Süddeutsche Zeitung

FDP:Lindners Trip in die Zukunft

Mit einem Besuch bei grünen Start-ups will der Parteichef seine Idee von Klimaschutz vorstellen. Und einen Satz aus der Welt schaffen, der ihn viel Sympathie gekostet hat.

"Auf sie mit Gebrüll!" Der Satz, den Christian Lindner in die Runde wirft, als er aus dem Bus steigt, soll natürlich ein Spaß sein. Er soll witzig klingen und noch einmal unterstreichen, dass da einer gewillt ist, sich wieder ins Getümmel zu stürzen. Was bei Lindner nur deshalb etwas Besonderes ist, weil er im politischen Getümmel der Hauptstadt zuletzt fast keine Rolle gespielt hat. Das will er ändern.

Und so hat sich der FDP-Chef an diesem Augusttag 2019 aufgemacht, ein paar Start-ups zu besuchen, die mit Klimafragen Geschäfte machen möchten. Kein Thema beherrscht so sehr die Schlagzeilen; keine Partei wird mit dem Thema so wenig verbunden wie die Freien Demokraten. Lindner will diese Lücke offenkundig schließen.

Erste Station ist Potsdam. Hier hat sich das Unternehmen "Motiontag" niedergelassen. "Reisen der Zukunft leicht gemacht", lautet einer der Slogans. Die Geschäftsidee klingt wie so oft ganz einfach. Mit seiner Datensammlung und seiner Software will das junge Start-up (26 Mitarbeiter aus 12 Ländern) Privatkunden beim Reisen helfen und Unternehmen beim Transport ihrer Waren unterstützen. Für den Reisenden will es ideale Routen, kürzeste Reisezeiten und einen kostengünstigen digitalen Ticketkauf möglich machen. Transportunternehmen sollen profitieren, indem sie ihre Waren mit Hilfe des Start-ups möglichst schnell und günstig von einem Ort zum anderen befördern können.

Das Wort Klima fehlt bei der ersten Zusammenfassung. Dann ergreift die PR-Verantwortliche das Wort und zeigt, dass dem Unternehmen angeblich nichts so wichtig ist wie der Kampf gegen die drohende Klimakatastrophe. Die junge Frau präsentiert ein dramatisches Gemälde aus Fotos, Videos und Statistiken: gigantische Staus, dramatische Verkehrslagen, eine gewaltige Luftverschmutzung, verheerende gesundheitlichen Folgen und fatale volkswirtschaftliche Kosten. Nach acht oder zehn Minuten hat sie klar gemacht, dass der Verkehr mörderisch, die Erderwärmung fürchterlich und das neue Produkt unerlässlich ist.

Lindner gefällt das. Selbstbewusste junge Leute, die vom eigenen Produkt schwärmen, das kommt gut an beim FDP-Parteichef. Immer wieder fragt er nach, erkundigt sich nach den Lebensläufen; will wissen, wie sie an die Daten gelangen. Zweifel möchte er nicht auslösen. Weder er noch seine FDP-Kollegen wollen die positive Grundstimmung etwa durch Fragen nach dem Datenschutz stören. Zu sehr gefällt Lindner, dass hier neue technische Ideen gegen den Klimawandel helfen sollen - und nicht Vorschläge, das Leben zu reglementieren. Gemäß der Losung, die er zu Beginn des Trips ausgegeben hatte: "Klimaschutz geht auch anders - es geht auch ohne Verbote."

"Faktisch" würde er noch einmal dasselbe sagen

Neu ist dieser Satz nicht. Lindner hält ihn seit Jahren für die beste Position in der Debatte. Inzwischen kommt der Satz bei ihm aber eher trotzig als selbstbewusst daher. Der Grund liegt vor allem in ihm selber. Er hatte sich in der ersten Hochphase der "Fridays-for-Future" Bewegung mit einem einzigen Satz aus der Debatte katapultiert. In einem Interview mit der Bild am Sonntag sagte er, die protestierenden Schüler sollten das Thema Klima doch besser "den Profis überlassen". Sehr viele empfanden den Satz als äußerst arrogant, und die Aussage setzte sich so schnell fest, dass Lindner sie nicht mehr einfangen konnte.

Als er wieder im Bus sitzt, auf dem Weg zum nächsten Jungunternehmen, denkt er über den Satz noch mal kurz nach. Dann sagt er entschlossen, dass er ihn heute "faktisch" genauso sagen würde. Er habe mit Profis "nie die Politiker gemeint" und also auch nicht sich selber, sondern "die Experten". Also Klimaforscher und all jene, die das Klima mit neuen Ideen und technischen Neuerungen retten wollten. Ob das so stimmt, kann nur er selbst wissen. Jedenfalls hatte der Satz Folgen für Lindner. Er machte es ihm schwer, in der seit Monaten wichtigsten politischen Debatte eine Rolle zu spielen.

Eine knappe Stunde später erreicht Lindner seine zweite Etappe: Bestensee, südöstlich der Hauptstadt. Hier hat sich auf einem alten NVA-Gelände das Start-up Green City Solutions niedergelassen. Dessen 20 Mitarbeiter wollen die Luft in den Städten mit Hilfe von Moos verbessern. Gärtner, Stadtplaner, Landwirtschaftsexperten und IT-Entwickler haben sich zusammengetan, um unter Nutzung besonderer Moos-Sorten vor allem den Feinstaub in der Luft zu bekämpfen. Moos gehöre zu den wenigen Pflanzen, die Feinstaub und Stickoxide in sich aufnehmen und diese via Stoffwechsel zum eigenen Wachstum nutzen. Und weil Moose die Stoffe zerlegen, statt sie auszusondern, bleibt kein Rest übrig. Moose als geniale Schadstoff-Verwerter.

Nun ist das alles nicht so einfach, wie es klingt. Trotzdem ist Lindner über alle Maßen begeistert. Oft dienen Kurzbesuche von Politkern bei Unternehmen dazu, unbekannten Ideen zu mehr Öffentlichkeit zu verhelfen. In diesem Fall gilt auch das Umgekehrte. Eine verblüffende Geschäftsidee soll auch das Image des Besuchers aufpeppen.

Entsprechend überschwänglich begrüßt Lindner den Firmenvertreter. Er schwärmt von einem besonderen Beispiel, "wie technische Innovation großartige Lösungen hervorbringt". Und weil das ohnehin seine zentrale Botschaft sein soll, lässt er sich die Sache technisch bis ins kleinste Detail hinein zeigen. Ein Modul, etwa 80 auf 160 Zentimeter groß, kann demnach so viel Luft filtern, wie 7000 Menschen pro Stunde ein- und ausatmen. Es kostet gut 4500 Euro, doch bei größeren Stückzahlen sänke der Preis. Das Prunkstück, eine ungefähr vier Meter hohe Moos-Wand, beidseitig mit Holzbank-Sitzgelegenheiten, kostet bislang mehr als 60.000 Euro.

Die Präsentation macht deutlich, wie schwer es ist, die richtige, also widerstandsfähigste und zugleich wirkungsvollste Moos-Sorte zu finden. Und wie aufwendig es ist, das Moos stets in der richtigen Form zu befeuchten. Man braucht gute Ventilatoren, damit die Konstruktion den Feinstaub ansaugen und die frische Luft ausblasen kann.

Er spielt wieder mit, auch beim Klima

Was in Bestensee aussieht wie ein großes Stadtmöbel aus Moos und Holz, verlangt also vieles, bis es halten kann, was es verspricht. Umso mehr hofft das Start-up darauf, mehr Auftraggeber zu finden, die mit einem, zwei oder drei solchen Stadtmöbeln die Luft auf einem Schulhof, einem Bahnhofsplatz oder in einer Fußgängerzone verbessern. Ihre Hoffnung speist sich aus Kooperationspartnern wie Stadtverwaltungen und Universitäten; als erste Erfolge gelten Verkäufe nach Oslo, Amsterdam und Paris.

Am Ende gibt es einen kräftigen Handschlag, Lindner wünscht alles Gute. Der Besuch hat ihm gute Bilder geliefert. Nach dem Motto: Lindner interessiert sich, Lindner kümmert sich, Lindner verspricht Hilfe. Er spielt wieder mit, auch beim Klima.

Was der FDP-Chef nicht mehr mitbekommt: Als sein Bus das Gelände verlassen hat, machen sich Mitarbeiter des Unternehmens auf den Weg zurück nach Berlin. Und auf der Fahrt gibt es nur ein Thema: Greta Thunberg und die "Fridays for Future"-Bewegung. Wer dachte, Lindner hätte hier beim Blick auf die junge Schwedin Verbündete, täuscht sich. Sie schwärmen vom Mut der jungen Frau; sind begeistert davon, was sie angestoßen hat. Und können nicht verstehen, dass Lindner ein Satz wie der mit den Profis auch nur in den Sinn kommen konnte.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4564042
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ.de/kit
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.