Süddeutsche Zeitung

Atomwaffen:Die nukleare Bewährungsprobe

Donald Trump gegen Kim Jong-Un, der impulsive US-Präsident gegen den aggressiven Führer Nordkoreas: 2018 steht der nukleare Frieden vor einer harten, vielleicht vor seiner härtesten Prüfung.

Wenn es um die schrecklichste je von Menschen entwickelte Waffe geht, so existieren zwei höchst unterschiedliche Betrachtungen. Joseph Cirincione, einer der führenden amerikanischen Konfliktforscher, bezeichnet sie als die der "nuklearen Optimisten" und die der "nuklearen Pessimisten". Die Vertreter der Schule der Zuversicht verweisen darauf, dass zwar Zehntausende Atombomben gebaut, aber nach August 1945 nur noch zu Testzwecken gezündet wurden. Das Prinzip der Abschreckung garantiere also den Frieden, heißt es: Zum ersten Mal habe die Erfindung einer neuen Waffe nicht zu immer mehr Toten und immer mehr Zerstörung geführt, sondern aus purer Angst vor der Vernichtung zu Zurückhaltung. Im nuklearen Zeitalter, so sehen es die Optimisten, sei erkannt worden, dass der Krieg selbst der größte Feind sei.

Die nuklearen Pessimisten widersprechen, sie warnen, dass man sich darauf weder verlassen könne noch verlassen dürfe. Nur atomare Abrüstung garantiere den Frieden. Sonst komme der Tag, an dem aus Absicht, aufgrund eines Missverständnisses oder wegen eines Unfalls ein atomarer Krieg ausbreche. Der Mensch sei nun einmal nicht immer und unbedingt vernünftig.

Zumindest auf eines können sich die beiden Lager einigen: Im Jahr 2018 wird die nukleare Ordnung und das Prinzip der Abschreckung auf eine harte, vielleicht auf seine bisher härteste Probe gestellt.

Der Grund hierfür heißt Nordkorea. Das bettelarme Land ist schrecklich weit gekommen, entwickelte Atom-, vielleicht sogar Wasserstoffbomben, dazu Langstreckenraketen, die womöglich bereits die USA erreichen könnten:

Noch sind Fragen offen, die Nordkoreaner waren stets auch begabte Angeber, die ihre Fähigkeiten übertreiben. Aber das amerikanische Militär hat sich entschieden: Nordkorea gilt nun den Strategen als erstrangige Bedrohung für die USA.

Atombomben in den Händen einer feindlichen Macht waren für die USA stets eine Frage von Krieg und Frieden, das galt schon in den Zeiten vor Donald Trump. Als die Sowjetunion in den 50er Jahren die ersten Bomben baute, dachte man im Weißen Haus über einen Atomschlag nach. In den 60er Jahren war es die Angst vor den Chinesen, deren Anführer Mao Tse Tung sei unberechenbar, hieß es in Washington. Ein Plan wurde entwickelt, demzufolge man gemeinsam mit den Russen die chinesische Nuklearindustrie in Schutt und Asche legen könne.

In beiden Fällen setzten sich die besonnenen Kräfte durch. Amerika lernte, mit seinen nuklearen Rivalen zu leben und sich auf das Prinzip der nuklearen Abschreckung zu verlassen. Nun aber muss Trump die Frage beantworten, ob die bislang bewährte Strategie auch die Antwort auf die Frage liefert, wie man mit Nordkorea umgeht. Sein Sicherheitsberater General Herbert McMaster, hat die Antwort schon gegeben: Die "klassische Abschreckung" funktioniere nicht, der nordkoreanische Führer Kim Jong-Un sei ein Mann von "entsetzlicher Brutalität." Selbst aus den amerikanischen Geheimdiensten kommt Widerspruch: Kim sei sehr wohl ein "rational actor", ein berechenbarer Akteur.

Frühere US-Regierungen fanden keine Lösung für das Nordkorea-Problem

Tatsächlich weiß wohl niemand, was Kim Jong-Un wirklich will. Kaum jemand hat ihn getroffen oder gesprochen. Auch die Geheimdienste wissen sehr wenig über ihn, jahrelang existierte lediglich ein altes Schwarz-Bild aus seiner Zeit in einem Schweizer Internat. Womöglich spricht er ein bisschen Deutsch, aber auch das weiß man nicht so genau. Für seine Berechenbarkeit spricht, dass Nordkoreas Führung stets Anerkennung und Augenhöhe mit den USA suchte, zudem ein Ende der UN-Sanktionen und eine Überlebensgarantie für das Regime. Überläufer haben berichtet, dass der junge Kim mit seinem Vater fröstelnd die Videos angeschaut habe, wie Saddam Hussein oder Muammar al-Gaddafi stürzten und starben.

Manches aber ist irritierend und spricht dafür, dass der dritte Kim impulsiver und aggressiver agiert als Vater und Großvater. 2014 soll er einen grossen Hacker-Angriff auf die Sony-Filmstudios befohlen haben, nur weil er sich über die bitterböse Komödie "The Interview" ärgerte, in der es um einen Plot für seine Ermordung ging. Nach Überzeugung der US-Regierung steckt er auch hinter dem Mordauftrag auf seinen Halbbruder Kim Jong-Nam, der im Februar 2017 auf dem Flughafen von Malaysia vergiftet wurde. Zum Einsatz kam VX-Gas, eine Massenvernichtungswaffe. Hinzu kommen fast tägliche Drohungen, die Gegner anzugreifen, auszulöschen, zu vernichten.

Frühere amerikanische Regierungen fanden nie eine Lösung für das Nordkorea-Problem. Aber sie ließen sich auch selten auf einen öffentlichen Schlagabtausch ein. Trump reagiert anders. Inzwischen beleidigen und bedrohen sich zwei Oberbefehlshaber mit Atomwaffen regelmäßig. Das jedenfalls gab es noch nie. Auch die impulsive Persönlichkeit des US-Präsidenten ist kein Grund zur Beruhigung. Als Präsidentschaftskandidat hatte Trump erklärt, die Menschen sollten sich weniger Sorgen wegen der Erderwärmung machen, sondern die nukleare Bedrohung fürchten: "Das ist das größte Problem." Kaum im Amt, soll er gefragt haben, warum man die Zahl der US-Atomwaffen nicht verzehnfache - was die Regierung dementierte. Sein Außenminister Rex Tillerson soll Trump daraufhin später einen "verdammten Trottel" genannt haben.

Was ist für 2018 zu erwarten? Nordkorea hat erklärt, seine Waffen niemals mehr aufgeben zu wollen. Aber zumindest die möglichen Eckpunkte, die den Beginn von Verhandlungen ermöglichen könnten, sind lange bekannt. China etwa hat sie vorgeschlagen: Nordkorea verzichtet erst einmal auf weitere Atom- und Raketentests, die USA und Südkorea auf die vom Norden als Bedrohung empfundenen regelmäßigen Militärmanöver. Die Regierung in Seoul hat einen "Olympischen Frieden" in Aussicht gestellt, im Februar finden dort die Winterspiele statt. Auch der Kreml hat angekündigt, zu vermitteln.

Seit der Erfindung der Atombombe sind viele Konflikte friedlich gelöst worden, die Vernunft triumphierte schließlich: Die Kuba-Krise und die meisterhaften Iran-Verhandlungen sind Beispiele. Die Bombe hat sich längst nicht so weit verbreitet, wie man zunächst fürchtete, weite Regionen der Welt - Afrika, Südamerika - sind frei von ihnen. Verbreitet hat sich die Waffe allerdings dort, wo Krisen und Konflikte ungelöst blieben. Die koreanische Halbinsel, wo die USA Anfang der 50er Jahre ihren einzigen Krieg gegen China fochten, ist ein solcher Ort. Hier ist der Kalte Krieg nie zu Ende gegangen.

Viel wird davon abhängen, ob Trump bereit ist, zu verhandeln und auf Deeskalation zu setzen. Ebenso viel wird daran hängen, ob Kim an einer solchen Entspannung liegt. Oder ob er sogar seine Drohung wahr macht, den nächsten Atomtest nicht mehr unterirdisch, sondern in der Atmosphäre stattfinden zu lassen. Es wäre eine weitere Eskalation eines ohnehin schon so gefährlichen Konfliktes.

Joseph Cirincione hat sich inzwischen für das Lager der nuklearen Pessimisten entschieden.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3809926
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ.de/mkoh
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.