Süddeutsche Zeitung

Flüchtlinge in Chieming:Das Anti-Freital am Chiemsee

Ein oberbayerischer Urlaubsort muss Afghanen, Eritreer und Syrer aufnehmen. Erstmals, kurzfristig, mitten in der Hauptsaison. Die Bewohner entschließen sich, ihre Ängste zu überwinden.

Reportage von Oliver Das Gupta, Chieming

Chiemings Stunde null schlägt am Montagnachmittag um halb vier. Ein weißblauer Bus rollt vor die Grund- und Mittelschule. Mehrere junge Afrikaner schlurfen als Erste in Richtung Turnhalle, ihnen folgen Väter und Mütter mit ihren Kindern, ein Säugling liegt auf dem Arm seiner Mutter. Einige sagen "Hello", einer winkt. Das, was ihnen geblieben ist, schleppen sie in ihren Koffern und Taschen vorbei.

Es sind die ersten 42 Flüchtlinge, die hierherkommen. Mehr als die Hälfte stammt aus Afghanistan, dazu Menschen aus Staaten wie Nigeria, Syrien und Eritrea. Länder, in denen sich Terroristen auf Marktplätzen in die Luft sprengen, Minen auf den Feldern liegen und Wehrlosen der Kopf abgeschlagen wird.

Und nun sind sie hier in der heilen Postkartenidylle am Alpenrand, einem Urlaubsort in Oberbayern zur Hauptsaison. "Die Flüchtlinge gehören ab jetzt zum Ortsbild", sagt der Mann vom Landratsamt.

Vier, fünf Tage hatte die Gemeinde Zeit, die Ankunft von bis zu 150 Flüchtlingen vorzubereiten. Der Landkreis Traunstein musste Platz schaffen für 300 Menschen, kurzfristig. So geht es momentan überall in der Republik, denn immer mehr Menschen kommen nach Deutschland. Allein im Juli sind es 79 000 Flüchtlinge gewesen, das Bundesamt für Flüchtlinge spricht von einem Allzeithoch.

Die Behörde geht davon aus, dass 2015 die Gesamtzahl auf 450 000 steigt.

Die Flüchtlinge sollen gleichmäßig verteilt werden auf Städte und Gemeinden, im Norden wie im Süden, im Osten wie im Westen. Manchmal reagiert die Bevölkerung hilfsbereit und offen, manchmal wächst aus Ängsten und Abneigung blanker Hass. Dann brennen Unterkünfte, dann werden Menschen mit Steinen beworfen. Dann verzerrt Menschenfeindlichkeit die Gesichter "besorgter Anwohner" zu Fratzen wie im sächsischen Freital. Wie wird das in Chieming sein?

Offen sein wollen

In derselben Stunde, in der die ersten Flüchtlinge ankommen, steht "Eis-Andi" an der Uferpromenade und verkauft seine kalte Ware aus dem Lieferwagen heraus. Der Mann ist eine lokale Institution. Wenige Meter weiter räkeln sich Touristen am Kiesstrand in der Augustsonne. Mehrere Jungs stehen im See und hauen mit ihren Handkanten schräg aufs Wasser, kräftig spritzt es auf zwei Mädchen. "Eis-Andi" hört nur ihr Geschrei, er serviert eine Eistüte nach der anderen.

Spricht die Kundschaft über Flüchtlinge? Nein, sagt er, das tue sie nicht. Aber eine Meinung habe er dazu. "Ich finde es schön, wenn Menschen in größter Not hier einen friedlichen Platz zum Ausruhen finden." Das sieht man ähnlich im Dorf, aber es gibt auch Sorgen.

Beim Dorfbäcker Stumhofer erzählt die Verkäuferin von ihrer 15-jährigen Tochter, die Angst habe, abends alleine durch die Straßen zu laufen "wegen der jungen Männer". Und von ihrer älteren Tochter, die meint, dass man aktiv auf die Flüchtlinge zugehen muss. Sie selbst findet, dass man offen sein müsse. Und offen sein will.

Offen sein wollen. So sagt es auch Alexander Fietz, der die Schule leitet, in der die Flüchtlinge untergebracht sind. Und so sagt es der bärtige Georg Hunglinger, Vorsitzender des Trachtenvereins und 2. Bürgermeister. Er hat beim Aufbau der Klappbetten und Trennwände in der Turnhalle mit angepackt. Nun fragt er sich, ob es für die Neu-Chieminger dort drin nicht zu heiß ist.

Alternativen zur Unterbringung gibt es nicht, denn Chieming ist ausgebucht. Die Security-Leute, die vor der Flüchtlingsunterkunft stehen, haben in der Schultöpferei ihr Lager aufschlagen müssen, angesichts der vielen Touristen wohl dauerhaft. Gut möglich, dass dieses Jahr ein neuer Gästerekord zustande kommt. 2014 kamen fast 48 000 Urlauber nach Chieming und in die umliegenden Orte am Chiemsee-Ostufer.

Chieming hat - inklusive der eingemeindeten Ortschaften drumherum - etwa 4700 Einwohner. Lange wurde unterschieden zwischen den Zugereisten und den Alteingesessenen, die den Namen ihres Ortes "Keaming" aussprechen. Der Schriftsteller Sten Nadolny wohnt hier seit seiner Kindheit und mancher erinnert sich noch aus gemeinsamen Schultagen in Traunstein an einen "hochintelligenten Sonderling" namens Joseph Ratzinger.

Im Ort Chieming selbst befinden sich eine Verkehrsampel, ein Dampfersteg, 125 Kindergartenplätze.

Der Sepp verteilt antimuslimische Broschüren

Außerdem gibt es zwei Wirtshäuser, den Oberwirt und den Unterwirt. In Letzterem kommen wenige Stunden nach Ankunft der Flüchtlinge die Chieminger zur Bürgerversammlung zusammen. Wegen der Flüchtlinge. Der Festsaal mit seinen 240 Stühlen ist schon vor Beginn der Veranstaltung dicht, die später Gekommenen drängen sich bis in den Zugangsbereich.

Die Bedienungen pflügen mit vollen Tabletts durch den vollen Saal und stellen Weißbier, Spezi und Weißweinschorle auf die Tische. Ein alter Mann, den alle nur "Sepp" nennen, holt antimuslimische Faltblätter aus einer Jutetasche und verteilt sie. Auf dem Beutel prangt das Emblem des rechtsrotierenden Midgard-Vereins.

Die Luft drückt schwül, die Stimmung ist gedämpft. Im Vorfeld hat sich ein Boulevardmedium erkundigt, ob im schönen Chieming mit Bürgerprotesten gegen die Asylbewerber zu rechnen sei. Was wird nun passieren?

Bürgermeister Benno Graf tritt an ein Holzpult auf der Bühne, an der Wand hinter ihm klebt der Schriftzug "Treu der Heimat". In Grafs Gesicht arbeitet Anspannung, über seinem Schnurrbart liegen die Augen in dunklen Höhlen. Bevor die Flüchtlinge kamen, hatte er von vereinzelten "gewissen Tendenzen" gesprochen, die man "sofort rasieren" müsse. Nun weiß er, dass viel davon abhängt, ob seine Rede zündet.

Also erklärt er erst mal, warum die Flüchtlinge so kurzfristig nach Chieming gebracht wurden. Er sei vom Landratsamt überrascht worden, das sei eine "sehr spontane Geschichte". Man habe etwa den Schutzbelag für den Hallenboden von einem Hotel ausgeliehen.

Fünf Familien seien unter den Flüchtlingen und auch drei unbegleitete Minderjährige. In München seien die meisten schon gesundheitlich untersucht worden, in Chieming habe es noch mal einen Check gegeben. Bis Mitte September sollen die Menschen bleiben, dann sind die Schulferien vorbei.

Nach den blanken Zahlen legt Graf den Hebel um. Er appelliert in einfachen Sätzen. "Die haben mehr Angst vor uns als wir vor denen", sagt er; er spricht von "unserer Aufgabe" sich um diese Leute zu kümmern, davon, dass "die viel durchgemacht haben".

Dass man keine Kleiderspenden brauche, aber dringend Dorfbewohner, die mit Essen ausgeben, den Abwasch erledigen und mit "den Burschen Fußball spielen". Man müsse "die so aufnehmen, wie wir gerne aufgenommen werden wollen". Die Flüchtlinge sollen einen positiven Eindruck von Chieming haben, wenn die fünf Wochen vorbei sind.

Plötzliche Bierzeltstimmung

Grafs Sätze sorgen für Bewegung im Saal. Manche halten die Arme verschränkt, andere tuscheln und nicken. Dann kommt der Bürgermeister auf die Fluchtursachen und die "Verantwortung der Industriestaaten" zu sprechen.

In Herkunftsländern der Chieminger Flüchtlinge werde auch mit deutschen Waffen geschossen und getötet, donnert Graf vom Pult. Deutschland exportiere so viele Waffen wie kaum ein anderes Land. Wenn das so weitergehe, werde das "immer schlimmer", ruft Graf und die Chieminger klatschen in die Hände. Plötzlich herrscht Bierzeltstimmung.

Nun kann das Auditorium fragen und das kann heikel werden, denn es gibt eine offene Rechnung. Graf ist Mitglied der Unabhängigen Wählergemeinschaft (UWG) und löste den CSU-Amtsinhaber nach 24 Jahren durch einen hauchdünnen Wahlsieg ab.

Nun hätten die Christsozialen die Gelegenheit ordentlich gegenzuhalten und Ängste zu kultivieren - ganz so, wie es Parteichef Horst Seehofer derzeit zelebriert. Es passiert: nichts dergleichen.

Es kommen Fragen nach der Gesundheit der Flüchtlinge und möglichen Ansteckungsgefahren. Man möchte wissen, ob die Flüchtlinge einen "Zapfenstreich" haben und wo man sich bei Problemen melden soll. Ein grüner Gemeinderat merkt an, dass man den Asylbewerbern verschiedene Dinge erklären müsse. Etwa, dass keine Gefahr droht, wenn beim Probefeuerwehralarm die Sirenen heulen.

Eine Frau meldet sich und fragt: "Brauchen's Radl?" - sie erntet Lacher und Applaus. Der Bürgermeister erzählt von einem Spaziergang mit seiner Frau am Ufer, als von auswärts Afrikaner an ihm vorbeiradelten und "Servus" riefen. Heiterkeit im Saal, "Bravo" ruft jemand. Und der Bürgermeister sagt: "Mir lerna dene ois."

Eine Frau meldet sich und erzählt davon, dass in Traunstein ein Ausländer angespuckt worden sei. Sie möchte wissen, "wie das mit der Security ist. Für uns und für die Flüchtlinge". Ja, wer schütze eigentlich die Flüchtlinge, fragt noch jemand. "Mir alle", sagt der Bürgermeister.

Dann erhebt sich Senior Sepp, der zuvor die muslimfeindlichen Broschüren ausgelegt hat. 92 ist er und war im Zweiten Weltkrieg Soldat. Nun spricht er von den Amerikanern, die überall in der Welt Krieg führten und so ein großes Land hätten. Dort sollten die Flüchtlinge hin und nicht nach Deutschland. Das Wort "Islam" verwendet er nicht, es fällt kein einziges Mal an diesem Abend.

Dann ist die Veranstaltung vorbei, Dutzende kommen nach vorne, um Zettel auszufüllen, auf denen man Hilfe anbieten kann. Eine elegante ältere Frau sagt, sie könne zwar keine Fremdsprachen, aber die Sprache des Herzens komme wohl rüber. Ein Mann bietet seinen großen alten Fernseher an und fragt, ob man nicht Satellitenschüsseln aufstellen könnte, "damit die Leute die Heimatsender anschauen können".

Weltkriegsveteran Sepp geht langsam durch den Saal, er sammelt Broschüren wieder ein, die an mehreren Tischen liegen geblieben sind. An einigen Tischen bleiben manche sitzen, die bei manchen Ausführungen gemurrt haben. Sie sind deutlich in der Minderheit. Die Mehrheit des Dorfes hat sich dazu entschlossen, Ängste zu überwinden zugunsten von Offenheit. Einige Menschen strahlen regelrecht vor Motivation. Die Stimmung ist ins Positive gekippt.

Freundschaften, Missverständnisse, Probleme

In der Turnhalle haben sich die Neu-Chieminger inzwischen eingerichtet und Zuwachs bekommen. Am Dienstag brachte ein Bus nochmals fast 50 Personen, am Mittwoch kommen etwa 40 weitere Asylsuchende.

Georg Hunglinger, der 2. Bürgermeister, läuft in kurzen Hosen durch die Halle und rückt die Stellwände zurecht. Damit die Familien mehr Privatsphäre haben, sagt er.

Nach und nach werden die Flüchtlinge den Ort erkunden, sie werden im Supermarkt anzutreffen sein, im Strandbad und im Biergarten. Es werden freundliche Kontakte entstehen, es wird aber auch Missverständnisse und Probleme geben. Dann wird sich zeigen, ob in Chieming die Stimmung dreht. Oder ob der Ort im Chiemgau ein Musterbeispiel dafür wird, wie traditionell eingestellte Einheimische und Flüchtlinge gut auskommen.

Update 6. August 2015: Inzwischen sind 132 Flüchtlinge in Chieming untergebracht. Lokale Medien berichten, dass einige von ihnen meist in Gruppen im Ort unterwegs seien. Sie "geben sich gegenüber den Einheimischen sehr freundlich", schreibt der Berchtesgadener Anzeiger.

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Quelle:
SZ.de/ghe/mati/cag/pamu
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