Süddeutsche Zeitung

Großbritannien:Johnsons Chefberater kündigt seinen Abgang an

Nach dem Rücktritt von Kommunikationsdirektor Cain hört bald auch Cummings auf. Die beiden Personalien könnten einen Kurswechsel in der Regierungspolitik bedeuten.

Von Alexander Mühlauer, London

Es war schon spät am Mittwochabend, als in 10 Downing Street ein Machtkampf ausbrach, der auch weit nach Mitternacht noch nicht zu Ende war. Alles begann mit dem Rücktritt von Lee Cain. Kurz nach 21 Uhr teilte der Kommunikationsdirektor von Premierminister Boris Johnson der Öffentlichkeit mit, seinen Job zum Jahresende aufzugeben. Einen Grund nannte Cain nicht, er verwies nur darauf, dass der Premier ihm den Posten des Stabschefs angeboten habe. Doch dieses Angebot hatte Johnson kurzerhand zurückgezogen. Und so blieb Cain offenbar nichts anderes übrig, als das Weite zu suchen.

Sein Rücktritt ist vor allem deshalb so bedeutend, weil Cain die rechte Hand von Johnsons umstrittenem Chefberater Dominic Cummings war. Der Vordenker der Vote-Leave-Kampagne galt bislang als engster Vertrauter des Premierministers. Er erfand nicht nur den Slogan "Get Brexit done" und verhalf Johnson damit zu einem triumphalen Wahlsieg; Cummings gilt auch als mächtiger und einflussreicher als die meisten Minister in Johnsons Kabinett. Man hätte also davon ausgehen können, dass Johnson den Vertrauten von Cummings zum Stabschef macht.

Das tat er aber nicht. Britischen Medienberichten zufolge soll Johnsons Verlobte Carrie Symonds etwas dagegen gehabt haben. Die frühere Kommunikationschefin der Konservativen Partei war offenbar der Meinung, dass Cain ihrem Mann in der neuen Position nicht guttun würde.

Das hängt auch damit zusammen, dass Symonds' Freundin Allegra Stratton nicht viel von Cain hält. Stratton wurde erst kürzlich von Johnson angeheuert, um von Januar an tägliche Pressebriefings nach dem Vorbild des Weißen Hauses zu leiten. Hätte der Premierminister seinen langjährigen Mitarbeiter Cain tatsächlich zum Stabschef befördert, wäre Stratton in der Hierarchie unter ihm gewesen. Dem Vernehmen nach wollte sie das nicht hinnehmen - und anders als Cain wusste sie ihre Freundin Symonds auf ihrer Seite.

Bereits bei der Berufung von Stratton wurde Cummings von Johnson düpiert: Insidern zufolge soll ihn der Premier im Vorfeld nicht über seine Pläne informiert haben. Nun hat Johnson ein zweites Mal binnen kurzer Zeit über den Kopf von Cummings hinweg eine Entscheidung getroffen, die seinem Chefberater nicht gefallen kann. Und so wurde am späten Mittwochabend das Gerücht gestreut, dass auch Cummings kurz davor stehe, seinen Job hinzuschmeißen. Tatsächlich kündigte der Chefberater einen Tag später der BBC seinen Rücktritt an: Er wolle bis spätestens Weihnachten "größtenteils überflüssig" sein.

Spekulationen, wonach der Brexit-Chefunterhändler David Frost darüber nachdenke, seinerseits die Kündigung einzureichen, bestätigten sich zunächst nicht.

"Das sind großartige Neuigkeiten", sagt ein Minister

Klar ist allerdings, dass mit Cain ein überzeugter Brexiteer das Zentrum der Macht verlässt. Am Donnerstag mutmaßten Tory-Parlamentarier bereits, dass dies der Anfang vom Ende der Vote-Leave-Gang in Downing Street sei. Sollte es tatsächlich dazu kommen, würde dies einen Kurswechsel in der Regierungspolitik bedeuten.

Laut britischen Zeitungen ließen einige Minister ihrer Freude über den Abgang des Cummings-Vertrauten freien Lauf. "Das sind großartige Neuigkeiten. Das wird zu einer besseren Regierung führen", ließ sich einer anonym in der Financial Times zitieren. Im Kabinett gab es offenbar viele, die in Cains Arbeit den Grund dafür sahen, dass Johnson in der Corona-Krise wie ein Getriebener wirkt - und viele Bürger mit seinen Botschaften nicht erreicht.

Labour-Chef Keir Starmer nutzte das Chaos in Downing Street für seine Zwecke und stellte Johnson erneut als unfähigen Regierungschef dar. "Was um aller Welt ist los?", fragte Starmer am Donnerstag in einem Interview mit dem Sender LBC. "Wir sind mitten in einer Pandemie, wir sorgen uns alle um unsere Gesundheit und unsere Familien - und dieser Haufen zankt sich hinter der Tür von 10 Downing Street." Ausgerechnet an dem Tag, an dem Großbritannien als erstes Land in Europa mehr als 50 000 Corona-Tote zu beklagen habe, streite man sich in der Regierung um Jobs, kritisierte der Oppositionschef.

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