Süddeutsche Zeitung

Ehe für alle:Hauptsache Liebe

Die Ehe für alle nimmt den heterosexuellen Ehen nichts und gibt den homosexuellen Paaren alles. Eines Tages wird man staunen, dass man das je anders gesehen hat.

Kommentar von Matthias Drobinski

Es erstaunt, welchen Wert hierzulande die Ehe hat, im Zeitalter der Vorläufigkeit und Bindungsangst. Mehr als 400 000 werden pro Jahr in Deutschland geschlossen, Tendenz steigend. Und die Hälfte davon hält ein Leben lang, trotz aller Krisen, Verteilungskämpfe, Gesichtsfalten und Sex-Debatten, obwohl Kinder ins Leben brechen und es irgendwo immer einen attraktiveren Partner geben könnte.

Homosexuellenverbände und Politiker wie Volker Beck haben quasi ein Leben lang dafür gekämpft, dass diese Ehe auch Schwulen und Lesben offensteht, eine Ehe mit allen Rechten, Pflichten, Himmelsahnungen und Katastrophen - die spätpubertäre These vieler Linker widerlegend, dass dies alles doch nur ein spießbürgerliches Relikt sei. Die Ehe hat wahrlich schon schlechtere Zeiten erlebt.

Nun ist, nach einer denkwürdigen Parlamentswoche, tatsächlich der Tag gekommen, an dem sich diese Ehe auch Schwulen und Lesben geöffnet hat. Es war, gemessen an der historischen Bedeutung des Schrittes, ein eher banaler Vorgang. Es brauchte eine taktische Panne der Kanzlerin und eine SPD, die den Kairos, den Gott der Gelegenheit, am Haarschopf ergriff. Es gab am Freitag um acht Uhr nur 45 Minuten Debatte, in der zum Glück Polemik und Häme weitgehend fehlten. Dann die Abstimmung: Auch 75 Abgeordnete der Union waren dafür, die Sache war beschlossen.

Deutsche Kirchen reagieren zurückhaltend

Das entspricht der Stimmung im Land, wo die Ehe für alle weithin als überfällig angesehen wird und allenfalls das Tempo der Entscheidung und ihre Nähe zur Bundestagswahl Stirnrunzeln erzeugt. Der Protest dagegen war leise geblieben und trug manchmal resignative Züge.

Die Evangelische Kirche in Deutschland erklärt nun, dass die Ehe für alle den heterosexuellen Paaren nichts wegnehme, sondern vielmehr die Ehe insgesamt stärke. Nur die katholische Kirche besteht darauf, dass eine Ehe die auf Dauer ausgelegte und für Kinder offene Verbindung von Mann und Frau ist. Doch auch hier blieb die Wortwahl vorsichtig. In Spanien oder Frankreich haben katholische Bischöfe zu Massendemos gegen die Ehe für Schwule und Lesben aufgerufen - in Deutschland erscheint das undenkbar.

Jener Teil des Konservatismus, der hinter der Ehe für alle den ultimativen Durchbruch des Gender-Wahnsinns sieht, mag das als feige empfinden und sich nach jener gar nicht so fernen Zeit zurücksehnen, da Papst Benedikt XVI. die Homo-Ehe als "Zerstörung von Gottes Werk" bezeichnete. Der Grund für die Zurückhaltung liegt aber tiefer: Auch viele tief katholische Menschen akzeptieren nicht mehr, dass Homosexualität der Natur des Menschen widersprechen und dass deshalb die Lebenspartnerschaft von Schwulen und Lesben einen unaufhebbaren Makel haben soll - egal, wie sehr sich die Partner lieben und achten. Und ebenso wenig glauben viele tief katholische Menschen noch, dass Gottes gute Schöpfung ausgerechnet daran zugrunde gehen soll, dass sich in Deutschland pro Jahr ein paar Tausend schwule und lesbische Paare das Jawort fürs Leben geben.

Das ist nicht der Aufbruch ins Zeitalter der Beliebigkeit. Die Ehe für alle zeigt aber, wie sehr sich im Bereich von Ehe und Familie, Kinderkriegen und Kindererziehen das Verhältnis von Naturrechtsdenken und Sozialethik verschoben hat. Als dem Wesen des Menschen gemäß erscheint mittlerweile, dass er nach verlässlicher Partnerschaft strebt und dass Kinder dort in Liebe und Sicherheit aufwachsen. Dass sich Mann und Frau verbinden und Kinder zeugen, gilt zwar als Normalfall, aber nur noch als eine von mehreren Möglichkeiten, eine Ehe zu leben.

Deshalb ist es gut, dass es nun ein Gesetz gibt, dass diesem Wandel Rechnung trägt. Es nimmt den heterosexuellen Ehen nichts und gibt den homosexuellen Paaren endlich die volle Anerkennung ihres Jaworts zueinander. Wahrscheinlich wird man sich einmal wundern, dass man das je anders gesehen hat - so wie man heutzutage staunt, dass Frauen einst ihren Mann um Erlaubnis fragen mussten, wenn sie arbeiten gehen wollten.

Die Abgrenzungsdebatten sind noch lange nicht vorbei

Die Zweifelsfälle des Zusammenlebens werden allerdings nicht verschwinden. Die Ehe für alle ist eben nicht für alle, sondern auf Zweierbeziehungen nicht verwandter Menschen begrenzt. Die Fragen werden kommen: Warum soll nicht das Brüderpaar heiraten und sich um adoptierte Kinder kümmern? Warum nicht die beiden lesbischen Frauen und der Mann, der biologischer Vater ihres Kindes ist - und wenn ja, warum nicht der Muslim und seine beiden Frauen?

Die Abgrenzungsdebatten und die Frage, was denn nun die Natur der Ehe ist, wird auch die "Ehe für alle" nicht loswerden. Es werden sich die Debatten verschärfen, die schon jetzt ums Kinderkriegen jenseits der natürlichen Zeugung kreisen: Ist es gut, um jeden Preis ein Kind zu wollen, per Adoption auf grauen Wegen, über die Qual der künstlichen Befruchtung, indem sich ein reiches schwules Paar eine arme Leihmutter aus Indien besorgt?

Verfassungsgericht soll Ehe für alle prüfen

Vielfältige Gesellschaften sind komplizierte Gesellschaften, auch daher rührt das Unbehagen mancher Menschen an der Ehe für alle. Man sollte dies nicht einfach als reaktionär abtun. Und ja, es sollte auch das Verfassungsgericht die Ehe für alle prüfen; schon allein um der Rechtssicherheit willen, die solche Verbindungen brauchen.

Vor allem aber wird sich verstärkt zeigen: Je weniger der Staat definieren kann, was die Ehe ist, um so stärker wird die Leere spürbar sein, die dieser Rückzug bewirkt. Seit 40 Jahren maßt sich der Gesetzgeber nicht mehr an, den Schuldigen an einer Trennung zu benennen; nun verzichtet er darauf, die sexuelle Orientierung zum Kriterium dafür zu nehmen, ob zwei Menschen heiraten dürfen oder nicht.

Er beschränkt sich nun darauf, einen Rechtsrahmen zu setzen, der die Finanzen klärt, den Schwächeren vor dem Stärkeren schützt und Regeln fürs Auseinandergehen aufstellt. Der Staat kann diesen Rahmen im Grunde gar nicht füllen. Seine Repräsentanten können von Treue, Verlässlichkeit und dem "Ja" zum Kind reden. Sie können dies alles weder verlangen noch produzieren. Den Rahmen füllen müssen andere. Vor allem: die Eheleute selber - egal, ob homo- oder heterosexuell.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3567789
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.