Süddeutsche Zeitung

Landwirtschaft:Weniger Fleisch kostet mehr Geld

Jahrelang standen sich Umweltschützer und Landwirte unversöhnlich gegenüber. Nun haben ihre Vertreter in einer Kommission darüber verhandelt, wie es auf den Äckern und in den Ställen weitergehen soll. Und sind sich überraschend einig geworden.

Von Thomas Hummel

Umwelt- und Tierschützer hier, Bauern- und Ernährungsverbände dort - es gibt wenige Gruppen in der Gesellschaft, die sich unversöhnlicher gegenüberstehen. Doch in der Zukunftskommission Landwirtschaft (ZKL) saßen ihre Vertreter neun Monate lang zusammen und haben sich nun einstimmig auf einen Abschlussbericht geeinigt. Auf 174 Seiten steht eine Vision, wie es auf den Äckern, den Weiden und in den Ställen weitergehen soll. Und da sind einige Überraschungen dabei.

So empfiehlt die ZKL eine "Reduzierung des Konsums von tierischen Produkten", ein besseres Tierwohls und im Ergebnis weniger Nutztiere in den Ställen. In Deutschland wurden im vergangenen Jahr fast 7oo Millionen Hühner und Puten, mehr als 50 Millionen Schweine und etwa 15 Millionen andere Tiere geschlachtet. Die Lasten für Umwelt und Klima sind enorm, über die Haltung der vielen Tiere wird seit Jahren gestritten.

Der Umbau der Ställe ist nach Einschätzung der Kommission eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, soll also mit öffentlichen Geldern unterstützt werden. Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) forderte am Mittwoch in Berlin deshalb für die kommende Legislaturperiode wesentlich mehr Geld für ihr Ressort. Die derzeit 7,5 Milliarden Euro jährlich sollen sich mindestens verdoppeln. "Der Bericht macht deutlich, dass es einen Mehrbedarf an Geld gibt", sagte die CDU-Politikerin.

Eine naturnahe Landwirtschaft hat ihren Preis

Mehr Geld müssten auch die Verbraucher aufwenden, wenn sie weiterhin wie gewohnt Fleisch und Wurst essen wollen. Denn tierische Produkte würden nach dem Plan der ZKL teurer werden. Klaus Müller, Vorstand der Verbraucherzentrale Bundesverband, fordert darum, die nächste Bundesregierung müsse "mögliche Preissteigerungen finanziell und sozialpolitisch abfedern", zusammen mit den Bundesländern eine kostenlose Schul- und Kitaverpflegung sicherstellen und die Mehrwertsteuer für Obst und Gemüse absenken. Denn auch pflanzliche Lebensmittel dürften teurer werden, wenn die Landwirte beim Anbau weniger Pestizide und Gülle einsetzen und schärfere Umweltauflagen zu beachten haben.

Die Landwirtschaft in Deutschland naturnäher zu gestalten und gleichzeitig das Einkommen der Bauern zu sichern, habe seinen Preis, steht im Bericht der Kommission. Den Wandel zu unterlassen, sei aber "sehr viel teurer - für die Landwirtschaft, für die Volkswirtschaft und für den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft". Wasserversorger klagen bereits über Verunreinigung im Trinkwasser, angesichts des Insektensterbens fürchten Kritiker um die natürliche Bestäubung der Pflanzen, unter den Auswirkungen der Erderwärmung wie Starkregen, Hitze und Dürren leidet die Landwirtschaft selbst.

Nur Greenpeace stieg aus

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte im Winter 2019 die Kommission angeregt, weil die Spannungen zwischen Landwirten und Naturschützern zunahmen. Unter dem Vorsitz des 65-jährigen Peter Strohschneider, der früher dem Wissenschaftsrat vorsaß, kamen 30 Vertreter von Bauernverbänden, Handel, Industrie, Wissenschaftlern, Umwelt- und Verbraucherschützern ins Gespräch. Nur Greenpeace stieg vorzeitig aus. Einen entscheidenden Beitrag zum Ergebnis leisteten die Jugendorganisationen des Umweltverbandes BUND und des Deutschen Bauernverbandes, die bereits im März ein "Zukunftsbild" entworfen hatten.

"Die Kernbotschaft heißt: Umwelt und Landwirtschaft müssen endlich zusammengehen, sonst kann es keine Zukunft geben", sagte Friedrich Ostendorff, der agrarpolitische Sprecher der Bundestags-Grünen, und empfahl der Landwirtschaftsministerin, von der Kommission zu lernen. Klöckner selbst bezeichnete den Kommissionsbericht als "Rückenwind für meine Arbeit". Vieles habe sie bereits angestoßen.

Auch die Agrarindustrie trägt die Empfehlungen mit

Zumindest bei der europäischen Agrarpolitik liegt sie jedoch hinter den Forderungen der ZKL zurück. Während die Kommission bis 2030 die nach Fläche berechneten EU-Direktzahlungen komplett abschaffen und nur noch konkrete Leistungen für die Gesellschaft honorieren will, bremste hier Klöckner in Brüssel bei den gerade erst zu Ende gegangenen Verhandlungen. Bis 2027 sollen nun 25 Prozent der Zahlungen für Ökoleistungen umgeleitet werden, weniger als etwa das EU-Parlament anstrebte.

Die Agrar- und Ernährungswirtschaft erklärte in einer gemeinsamen Stellungnahme ihre Bereitschaft, den Weg zu einer nachhaltigeren Zukunft entschlossen weiterzugehen. Allerdings dürfe sich dadurch die Produktion nicht ins Ausland verlagern. Angesichts des Preisdrucks auf dem Weltmarkt fürchteten viele Betriebe ohnehin um ihre Existenz. In den Sitzungen der ZKL seien sich aber "alle Seiten nähergekommen und dabei auch mehrfach über ihren Schatten gesprungen". Es sei bisweilen um einzelne Wörter gerungen worden, erzählte der Präsident des Industrieverbands Agrar, Manfred Hudetz. Doch am Ende hätten alle verstanden, "dass wir in vielem weniger weit auseinanderlagen, als es im Alltag manchmal scheinen mag."

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