Süddeutsche Zeitung

Schweiz:In Davos eskaliert der Streit um jüdische Touristen

Im Sommer reisen viele strenggläubige Juden in den Schweizer Bergort, doch harmonisch ist die Beziehung zwischen Einheimischen und Gästen nicht.

Von Isabel Pfaff, Bern

Dass orthodoxe Jüdinnen und Juden gerne Urlaub in Schweizer Bergregionen machen, kann jeder sehen, der im Spätsommer durch Graubünden fährt. Nach dem Fast- und Trauertag Tischa Be'Aw - dieses Jahr der 12. August - beginnen für strenggläubige jüdische Familien die Sommerferien, und die verbringen viele gerne in Arosa, St. Moritz oder Klosters. Dass diese Liebe auf Schweizer Seite nicht immer erwidert wird, zeigt sich gerade in Davos.

Das berühmte Dorf auf 1500 Metern empfängt schon lange jüdische Gäste, bereits im frühen 20. Jahrhundert gab es hier ein Sanatorium für jüdische Lungenkranke. Inzwischen gibt es in Davos ein halbes Dutzend Gebetssäle, einen Ort für das rituelle jüdische Tauchbad, die Mikwe, und in der Hochsaison mehrere koscher geführte Hotels. Schätzungsweise rund 3000 jüdisch-orthodoxe Touristen nutzen diese Angebote jeden Sommer.

Mitten in der diesjährigen Hochsaison ist die Situation allerdings eskaliert. Reto Branschi, Chef der Davoser Tourismus-Organisation, erklärte in der Davoser Zeitung "ein Teil dieser Gästegruppe hat spürbar Mühe, die Regeln des Zusammenlebens hier in Davos zu akzeptieren und zu respektieren". Konkret kritisierte er das "Littering", also das achtlose Entsorgen von Abfällen im öffentlichen Raum. In einem späteren Interview schilderte er Probleme beim einander Platz machen auf den Fußwegen oder beim Schlange stehen in den Läden. Diese Regeln würden "leider speziell von orthodoxen Jüdinnen und Juden nicht eingehalten", so Branschi.

Seine pauschalisierenden Äußerungen wurden schnell über Graubünden hinaus publik - auch weil es nicht die erste Krise zwischen Schweizer Ferienregionen und jüdischen Touristen ist. Internationale Berühmtheit erlangte 2017 ein Aushang in einem Hotel in Arosa: "An unsere jüdischen Gäste: Bitte duschen Sie, bevor Sie schwimmen gehen." Und: "Wenn Sie die Regel brechen, bin ich gezwungen, den Pool für Sie zu schließen."

Auch Branschi beschwerte sich schon damals über das Verhalten vieler jüdischer Gäste. In einem Beschwerdebrief an jüdische Vertreter schrieb er von in den Bergen zurückgelassenen Windeln und der Notwendigkeit des Grüezi-Sagens. Alles Dinge, über die man sich im stark frequentierten Davos wohl auch im Zusammenhang mit anderen Touristengruppen beklagen könnte - doch viele orthodoxe Familien fallen eben eher auf mit ihrer langen Kleidung und den Schläfenlocken.

Seither hat sich einiges getan. Anstatt die Bündner Ferienorte des Antisemitismus zu bezichtigen, schaltete sich der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG), quasi das Sprachrohr der jüdischen Gemeinden in der Schweiz, auf konstruktive Weise ein. Der Verband erarbeitete Broschüren, um das gegenseitige Verständnis zu fördern, eine für die jüdischen Touristen und eine für die Gastgeber. Zudem gibt es seit 2019 eine Art Dialogprojekt, organisiert und mehrheitlich finanziert vom SIG: Zum mittlerweile fünften Mal verbrachten Freiwillige im Sommer mehrere Wochen in Davos und im Saas-Tal im Wallis, um zwischen Einheimischen und Gästen zu vermitteln.

Doch dieses Projekt hat die Davoser Tourismus-Organisation gerade einseitig aufgekündigt. Es habe nicht funktioniert, so Branschi in einem Interview: Die Vermittler würden von vielen jüdischen Gästen schlicht ignoriert. Beim SIG reagierte man erstaunt auf diesen Schritt. Er finde es "sehr, sehr, sehr irritierend", so SIG-Generalsekretär Jonathan Kreutner, dass Davos offenbar eine ganze Gästegruppe nicht mehr wolle, weil diese sich aufgrund der Herkunft oder Religion nicht konform verhalte. Das Dialogprojekt werde es weiterhin geben, teilte der SIG mit - aber nicht mehr in Davos.

"Wir sind Vermittler, keine Touristenpolizei"

Mittlerweile haben sich Branschi und Kreutner getroffen, doch die Stimmung ist immer noch angespannt. Auf Anfrage der SZ schreibt Reto Branschi, dass jüdische Gäste weiterhin in Davos willkommen seien. Das Verhalten "eines Teils der orthodoxen jüdischen Gäste" werde aber von vielen als respektlos wahrgenommen und habe den Unmut von Einheimischen und anderen Gästen auf sich gezogen. "Als Gastgeber wollen wir ein solches Verhalten nicht einfach hinnehmen." Beim SIG ist man nach wie vor irritiert. "Wir sind Vermittler, keine Touristenpolizei", betont Kreutner. Mehr könne man gar nicht leisten mit zwei Freiwilligen pro Saison.

Die Davoser Tourismus-Organisation hat nun eine Taskforce angekündigt. Statt nur mit dem SIG wolle man auch mit anderen Vertretern aus dem jüdischen Kulturkreis "nach Lösungen suchen", schreibt Branschi. Aus dem Ferienort sollen zusätzlich "die wichtigen touristischen Leistungsanbieter" an den Tisch kommen. Erste Gespräche hätten schon begonnen.

Ob der SIG da mitmachen wird, lässt Jonathan Kreutner offen. "Wir brauchen vor Ort einen verlässlichen Partner, der vorurteilsfrei, offen und lösungsorientiert ist." Ist die Davoser Tourismus-Organisation dieser Partner? "Davos Tourismus wird sich bewegen müssen." Ein bisschen Zeit bleibt den Konfliktparteien, bis im nächsten Sommer wieder Hochsaison ist.

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