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Wahlkampf in sozialen Medien:"Es ist absurd, ein Spiel mitzuspielen, dessen Regeln wir nicht kennen"

Eine SZ-Analyse zeigt, dass Algorithmen auf Instagram polarisierende Themen und Parteien offenbar besser bewerten. Publizistin Ingrid Brodnig kennt sich aus mit Hass im Netz. Sie erklärt, was das für eine Demokratie bedeutet - und warum so vieles unklar ist.

Von Lea Weinmann

Soziale Netzwerke sind nicht neutral. Eine SZ-Analyse Tausender Posts auf Instagram zeigt, dass der Algorithmus bestimmte Themen und Parteien weiter oben oder unten in der Timeline platziert. Trumpf scheint dabei zu sein, was polarisiert, was Emotionen schürt. Welchen Einfluss hat das auf eine Demokratie, besonders im Wahlkampf? Und wie schafft man es, den Algorithmus ein bisschen auszutricksen? Ein Gespräch mit Ingrid Brodnig, österreichische Kolumnistin und Autorin mehrerer Bücher über Hass, Verschwörungsmythen und Desinformation in der digitalen Welt.

SZ: Frau Brodnig, sind soziale Medien der richtige Ort für einen Wahlkampf?

Ingrid Brodnig: Nein. Sie werden nicht umhinkommen, als Partei auf Social Media zu sein. Aber es ist eigentlich eine Tragödie, dass ein großer Teil der politischen Debatte in den sozialen Medien stattfindet. Nicht, weil soziale Medien und das Internet schlecht sind, sondern weil sie nie dafür geplant waren, einen sachlichen demokratischen Diskurs herzustellen. Wir haben einen Dienst, der ursprünglich für das Posten von Hochzeitsbildern und Alltagsupdates gedacht war, zu einer relevanten politischen Plattform gemacht.

Was bedeutet das für einen Wahlkampf im Jahr 2021?

Soziale Medien sind nicht die Ursache, weshalb Leute sich streiten, aber sie wirken wie ein Katalysator für den Konflikt. Emotionalisierende Ereignisse führen zu Streit in der Gesellschaft, und immer, wenn die Gesellschaft streitet, wird es auf Social Media besonders schlimm. Die Bundestagswahl findet nun in einer Phase statt, in der solche Aufregerthemen gleich in mehrfacher Ausführung vorhanden sind: die Corona-Krise, die Klimakrise, auch Migration und Afghanistan. Dazu geht mit dem Abgang von Angela Merkel eine Ära zu Ende, die Karten werden neu gemischt. Das heißt, der Wahlkampf ist ohnehin erhitzt, aber soziale Medien bringen noch mehr Härte und Beschleunigung rein.

Welche Folgen hat das?

Die Frage ist, ob die Bauweise sozialer Medien boulevardeske und auch populistische Inhalte begünstigt. Eine neue Studie aus den USA zeigt, dass toxische, aggressive Kommentare im Schnitt mehr Likes erzielen. Wütend machende Sprache regt Leute dazu an, selbst wütend und aktiv zu werden. Die Sorge ist, dass ein Algorithmus Interaktionswerte wie Likes und Kommentare als positives Signal werten und damit all diese Effekte noch einmal forcieren könnte.

Gibt es außer Wut noch andere Emotionen, die eine ähnliche Wirkung entfalten?

Vor ein paar Jahren analysierte eine Studie Artikel der New York Times. Da ging es nicht um Social Media, aber auch um Emotionen und die Verbreitung von Texten via E-Mail. Es zeigte sich, dass Emotionalität die Viralität eines Textes grundsätzlich förderte, bestimmte Emotionen aber für einen stärkeren Boost als andere sorgten. Neben der Wut waren das erfreutes Erstaunen und Angst. In der politischen Kommunikation kann man versuchen, ebendiese Emotionen auszulösen. Wut zu schüren, ist politisch besonders leicht - zum Beispiel über den politischen Gegner oder eben zu Wutthemen wie der Corona-Krise.

Und das ist das Tragische: Es gibt Theorien, es gibt Verdachtsmomente, dass die Algorithmen der großen Plattformen die Emotionalität, die Likes und Klicks hervorruft, zusätzlich mit Reichweite belohnen. Aber um diese Theorien zu überprüfen, müssten die Plattformen unter ihre Oberfläche blicken lassen, und das erlauben sie derzeit nicht.

Was weiß man überhaupt gesichert über die Algorithmen, die es bei Facebook und Instagram gibt?

Vor allem das, was die Plattformen selbst bekannt gegeben haben. Wir wissen, dass Interaktion eine große Rolle spielt, auch die Nähe von Accounts, das heißt, wie oft ich mit einem Profil auf Facebook oder Instagram interagiere. Aber es ist in etwa so, wie wenn Sie Cola trinken würden und Coca-Cola müsste nicht alle Zutaten des Getränks auflisten, sondern könnte frei entscheiden, ob und welche Zutaten es von seinem Getränk verrät. Und das ist kein Zustand, der es Konsumentinnen und Konsumenten erlaubt, bewusste Entscheidungen zu treffen.

Was bedeutet das für eine Demokratie?

Es ist absurd, dass wir bei einem Spiel mitspielen, dessen Regeln wir nicht kennen. Social Media ist ein Faktor, der die Wahlentscheidung mit beeinflusst und mobilisieren kann. Ich finde es unbehaglich, dass wir nicht so richtig wissen, auf was sich die Parteien und Wähler da einlassen. Es heißt immer, die Gatekeeper-Funktion der Journalisten sei durch das Internet weggefallen, weil jeder alles Mögliche ohne journalistischen Filter lesen kann. Aber in Wirklichkeit sind die Gatekeeper nur weniger geworden. Noch nie in der Geschichte der Menschheit hatten so wenige Unternehmen - Facebook, Youtube, Twitter - so einen großen Einfluss auf die politische Debatte. Diese Unternehmen müssen es gar nicht böse meinen, aber sie haben ungeheuer viel Macht und erklären diese Macht nicht.

Viele Influencerinnen und Influencer versuchen, die Plattformen so zu bespielen, dass es dem Algorithmus entspricht. Inwiefern erleben Sie das auch bei Social-Media-Auftritten von Parteien?

Ich glaube, dass Parteien weniger algorithmusgetrieben arbeiten als viele Influencerinnen und Influencer. Aber man sieht, dass die Parteien in den vergangenen Jahren viel mehr auf Videos gesetzt haben, dass sie auf Instagram Storys machen und Reels aufnehmen. Das zeigt, dass sich die Politik den Zwängen von Social Media unterwirft. Die Parteien wollten sicher nicht zu Medienhäusern werden, die ständig Fotos und Videos produzieren. Aber sie sind benachteiligt auf Social Media, wenn sie nicht alle - und gerade neue - Formate nutzen.

Neue Formate, undurchsichtige Algorithmen, Aufregerthemen ... Das klingt auch aus Sicht von Wählerinnen und Wählern ziemlich anstrengend.

Die gute Nachricht ist, dass viele Menschen nur wenig Politik auf Social Media verfolgen. Die durchschnittlichen Deutschen gehen nicht auf Instagram, um dort Politiker zu sehen. Das ist eher ein Phänomen bei politisch hochinteressierten Menschen. Für diejenigen kann es aber tatsächlich mühsam sein, weil sie das Gefühl haben, jeden Tag wird eine neue Sau durchs Dorf getrieben. Diese boulevardeske Logik von Social Media sorgt auch dafür, dass man dort eher die wirklich krassen Themen mitbekommt. All das dahinter, das spröder oder nicht so plakativ ist, geht unter. Das gilt für Inhalte und auch für Kandidierende. Deshalb ist wichtig, dass man als Wähler Politik auch in anderen Settings verfolgt als im Facebook- oder Instagram-Feed.

Wie kann so etwas im Alltag aussehen?

Fragen Sie sich immer wieder: Bin ich gerade in meiner kleinen Blase drin und kann ich die auch verlassen? Ich würde zum Beispiel mehr als einer Partei auf Social Media folgen. Es geht gar nicht darum, die eigene Meinung zu ändern, sondern andere politische Haltungen und Lebensrealitäten zu sehen. Wenn Sie nur einer Partei folgen, könnten Sie ein ziemlich verzerrtes Bild der Realität bekommen.

Und ganz ehrlich: Ich würde niemandem empfehlen, nur Social Media für den politischen Nachrichtenkonsum zu verwenden. Die Logik dort ist sehr auf diese schnelle, kurze und emotionalisierende Information getrimmt. Als mündige Bürgerin ist aber auch Tiefgang und genaueres Hinschauen wichtig. Deshalb: sich auch mal bewusst hinsetzen und ein Buch lesen. Oder eine Tageszeitung.

Was kann man noch tun, damit die eigene Timeline politisch ausgewogener ist?

Achten Sie darauf, wie Sie interagieren. Gibt es vielleicht auch Accounts aus anderen Richtungen, wo ich mal einen Like hinterlassen könnte? Also: bewusst und manchmal taktisch Likes vergeben, den Algorithmus ein bisschen in diese Richtung anstupsen. Auch auf die eigene Emotionalität achten: Wenn ich mich ständig aufrege über Dinge, die ich online lese, sollte ich in meinem Feed auch jene Accounts vorkommen lassen, die nicht immer so auf die Tube drücken.

Dieses Interview ist Teil des Projekts #wahlfilter der Süddeutschen Zeitung und Algorithm Watch. Weitere Artikel zum Thema finden Sie hier.

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