zu alter Stärke zurückkehren könnten, antworteten fast 54 Prozent der Befragten, sie rechneten nicht mehr mit einer solchen Erholung. Auch auf die Frage, ob es ihnen wichtig sei, bei Wahlen eine große Partei zu wählen, antworten heute knapp 56 Prozent, dass ihnen das mehr und mehr egal ist.

Was tun? Nahles wie Kramp-Karrenbauer räumen erst einmal den zugespitzten Titel des Diskussionsabends beiseite: Beide sind sich einig, dass eine Frau allein nicht die jeweilige Partei retten könne. Das sei ein "Gesamtkunstwerk", sagt Kramp-Karrenbauer. Sie glaubt aber, dass der Befund schwächelnder Volksparteien Ausdruck eines insgesamt schwindenden Vertrauens in die Politik sei. Man habe in den vergangenen Jahren unter dem Druck mannigfacher Krisen zu wenig die Zukunftsthemen bearbeitet, zu denen Kramp-Karrenbauer insbesondere den Ausgleich zwischen Umweltfragen und der Sicherung von Wohlstand und Arbeitsplätzen zählt.

Beide verteidigen das Prinzip der Volksparteien

Auch Nahles analysiert für die SPD, dass viele Leute enttäuscht seien über die Bewältigung der Globalisierungsfolgen. Wegweisend sei da die Bankenkrise gewesen, als die Menschen wahrgenommen hätten, dass die Banken "die Verbrecher" gewesen seien, die man dann auch noch habe retten müssen. Nun wolle man neue Antworten finden, wofür sie in der Partei auch eine Kommission gebildet habe. "Aber damit hätten wir schon vor fünf Jahren anfangen müssen."

Das Prinzip der Volksparteien verteidigen beide, gerade in Zeiten einer zunehmenden Individualisierung der Gesellschaft. Es sei schwerer geworden, den Zusammenhalt der Gesellschaft zu organisieren, auch weil die Anspruchshaltung vieler Leute größer geworden sei. "Wenn jeder nur noch sein Interesse verfolgt und glaubt, man könne einfach bestellen wie bei Amazon, dann funktioniert das nicht", so Nahles. Und Kramp-Karrenbauer sieht den großen Vorteil der Volkspartei noch immer darin, dass Kompromisse schon frühzeitig über unterschiedliche Interessen hinweg gefunden werden könnten.

Die Frage nach der Koalition spielt keine Rolle

Und was bedeutet das Engagement junger Leute, zum Beispiel in der "Fridays for Future"-Bewegung? Kramp-Karrenbauer sagt, man dürfe dieses Engagement nicht nur loben, sondern müsse auch Angebote machen, die Anliegen zu diskutieren. Nur dann nehme man die jungen Leute wirklich ernst. Ähnlich sieht das Nahles, die freilich zugleich darauf verweist, dass jüngere Parteimitglieder gerade in der SPD schon einiges Gewicht einbringen könnten. Ohne die Jusos und den Namen Kevin Kühnert zu nennen, erinnert die SPD-Vorsitzende daran, dass die Jungen in letzter Zeit "manchen Parteitag zum Wackeln" gebracht hätten.

Apropos Kühnert. Die Frage nach der Zukunft der Koalition spielt an diesem Abend praktisch keine Rolle. Nur einmal hört man von Nahles eine Anspielung auf die anhaltenden Spekulationen, die SPD könne das Bündnis vorzeitig beenden. Wer aussteigen wolle, so die SPD-Chefin, müsse auch wissen, "wo man einsteigen will". Auch dazu gibt es von Kramp-Karrenbauer keinen Widerspruch.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4386481
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ.de/csi/stein
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.