Ehe für alle Das große Glück am letzten Tag

Volker Beck freut sich nach erfolgter Abstimmung zur Änderung der Tagesordnung

(Foto: dpa)

Volker Beck sitzt seit 23 Jahren im Parlament. Er ist ein umstrittener Politiker und ein glaubwürdiger Kämpfer für die Ehe für alle. Nun hat er an seinem letzten Tag als Parlamentarier das Ziel seiner Träume erreicht.

Von Stefan Braun, Berlin

Am Ende gibt es den großen Knall und Konfetti überall. Ulle Schauws, die Grünen-Abgeordnete, hat ein Knallbonbon gezündet. Und Volker Beck sieht für einen Moment einfach nur noch glücklich aus. Sekunden zuvor hat Norbert Lammert, der Bundestagspräsident, das Ergebnis verkündet. 393 Abgeordnete haben für die Öffnung der Ehe, also die Ehe für alle, ihre Stimme gegeben. Und Beck freut sich überschwänglich. Lächelnd und flachsend läuft der 56-jährige durch die Reihen, schüttelt Hände, grüßt hier, grüßt dort, grüßt eigentlich alle. Er, der langjährige Kämpfer für die Gleichberechtigung von Homosexuellen, ist am Ziel angekommen. Es ist ein Erfolg, den er sich 30 Jahre lang erträumt hat.

Nicht mal ganz zwei Wochen ist es her, da hat mit Beck das große Finale auf diesem letzten Weg angefangen. Beck nämlich war es, der auf dem Parteitag seiner Grünen durchgesetzt hat, dass die "Ehe für alle" zur roten Linie, also zur absoluten Bedingung für eine Koalition erklärt wurde. Eine Abstimmung hat es dazu am Ende gar nicht mehr gegeben; Beck blieb hinter den Kulissen des Parteitags so lange bei seinem Änderungsantrag für das Wahlprogramm, dass die Führung seine Forderung auch so akzeptiert hat. Vor den Delegierten sagte Beck so stolz wie entschlossen, ohne diesen Punkt sei mit den Grünen kein Staat zu machen. "Auf uns ist da Verlass."

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Nicht schlecht für einen, der Abschied nimmt; kein kleiner Erfolg für einen bekennenden Homosexuellen, der in jedem einzelnen seiner 23 Jahre als Abgeordneter für die volle Gleichberechtigung gekämpft hat.

Zu diesem Zeitpunkt dürfte Beck freilich gar nicht geahnt haben, was er damit auslösen würde. Er, der lange respektiert, aber selten geliebt wurde; der zwar eine laute Stimme hat und viele Follower in den sozialen Netzwerken, aber zuletzt keine Chance mehr erhielt, noch einmal für den Bundestag zu kandidieren. Ausgerechnet dieser Volker Beck brachte eine Bewegung ins Rollen, die eine ungeahnte und ungekannte Kettenreaktion auslöste.

Kaum hatten die Grünen entschieden, erkannte auch der FDP-Chef, was da plötzlich möglich werden könnte. Also erklärte Christian Lindner, er stelle die gleiche Bedingung wie die Grünen: Koalition nur, wenn die Ehe für alle im Vertrag stehen würde. In diesem Augenblick realisierte auch die SPD, dass ihr altes Ziel mit einem Mal greifbar nahe war und erklärte, sie sei natürlich dafür, genau das durchzusetzen. Und so mussten die Kanzlerin und ihre Union erkennen, dass sie dem Thema nach Jahren der Blockade nicht mehr entgehen würden. Deshalb die Andeutung Angela Merkels, man werde das Thema öffnen und zu einer Gewissensentscheidung erklären; und deshalb nur Stunden später die Forderung der SPD, noch an diesem Freitag im Bundestag zu entscheiden.

Es ist eine Dynamik gewesen, wie sie im Berliner Politikbetrieb trotz aller Krisen selten vorkommt. Und es ist ein bemerkenswerter Moment für einen Abgeordneten, der sein größtes Ziel erreicht hat. Für Beck ist es der ultimative Erfolg am Ende seiner Amtszeit. Er war der Initiator der gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften; er war es, der immer und immer wieder für die Rechte und gegen eine Diskriminierung von Homosexuellen eintrat. Es konnte keine größere Genugtuung für ihn geben, zum Finale die vollständige Gleichberechtigung durchzusetzen.

Dies gilt umso mehr, wenn man bedenkt, dass Beck alles andere als nur beliebt war. Er kam als kleiner Vorkämpfer für die Rechte der Schwulen 1994 ins Parlament und rückte schon vier Jahre später auf, als er mit Beginn der rot-grünen Bundesregierung Fraktionsgeschäftsführer wurde.

Schnell wurde er zu einem Vorkämpfer des Doppelpasses, stritt für ein Einwanderungsgesetz und entwickelte sich von einem bescheiden-leidenschaftlichen zu einem scharfzüngig-strengen Verfechter grüner Positionen. Ja, er konnte ein harter Richter sein über politische Widersacher. Und dazu ein Abgeordneter, der früher viel nach Verbündeten gesucht, später aber immer stärker in Freund-Feind-Bildern gedacht hat.

Es konnte keine größere Genugtuung geben

Das dürfte auch der Grund dafür sein, dass er 2013 zu jenen gehört hat, die im Umgang der Grünen mit der Pädophilie-Geschichte in den achtziger Jahren nicht als nachdenklich, selbstkritisch, den Opfern zugewandt erschien, sondern als hartherzig und unverbesserlich wahrgenommen wurde. Als ein sehr umstrittener Artikel Becks aus dem Jahr 1988 bekannt wurde, argumentierte er spitzfindig und relativierend - und räumte erst sehr spät ein, Fehler gemacht zu haben. Zu spät aus der Sicht vieler, die damals für die Grünen mitten im Wahlkampf steckten. Das war ein wichtiger Grund dafür, warum Beck nach der verlorenen Wahl seinen Job als Geschäftsführer der Fraktion aufgeben musste.

Dass die politische Hartherzigkeit nicht den ganzen Volker Beck erzählte, wusste nicht jeder, vor allem nicht jeder in der Öffentlichkeit. Beck hatte 2008 seinen langjährigen Freund geheiratet. Doch nur wenig später erkrankte dieser an Krebs, und Beck pflegte ihn, bis er ein Jahr nach der Diagnose starb. Das hinterlässt Spuren, die nicht mehr vergehen.

Aus diesem Grund gab es insbesondere bei jenen Grünen, die ihn lange kennen, keine scharfe Verurteilung seiner Person, als 2014 bekannt wurde, dass er harte Drogen konsumiert hatte. Es war allen klar, dass das für seine Karriere das Ende sein würde; scharfe Attacken aber sind in den eigenen Reihen ausgeblieben. Und das auch, weil er sich nach Bekanntwerden nicht wie in der Vergangenheit verhielt, sondern Demut zeigte und schwieg. Keine neuen Spitzfindigkeiten und keine Erklärungsversuche. Die Fakten lagen eh auf dem Tisch; es half nur noch Reue. Zumal Politiker der Union ihn natürlich scharf kritisierten. Beck brauchte die Solidarität der eigenen Leute - und erhielt sie, so gut das eben möglich ist in solchen Momenten. Eines nämlich wurde nach dem Vorfall schnell deutlich: Sein Wahlkreis und sein guter Listenplatz für die Bundestagswahl waren verloren.

Umso mehr freut er sich, dass die Ehe für alle am Ende dieser Woche im Bundestag tatsächlich eine Mehrheit gefunden hat. Am letzten Tag. Auf der Zielgeraden des Abgeordneten Volker Beck.

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