Süddeutsche Zeitung

Kollektive Ängste:Panikmacher bekommen Oberwasser

Rechte Hetzer setzen die schrecklichen Taten von Frankfurt und Stuttgart in einen Zusammenhang - und weiden sich am Unsicherheitsgefühl einer vergleichsweise sicheren Gesellschaft.

Um die gefühlte Sicherheit Deutschlands ist es in diesen Tagen nicht gut bestellt. Zwar belegt die Kriminalstatistik stetig sinkende Fallzahlen, doch jene Akteure, die gezielt an einer Verunsicherung der Gesellschaft arbeiten, haben derzeit Oberwasser - und die Emotionen auf ihrer Seite.

Die schrecklichen Gewalttaten dieser Woche in Frankfurt und Stuttgart haben das Land hart getroffen. Ein Mann stößt ein Kind im Beisein seiner Mutter vor einen ICE; ein weiterer Mann tötet einen Bekannten auf offener Straße mit einem Schwert. Die Geschehnisse sind so unbegreiflich, dass ein Land unter Schock nun nach Zusammenhängen zwischen den beiden Taten sucht. Dies allein ist Symptom für ein Gefühl der Schutzlosigkeit. So sinnlos derartige Brutalität stets ist, arbeitet der menschliche Geist doch daran, sie in Kausalitäten einzubetten. Begreifen verspricht Sicherheit. Es bedeutet Macht über die eigenen Gefühle, die angesichts der Grausamkeit hochkochen.

Deshalb ist es wichtig, dass die Öffentlichkeit nach Bekanntwerden der Taten über weitere Fakten informiert wurde und wird. Es ist richtig, dass der Bundesinnenminister schnell reagiert und Aufklärung versprochen hat.

Doch Kausalitäten sind auch verführerisch für eine Gesellschaft im Zustand des Schocks; mit falschen Gewissheiten lässt sich Stimmung machen. Neben dem Begreifenwollen hat noch eine zweite Dynamik Deutschland erfasst: Angst. Politikerinnen und Politiker der AfD schüren diese gezielt und konstruieren einen rassistischen Kurzschluss, einen Zusammenhang zwischen den Einzeltaten von Frankfurt und Stuttgart: Zwei Ausländer haben gemordet, so ihr Narrativ. Die Tatsache, dass ähnliche Taten in den vergangenen Jahren auch von Deutschen verübt wurden, fehlt in dieser Erzählung.

Der vermeintliche Zusammenhang zwischen den Taten ist ohnehin nur Mittel zu dem Zweck, die Verunsicherung für die eigenen Ziele auszunutzen. Um den Menschen Angst zu machen, ignorieren rechte Hetzer sogar die Menschenwürde des Stuttgarter Opfers und verbreiten online ein brutales Handyvideo der Tat. Alles erscheint ihnen angemessen, wenn es dazu führt, dass die Menschen sich fürchten und dann empfänglich sind für die einfachen Lösungen der Populisten.

Die Mechanismen viraler Inhalte im Internet machen es den Panikmachern besonders leicht, das Verhältnis zwischen Fakten und deren emotionaler Bewertung aus dem Gleichgewicht zu bringen. Bilder wirken stärker als Statistiken. Auch Medien tragen Verantwortung, wenn sie über Einzelfälle spektakulär berichten und so zur Verzerrung der Wahrnehmung von Kriminalität beitragen.

Wenn der Einzelfall gewichtiger wirkt als das große Ganze, droht die Panik über die Fakten zu triumphieren. Die historische Situation dafür ist einmalig: So sicher wie heute lebte man in Europa in keiner anderen Epoche. Die Tatsache, dass das Leben immer vollständiger technisch überwacht und kontrolliert werden kann, sorgt absurderweise dafür, dass sich der moderne Mensch leichter unsicher fühlt. In der Folge trifft ihn der einmalige Kontrollverlust umso härter. Das Gefühl der Verunsicherung wird so zum größten Sicherheitsrisiko: Eine Gesellschaft, die sich ständig fürchtet, ist am Ende wirklich eine unsichere Gesellschaft.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4550069
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 03.08.2019
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.