Eskalation im Nahen Osten Hamas nutzt Gaza-Bewohner als menschliche Schutzschilde

Rauchwolken über Gaza-Stadt nach einem israelischen Luftangriff

(Foto: dpa)

Die radikalislamische Hamas will die Einwohner des Gazastreifens als menschliche Schutzschilde einsetzen: Sie lobt Palästinenser, die kurz vor einem Luftangriff auf das Dach ihres Hauses gestiegen waren. Unterdessen greifen militante Palästinenser wieder Jerusalem an.

  • Der israelische Militäreinsatz gegen Raketenangriffe aus dem palästinensischen Gazastreifen läuft. Jetzt ruft die Hamas die Bewohner in Gaza auf, sich als Schutzschilde gegen die Luftangriffe zu positionieren.
  • Militante Palästinenser greifen erneut Jerusalem an.
  • Bei Luftangriffen der israelischen Armee am Donnerstagmorgen sterben palästinensischen Angaben zufolge mehrere Zivilisten, darunter Kinder.
  • Die Zahl der getöteten Palästinenser stieg auf mehr als 80.
  • Der UN-Sicherheitsrat berät sich heute in einer Dringlichkeitssitzung.
  • Touristik-Unternehmen sagen Reisen nach Israel ab.

Hamas: Menschen in Gaza sollen Schutzschilde sein

Die radikalislamische Hamas ruft Bewohner des Gazastreifens dazu auf, sich bei israelischen Luftangriffen als menschliche Schutzschilde zu postieren. Das Innenministerium in Gaza warnte die Palästinenser außerdem davor, ihre Häuser nach anonymen Warnungen zu verlassen. Gewöhnlich kündigt die israelische Armee ihre Angriffe telefonisch an, um zivile Opfer zu vermeiden.

In einem Fernsehauftritt lobte ein Hamas-Sprecher jene Palästinenser, die kurz vor einem israelischen Angriff auf die Dächer ihrer Häuser stiegen. "Wir rufen dazu auf, diese Praxis zu übernehmen", sagte er. Die Menschenrechtsorganisation Betselem hatte am Mittwoch berichtet, mehrere Familienmitglieder und Nachbarn eines Hamas-Mitglieds seien am Vortag vor einem israelischen Angriff auf ihr Hausdach gestiegen. Dennoch sei eine Rakete abgefeuert worden, die acht Menschen getötet hätte.

Die israelische Armee betonte, sie habe die Bewohner mehrfach gewarnt und abgewartet, bis sie das Haus verlassen hätten. Offenbar seien einige Personen aber unmittelbar vor dem Angriff zurückgekehrt. Zu diesem Zeitpunkt sei der Einschlag der israelischen Rakete nicht mehr zu verhindern gewesen, sagte Armeesprecher Arye Shalicar.

Netanjahu kündigt Verschärfung von Gaza-Militäroffensive an

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat "weitere Stufen" der Militäroffensive im Gazastreifen angekündigt. "Die Operation geht voran wie geplant", sagte Netanjahu nach mehr als sechsstündigen Beratungen mit seinem Sicherheitskabinett. "Wir haben der Hamas schweren Schaden zugefügt, aber wir werden noch härter zuschlagen, während die Operation weitergeht."

Erneut Raketenangriff auf Jerusalem

Militante Palästinenser greifen erneut Jerusalem an. Die Stadt wurde am frühen Abend von Explosionen erschüttert, es wurde Luftalarm ausgelöst. Nach Angaben der israelischen Armee sind zwei Raketen auf freiem Feld gelandet, zwei weitere von der Raketenabwehr abgefangen worden.

Radikale Palästinensergruppen griffen am Morgen auch erneut den Großraum Tel Aviv an. In der Mittelmeermetropole heulten die Sirenen, Menschen eilten in Schutzräume. Es war eine Serie dumpfer Explosionen zu hören. Das israelische Fernsehen berichtete, fünf Raketen seien im Umkreis von Tel Aviv von der Raketenabwehr in der Luft abgefangen worden.

Beschuss auf Atomkraftwerk

Bei ihren Raketenangriffen nehmen die Palästinenser-Gruppen auch den einzigen israelischen Atommeiler ins Visier. Nach Medienberichten wurden am Mittwoch mindestens drei Raketen in Richtung der Wüstenstadt Dimona abgefeuert, die in der Nähe des Atomkraftwerks liegt. Das Gebiet befindet sich etwa 70 Kilometer südöstlich des Gazastreifens. Mindestens eine Rakete wurde den Berichten zufolge von einem Abwehrsystem in der Luft abgefangen. Die Armee konnte sich zu konkreten Angriffen und zur Sicherung der Atomanlage nicht äußern. Es blieb unklar, wie dicht die Geschosse dem Meiler oder der nahegelegenen Stadt kamen.

Mehr als 80 Tote bei Luftangriffen auf den Gazastreifen

Israelische Kampfflugzeuge bombardierten in der Nacht und am Morgen im Minutentakt den Gazastreifen - insgesamt mehr als 320 Ziele, um Raketen-Abschussrampen und Kommandozentralen der Hamas und anderer Gruppen auszuschalten. Palästinensischen Angaben zufolge steigt die Zahl der getöteten Menschen bei israelischen Luftschlägen auf 86, darunter mindestens fünf Kinder.

Unter anderem gab es demnach einen Angriff auf einen Coffeeshop im südlichen Chan Junis, zudem wurde den palästinensischen Angaben zufolge das Flüchtlingslager Nusseirat im Zentrum des Palästinensergebiets getroffen. Bei allen Angriffen gab es sowohl Tote als auch mehrere Verletzte.

Insgesamt seien innerhalb von drei Tagen, seit Beginn der israelischen Offensive am Dienstag, mindestens 60 Menschen ums Leben gekommen. Unter den 52 zivilen Todesopfern seien 17 Kinder, mehr als 340 Menschen seien verletzt worden.

Die israelische Regierung behält sich noch immer vor, bald Bodentruppen in den Gazastreifen zu schicken - so wie zuletzt 2012. Israels Armee hat dazu 20 000 Reservisten eingezogen. Armeesprecher Peter Lerner sagte, es handle sich um die Hälfte der Reservisten, deren Mobilisierung Israels Regierung gebilligt habe. Dies sei jedoch die "letzte Option".

Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats

Mit der eskalierenden Gewalt im Nahen Osten befasst sich am Donnerstag der UN-Sicherheitsrat in einer Dringlichkeitssitzung. Wie die Präsidentschaft des UN-Gremiums mitteilte, findet die Sitzung um 10:00 Uhr Ortszeit (16:00 Uhr MESZ) statt. Demnach will UN-Generalsekretär Ban Ki Moon zunächst einen Überblick über die jüngsten Entwicklungen bei den Auseinandersetzungen zwischen Israel und der radikalislamischen Hamas im Gazastreifen geben, bevor die 15 Mitglieder des Sicherheitsrats hinter verschlossenen Türen verhandeln.

Ban mahnte die Konfliktparteien zur Zurückhaltung und warnte vor einem "ausufernden Krieg". Mit ungewohnt scharfen Worten kommentierte er die Situation: Der Gazastreifen stehe auf "Messers Schneide". Der aktuelle Konflikt stelle den Nahen Osten vor die größte Herausforderung seit Jahren und er sei durch die "neue Welle der Gewalt" alarmiert.

Mord an Palästinenser: Drei Verdächtige sollen freigelassen werden

Die Gewalt in der Region eskaliert seit Juni, als im Westjordanland drei israelische Jugendliche entführt und ermordet wurden. Die Regierung sieht die Schuld der Hamas als erwiesen an, die die Tat als das Werk von Helden verherrlicht, sich aber nicht explizit dazu bekannt hat. In der vergangenen Woche wurde, offenbar aus Rache, ein palästinensischer Jugendlicher getötet.

Sechs jüdische Tatverdächtige sind momentan deswegen in Haft, drei der Verdächtigen sollen allerdings freigelassen werden. Dies berichten mehrere israelische Medien. Ein Gericht in Petach Tikva bei Tel Aviv habe dies angeordnet. Die drei seien nicht direkt am Mord beteiligt, aber Teil der Gruppe gewesen, die ihn ausgeführt habe.

Die anderen drei Verdächtigen, ein 30-Jähriger und zwei Minderjährige, sollen den Mord gestanden haben. Die israelische Zeitung Haaretz schrieb, die Polizei habe die Tat mit den Verdächtigen nachgestellt. "Wir versuchen herauszufinden, welche Rolle jeder von ihnen genau gespielt hat", sagte Polizeisprecher Mickey Rosenfeld.

Es handele sich um eine "Zelle von Mitgliedern des ultrarechten Lagers", berichtete der israelische Rundfunk unter Berufung auf Polizeikreise. Man gehe jedoch nicht von einer organisierten Terrorzelle aus. Tatmotive seien offenbar Hass auf Araber und Rache für den Mord an den israelischen Teenagern.

Touristik-Unternehmen sagen Reisen nach Israel ab

Nachdem das Kreuzfahrtunternehmen Aida Cruises bereits am Dienstag geplante Anläufe im Juli und August im Hafen Aschdod unweit des Gazastreifens gestrichen hatte, sagte auch der Anbieter Studiosus seine bis zum 10. August geplanten Reisen ab. Urlauber, die einen Israel-Aufenthalt mit Abreise bis zum 31. August gebucht haben, können diesen kostenlos stornieren. Auch der Reisekonzern DER Touristik sagte alle Israel-Rundreisen bis zur Abreise am 31. Juli ab, berichtet die Neue Osnabrücker Zeitung. Für alle weiteren Reisen werden kostenlose Umbuchungen und Stornierungen angeboten. Der Reiseveranstalter TUI Deutschland sagte bis Ende Juli alle Rundreisen in Israel ab. Alle Urlauber mit einer Anreise bis zum 31. Juli könnten gebührenfrei umbuchen, teilte das Unternehmen mit.

Das Auswärtige Amt rät derzeit von nicht notwendigen Aufenthalten innerhalb eines Radius von 40 Kilometer um den Gazastreifen ab, ebenso von Aufenthalten im unmittelbaren Grenzgebiet zu Syrien und zum Libanon sowie von Fahrten entlang der israelisch-ägyptischen Grenze.

Linktipps:

  • Lesen Sie hier die Ereignisse vom Mittwoch.
  • Alltag im Nahostkonflikt: SZ-Korrespondent Peter Münch darüber, wie die Menschen in Tel Aviv mit dem Raketenbeschuss leben.
  • Eine unheinvolle Dynamik: Israel fehlt eine Strategie und die Hamas hat nichts zu verlieren - SZ-Korrespondent Peter Münch über die Konfliktparteien.