Süddeutsche Zeitung

Unwetter:Hochwasser, Bergrutsche, Dammbrüche

Nach schweren Regenfällen in Slowenien und Österreich werden die Bewohner mehrerer Ortschaften in Sicherheit gebracht, zahlreiche Grenzübergänge sind unpassierbar. Für die kommenden Tage sind weitere Stürme vorhergesagt.

Von Cathrin Kahlweit

Schwere und anhaltende Regenfälle in Süd-Österreich und Slowenien haben in den vergangenen Tagen eine ganze Reihe von Katastrophen ausgelöst. Und als wären Hochwasser, Bergrutsche und Dammbrüche nicht genug, werden für die nächsten Tage heftige Stürme und noch mehr Regen vorhergesagt. Vor allem entlang des Flusses Mur, der im Salzburger Land entspringt und durch die Steiermark und Slowenien in Richtung Kroatien fließt, mussten Dörfer evakuiert und Dämme befestigt werden.

Der Bruch eines Mur-Dammes in Slowenien konnte jedoch nicht verhindert werden; etwa 500 Bewohner des Dorfes Dolnja Bistrica mussten von den Behörden in Sicherheit gebracht werden, wie das staatliche Fernsehen RTV Slovenija berichtet. Neun weitere Dörfer an der Mur sind laut dem Kommandanten des slowenischen Katastrophenschutzes, Srečko Šestan, weiterhin gefährdet. Man versuche nun, schreibt die slowenische Nachrichtenagentur STA, das etwa zehn Meter breite Loch am Damm mit Betonblöcken abzudichten. Steigende Wassermassen würden die Arbeiten aber massiv behindern.

Auch in anderen Landesteilen Sloweniens sind Rettungs- und Aufräumarbeiten angelaufen. In der Gemeinde Ljubno ob Savinji nahe der Grenze zu Österreich rissen Erdrutsche vier Häuser weg. In Dravograd, wo die drei Flüsse Drau, Meža und Mislinje zusammenfließen, mussten nach einem Erdrutsch am Samstag 110 Menschen, darunter 30 Touristen, in Sicherheit gebracht werden. Es drohte ein weiterer Erdrutsch. Der Bürgermeister sprach laut STA von einer "Apokalypse biblischen Ausmaßes".

Wegen eines drohenden Erdrutsches nahe der slowenisch-österreichischen Grenze, in Črna na Koroškem, würden auch Bewohner in mehreren Orten am Fluss Meža in Sicherheit gebracht, berichtete die STA. Im Norden des Landes stürzten Brücken ein, Straßen und Bahnschienen standen unter Wasser, Menschen suchten Zuflucht auf Bäumen oder Hausdächern. Der Katastrophenschutz meldete am Samstag innerhalb von 36 Stunden landesweit mehr als 3700 Einsätze, am Sonntag kamen Hunderte Einsätze hinzu.

Im Gebirge bei Kranj kamen zwei niederländische Bergsteiger wahrscheinlich durch Blitzschlag ums Leben. Fünf weitere Niederländer wurden überdies in Slowenien vermisst; slowenische Agenturen berichten aber, sie seien mittlerweile geortet worden. Nach schweren Überschwemmungen wurden mehrere Campingplätze geräumt, die besonders bei ausländischen Reisenden populär sind. Die Polizei prüft derweil, ob einige Todesfälle mit den extremen Wetterbedingungen zusammenhängen: Bei einer Frau der Stadt Kamnik, 20 Kilometer nördlich der Hauptstadt Ljubljana, wird als Todesursache Ertrinken vermutet. Auch der Tod eines Mannes, dessen Leiche am Ufer des Flusses Save in der Hauptstadt Ljubljana entdeckt wurde, könnte mit dem Unwetter zusammenhängen.

Bereits am Freitag waren mehrere Dörfer von der Außenwelt abgeschnitten gewesen. Die Bewohner wurden teils per Hubschrauber mit Trinkwasser und Lebensmitteln versorgt, teils versuchten Soldaten, zu Fuß in diese Orte zu gelangen.

Nach Angaben von Sloweniens Ministerpräsident Robert Golob sind zwei Drittel des Landes vom Hochwasser betroffen. Die Regierung schätze den Gesamtschaden auf mehr als 500 Millionen Euro. Es seien die größten, durch eine Naturkatastrophe verursachten Schäden seit mehr als drei Jahrzehnten, so Golob. Bei seiner Wahl zum Ministerpräsidenten vor etwas mehr als einem Jahr hatte der grüne Politiker versprochen, das Land mit einer "ökologischen Wirtschaftspolitik" neu auszurichten und vor allem den CO₂-Ausstoß zurückzufahren. Derzeit aber ist seine Regierung vor allem damit beschäftigt, die schlimmsten Auswirkungen der Umweltschäden einzudämmen, die durch die Extremwetterphase entstanden sind.

Golob dankte der EU-Kommission und Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am Sonntag in einem Telefonat für die zugesagte Unterstützung. Von der Leyen hatte Slowenien Hilfe zugesichert; die Schäden seien "herzzerreißend", twitterte sie. Über Einzelheiten wollte der EU-Kommissar für humanitäre Hilfe und Krisenschutz, Janez Lenarčič, mit der Regierung in Ljubljana beraten.

Auch das südliche Österreich ist stark betroffen

Auch weite Landstriche Österreichs sind von Überschwemmungen betroffen, und auch hier regnet es weiter. Laut der Presse waren am Wochenende jeweils mehr als 2500 Feuerwehrleute in Kärnten und der Steiermark im Einsatz. Der Pegel der Mur sowie des Flusses Gurk stieg weiter an, das Hochwasser in der südsteierischen Sulm ist nach Behördenangaben schon im roten Bereich. Im Lavanttal in Kärnten waren bereits am Freitagabend 70 Haushalte evakuiert worden. Im Kärnten, dem Burgenland und der Steiermark mussten zahlreiche Campingplätze geräumt werden.

Aus dem ganzen Land kamen Hilferufe: In einem südlichen Vorort der Landeshauptstadt Klagenfurt am Wörthersee musste ein Rückhaltebecken ausgepumpt werden, weil es überzulaufen drohte. In Lavamünd gerieten völlig durchnässte Hänge ins Rutschen und bedrohten Wohnhäuser. In Leibnitz in der Steiermark wurde ein Seniorenheim vorsorglich geräumt. In einer anderen Ortschaft wurden Menschen mit Booten aus ihren Häusern abgeholt und in Sicherheit gebracht. In einigen Dörfern wurden Notschlafstellen eingerichtet, das Rote Kreuz richtete Feldküchen ein.

Massive Verkehrsbehinderungen inmitten der Sommerreisezeit

Nach Angaben des österreichischen Autofahrerclubs ÖAMTC waren zahlreiche Grenzübergänge zwischen Österreich und Slowenien wegen Überflutungen sowie Schlamm- und Gerölllawinen gesperrt, darunter der Loiblpass, wo schon in der Nacht auf Freitag etwa 200 Liter Regen pro Quadratmeter niedergegangen waren. Als Ausweichroute stand zeitweilig nur der Karawankentunnel zur Verfügung, aber auch dort blieb die Lage angespannt, es kam zu langen Staus. Laut ORF deutete sich am Sonntag aber langsam ein Rückgang der Pegel in den südösterreichischen Flüssen an, auch der Regen ließ zeitweilig etwas nach.

Die österreichische Bundesregierung kündigte am Samstag an, Geld aus dem Katastrophenfonds für die vom Hochwasser heimgesuchten Regionen bereitzustellen. Der grüne Vizekanzler Werner Kogler sagte, die verheerenden Unwetter im Süden des Landes zeigten, " mit welcher Wucht die Klimakrise auch Österreich trifft - durch immer heftigere und häufigere Extremwetterereignisse".

Kroatien versetzt Einsatzkräfte in Alarmbereitschaft, weitere Regenfälle vorhergesagt

Derweil bereitet sich auch Sloweniens Nachbarland Kroatien auf Hochwasser vor. In Teilen des Landes kam es zu Starkregen. Zudem wurde erwartet, dass der aus Slowenien kommende Fluss Save und dessen Nebenflüsse auf kroatischem Territorium anschwellen, berichtete das kroatische Nachrichtenportal index.hr. Mit dem Höhepunkt dieser Flut sei Sonntagabend zu rechnen.

Vereinzelt mussten bereits Menschen gerettet werden. In der Gemeinde Brdovec nahe der Hauptstadt Zagreb wurden Häuser evakuiert, da sie bereits vom Wasser erfasst worden waren. Im Norden des Landes, bei Varaždin und Karlovac, errichteten die Katastrophenschützer vorsichtshalber Dämme aus Sandsäcken.

Betroffen ist teilweise auch die Adria-Küste. In Split mussten nach Sturm und Starkregen Fahrzeuge aus überschwemmten Straßen in Sicherheit gebracht und Keller ausgepumpt werden.

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