Süddeutsche Zeitung

Krise in Nahost:Netanjahu schließt "keine Option aus"

Auch internationaler Druck werde ihn nicht abhalten: Israels Ministerpräsident Netanjahu kündigt an, den Gazastreifen so lange zu attackieren, bis von dort keine Raketen mehr abgeschossen werden - auch eine Bodenoffensive ist weiterhin möglich.

  • Israels Ministerpräsident demonstriert Härte: Er will die Angriffe so lange fortsetzen, bis keine Raketen mehr aus dem Gazastreifen auf Israel abgeschossen werden.
  • Bisher gibt es noch keine Entscheidung, ob die israelische Armee ihre Luftangriffe zu einer Bodenoffensive ausweitet.
  • Palästinensischen Angaben zufolge kamen bisher mindestens 100 Menschen ums Leben, mehr als 600 wurden verletzt.
  • Die Hamas zielt mit Raketen auf den Flughafen in Tel Aviv.

Netanjahu schließt "keine Option aus"

Israel wird nach den Worten seines Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu das militärische Vorgehen gegen Ziele im Gazastreifen so lange fortsetzen, bis von dort keine Raketen mehr auf Israel abgeschossen werden. "Wir schließen keine Option aus", sagte Netanjahu am Freitagabend auf einer Pressekonferenz. Auch wenn er "sehr positive" Telefongespräche mit US-Präsident Barack Obama und Kanzlerin Angela Merkel geführt habe, werde ihn internationaler Druck nicht davon abhalten, mit aller Kraft zu handeln, so der Ministerpräsident weiter.

Ausweitung zur Bodenoffensive noch immer möglich

Damit blieb weiter offen, ob Israel seine Luftangriffe gegen die islamistischen Hamas-Milizen in den nächsten Tagen zu einer Bodenoffensive ausweiten wird.

Der israelische Verteidigungsminister Mosche Jaalon zeigte sich in einem Fernsehbericht offen für einen begrenzten Einsatz von Bodentruppen im Gazastreifen. Nach den Worten des Armeesprechers Peter Lerner wägt Israel aber derzeit noch die Vor- und Nachteile einer Bodenoffensive im Gazastreifen ab. Ziel sei es, den Raketenbeschuss zu unterbinden. Ein Einmarsch sei die "letzte Option", betonte der Sprecher. Dafür seien jedoch schon 20 000 Reservisten eingezogen worden. Insgesamt hatte die israelische Regierung die Mobilisierung von 40 000 Reservisten gebilligt.

Palästinenser melden Hunderte Verletzte nach Luftangriffen

Seit Dienstag griff die israelische Luftwaffe nach Armeeangaben bisher fast 900 Ziele im Gazastreifen an. Die Zahl der Todesopfer stieg am Freitag palästinensischen Angaben zufolge auf mindestens 100. Das Gesundheitsministerium in Gaza teilte mit, 675 Menschen wurden verletzt. Ihren bislang schwersten Angriff flog die Luftwaffe nach palästinensischen Angaben am Donnerstag, als acht Mitglieder einer Familie umgekommen seien, darunter fünf Kinder.

Hamas-Raketen zielen auf Ben-Gurion-Flughafen bei Tel Aviv

Militante Palästinenser haben im Gegenzug am Freitag erneut den Großraum Tel Aviv mit Raketen beschossen. In der Stadt heulten am Vormittag die Sirenen. Über Lautsprecher wurden die Menschen aufgerufen, sich in die Schutzräume zu begeben. Es waren mehrere dumpfe Explosionen zu hören.

Die Hamas teilte dem israelischen Nachrichtenportal ynetnews zufolge mit, dass sie auch vier Raketen auf den Flughafen abgefeuert hätten. Es war demnach das erste Mal, dass die Organisation den Flugplatz gezielt angriff. Die israelische Armee meldete, drei Raketen über Tel Aviv abgefangen zu haben.

Am Donnerstagabend hatte das israelische Militär mitgeteilt, dass binnen drei Tagen mindestens 384 von militanten Palästinensern im Gazastreifen abgefeuerte Raketen Israel getroffen hätten. Weitere 88 seien von der Raketenabwehr abgefangen worden.

Geschosse aus Libanon im Norden Israels eingeschlagen

In der Nacht zu Freitag schlugen Berichten zufolge außerdem erstmals zwei Geschosse aus dem Libanon in Israel ein. Ein im Südlibanon abgefeuertes Geschoss sei auf offenem Feld im Norden Israels eingeschlagen, ohne Schäden anzurichten, sagte ein Militärsprecher. Israelische Artillerie habe in den Libanon zurückgeschossen. "Die israelische Armee ist auch an der nördlichen Front in Alarmbereitschaft", sagte ein Armeesprecher.

Zweifel, ob israelische Angriffe im Einklang mit Völkerrecht stehen

Nach Auffassung von UN-Menschenrechtskommissarin Navi Pillay verstößt Israel mit seiner Offensive im Gazastreifen womöglich gegen das Völkerrecht. "Wir haben zutiefst verstörende Berichte erhalten, wonach viele zivile Opfer, darunter Kinder, das Ergebnis von Angriffen auf Wohnhäuser waren", erklärte Pillay. Solche Berichte ließen "ernsthafte Zweifel" aufkommen, ob die israelischen Angriffe im Einklang mit dem Völkerrecht stünden. Zugleich rief die Hohe Kommissarin der Vereinten Nationen für Menschenrechte aber auch die bewaffneten Palästinenser-Gruppen auf, sich an die internationalen Regeln zu halten.

WHO warnt vor Kollaps der medizinischen Versorgung in den Palästinensergebieten

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnte derweil vor einem Kollaps der medizinischen Versorgung im Gazastreifen und im Westjordanland. Es mangele in den Palästinensergebieten an Medikamenten ebenso wie an Treibstoff für die Generatoren der Krankenhäuser, erklärte die WHO. Bei der Eskalation der Gewalt seien vier Kliniken und eine Meerwasser-Entsalzungsanlage in einem Flüchtlingslager beschädigt worden.

Das palästinensische Gesundheitsministerium erklärte, der Treibstoff für die Krankenhaus-Generatoren in Gaza reiche nur noch zehn Tage angesichts der ständigen Stromausfälle. In den Krankenhäusern würden nur noch lebensrettende Operationen vorgenommen. "Wir arbeiten in einer schrecklichen Situation. Ich hatte heute nicht die nötigen Mittel, um Verletzte zu nähen und musste improvisieren", zitierte die WHO einen Arzt, der 24 Stunden am Stück im Dienst war.

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