Süddeutsche Zeitung

London und die Gewalt:Krawalle in Ruinen

Wie kann Großbritannien verhindern, dass seine gespaltene Gesellschaft restlos auseinanderfliegt? Szenen aus London: Premier Cameron droht den Randalierern mit Wasserwerfern und Gefängnis, die Polizei spricht über den Einsatz von Hartgummigeschossen - andere ergehen sich in rassistischen Untertönen oder hoffen auf die Queen.

In London gehört die Straße jetzt den Polizisten. Im ganzen Stadtgebiet patrouillieren sie, mit neongelben Westen und mit Bobbyhüten. Auch auf dem Leicester Square, und hier bekommen sie Dank. Passanten wollen ihnen die Hände schütteln für ihren Einsatz.

London atmet auf. Es war die vierte Nacht der britischen Randale, die Einwohner hatten sich auf einen neuen Gewaltausbruch eingestellt - doch diesmal ist die Hauptstadt vom Mob weitgehend verschont geblieben.

Dafür wurde Manchester heimgesucht von Plünderungen, von Raubzügen, von Brandstiftungen.

Was macht die Angst vor entfesselter Gewalt mit einer Millionenmetropole? Wie geht eine Stadt damit um, dass in ihren Problemvierteln plötzlich eine Art nächtlicher Bürgerkrieg auszubrechen scheint? London wappnet sich. Die Angestellten in der City verlassen früher ihre Büros, eilen in überfüllten Zügen nach Hause, am Verkehrsknotenpunkt Elephant & Castle werden fast alle Geschäfte geschlossen - und es gibt, wann hat man das das letzte Mal erlebt?, keinen Stau in der ganzen Stadt. Ikea in Nord-London? An diesem Dienstagabend um sechs verwaist. Der Trödelmarkt in Camden? Menschenleer. Die Doppeldeckerbusse abends um 18 Uhr? Überall freie Plätze. Ans Ausgehen und Shoppen denkt kaum einer angesichts der Nächte zuvor, in denen sich die Randale durch London fraß.

Mit Besen und Baseballschlägern bewachen diesmal mancherorts die Bewohner Straßenzüge, die in den Nächten zuvor verheert worden waren. Dazu sichern 16.000 Polizisten die Stadt, um neue Gewalt zu verhindern. Ihr Auftrag: keine hässlichen Bilder mehr von zerstörten Geschäften, ausgebrannten Autos und geplünderten Läden. Das ist zumindest die Hoffnung, allen voran die von Boris Johnson. Der Bürgermeister hat seinen Urlaub doch noch abgebrochen, ist zu schwarzen Jugendlichen im Süd-Londoner Stadtteil Clapham gefahren - und dort ausgebuht worden.

Johnson macht sich dafür stark, den eigenen Kurzmitteilungsdienst von Blackberrys zu sperren. Britische Medien haben herausgefunden, dass die meist arbeitslosen Randalierer vor allem auf den klobigen Handys und deren Nachrichtendienst miteinander kommunizieren. Blackberrys sind eben längst nicht mehr jedes Managers Traum, sondern Massenware, unter Preis verscherbelt. Sogar Punks laufen damit herum. Der kanadische Hersteller RIM ist auf Johnsons Vorstoß eingegangen. Man habe Kontakt mit den Behörden aufgenommen, teilte das Unternehmen mit - womöglich um bei der Entschlüsselung von Nachrichten zu helfen. Der Kurznachrichtendienst Twitter dagegen ließ es laut BBC offen, ob er Daten jener Mitglieder an die Polizei weiterleiten wird, die zu Randale anstacheln.

"Die müssen alle hart bestraft werden"

Johnson hatte noch am Wochenende gesagt, London sei eine der "sichersten Städte" der Welt. Jetzt muss der Tory-Politiker plötzlich lautstark fordern, bloß nicht bei der Polizei zu sparen - und stellt sich damit gegen die ebenfalls konservativ geführte Regierung von Premierminister David Cameron.

Auch dieser müht sich, Handlungsfähigkeit zu zeigen. Cameron schüttelte, von einer Armada von Journalisten begleitet, in Clapham Polizistenhände. Auch er hat extra seinen Urlaub abgebrochen, damit Bilder von ihm zu sehen sind, die vermitteln: Wir haben die Stadt im Griff. "Sie werden die volle Härte des Gesetzes zu spüren bekommen", drohte Cameron den Randalierern. Wenn sie alt genug seien, solche Straftaten zu begehen, seien sie auch alt genug, um die Strafe dafür auszuhalten. Cameron sprach über Wasserwerfereinsätze und einen Ausbau des Gefängnissystems - aber auch bei ihm scheint angekommen zu sein, dass die Gewalt soziale Ursachen hat. In Teilen der britischen Gesellschaft herrsche vollkommene Verantwortungslosigkeit, sagt er. Wenn man sehe, wie Jugendliche Geschäfte plündern und dabei lachen, sei klar, dass in der Gesellschaft etwas nicht stimme. "Das ist ein moralisches wie politisches Problem."

Wie aber lässt es sich lösen - und wie wird die Polizei die Lage überall im Land unter Kontrolle bekommen? Man werde künftig nicht davor zurückzuschrecken, mit Hartgummi-Munition zu schießen, hat die Polizei mitgeteilt. Gewalt und Gegengewalt.

Viele Polizisten sind in den Krawallnächten verletzt worden. Wie schwierig die Lage für sie ist - auch das ist in dieser eher friedlichen Nacht auf Mittwoch zu beobachten. In der Nähe des Hyde-Parks und des Luxuskaufhauses Harrods stehen kurz nach Mitternacht drei Mannschaftswagen und davor Dutzende Polizisten. Sie dürfen eigentlich nicht reden, nicht mit Journalisten. Aber weil gerade so wenig los ist und die Stadt menschenleer, lassen Sie ihrem Ärger doch freien Lauf. "Ich frage mich, wo die Eltern der Randale-Kids sind", sagt einer. "Wundern die sich nicht, wieso die plötzlich mit fünf neuen Jeans nach Hause kommen?"

Eine Polizistin fordert: "Die müssen alle hart bestraft werden, so schnell wie möglich. Es kann nicht sein, dass diese verzogenen Kinder unsere Straßen beherrschen." Und dann, mit rassistischem Unterton: "Das hier ist Großbritannien, nicht die Elfenbeinküste." In den Problemvierteln leben viele Briten und Zuwanderer mit dunkler Hautfarbe.

Sie kämpfen seit langem um den Aufstieg in der gespaltenen, elitären Gesellschaft dieses Landes (mehr dazu). Viele scheitern. Das ist die Wurzel der Probleme. Wer macht sich daran, sie zu beseitigen?

Im Stadtteil Tottenham, wo die Unruhen begonnen haben, lebt Familie Basu - Vater, Mutter, drei Kinder - kehren gerade zurück von einer unfreiwilligen Nacht im Auto. "Es ist unfassbar, aber wir haben uns nicht mehr sicher in unserer eigenen Wohnung gefühlt", sagen sie. "Wir haben zu fünft in unserem Auto geschlafen, nur Decken mitgenommen, was zu trinken und was zu essen."

Die Kinder sehen übernächtigt aus. Die Mutter schließt die Haustür auf und geht mit ihnen nach oben in die Wohnung. "Ich hätte nie gedacht, dass so etwas in England passieren kann", sagt Andan Basu, der in Brick Lane Stoffe aus Indien verkauft, "in England, dem Land der Queen!"

Dann fügt er hinzu, er fände es "übrigens gut, wenn sich die königliche Familie mit beruhigenden Worten mal einmischen würde".

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