Süddeutsche Zeitung

Schutz vor Tropensturm "Irene":Aus "Katrina" gelernt

Gefährlich, aber keine Katastrophe: Tropensturm "Irene" hat entlang der US-Ostküste weniger Zerstörung angerichtet als befürchtet. Auch dank der Sicherheitsmaßnahmen der Behörden, die aus dem Desaster nach Hurrikan "Katrina" gelernt haben und beispiellos vorbereitet waren.

Reymer Klüver, Washington

Die Apokalypse ist ausgeblieben. Der Hurrikan Irene, der erste Wirbelsturm seit Jahrzehnten, der die Bevölkerungszentren der USA an der Atlantikküste mitsamt der Metropole New York getroffen hat, hat offenbar erheblich weniger Zerstörungen angerichtet, vor allem aber weniger Menschenleben gekostet als befürchtet. Bis zum Sonntag wurden 15 Tote gezählt.

Obwohl sich die Zerstörungen auf einen relativ schmalen Küstenstreifen zu beschränken schienen, dürften die Schäden ersten Schätzungen nach in die Milliarden gehen. New Jerseys Gouverneur Chris Christie sprach von Schäden in Höhe von möglicherweise zehn Milliarden Dollar oder sogar mehr. Allerdings waren die möglichen Flutschäden aufgrund der enormen Regenfälle und des Hochwassers an den Küsten noch nicht absehbar.

Mehr als vier Millionen Menschen zwischen den Bundesstaaten North Carolina und New York waren am Sonntag ohne Strom, weil umstürzende Bäume das Leitungsnetz beschädigt hatten. Wohl noch kein Sturmtief in der US-Geschichte hatte so viele Menschen auf einmal bedroht wie Hurrikan Irene.

Der Sturm hatte sich im Laufe des Wochenendes abgeschwächt. Von den Bahamas kommend, hatte das ungewöhnlich umfangreiche Tief vor dem Wochenende Hurrikanstärke 2 erreicht. Am Samstagmorgen war Irene dann mit Windgeschwindigkeiten von knapp 140 Stundenkilometern als Hurrikan der Stärke 1 in North Carolina auf Land getroffen und hatte langsam eine Schneise der Zerstörung entlang der US-Küste in Richtung New York gezogen. Am Sonntagmorgen erreichte Irene - inzwischen herabgestuft zum Tropensturm - New York mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 100 Stundenkilometern.

Aus Virginia Beach wurden Plünderungen in Strandhäusern gemeldet, die der Sturm beschädigt hatte. In der Küstenregion von Maryland gab es Tornados. Ebenfalls in Maryland musste ein Reaktor des Atomkraftwerkes Calvert Cliff abgeschaltet werden, nachdem ein Transformator von herumfliegenden Gebäudeteilen getroffen worden war. Auch in New Jersey wurde ein Meiler vorsorglich abgeschaltet. Von Samstagnachmittag an ging in der gesamten Atlantik-Region praktisch gar nichts mehr. Busse und U-Bahnen stellten ihren Betrieb in Baltimore, Philadelphia, in New Jersey und New York ein. Alle vier Flughäfen in New York sowie der Airport von Philadelphia wurden in den Nacht zum Sonntag geschlossen. Mehr als 9000 Flüge wurden gestrichen. Der Eisenbahn- und Busverkehr war praktisch entlang der gesamten Ostküste eingestellt.

Behörden von der US-Katastrophenschutzbehörde Fema bis zu den Bürgermeistern von New York und kleinen Touristenorten an der Küste hatten sich in den vergangenen Tagen intensiv auf Irene vorbereitet und Evakuierungsmaßnahmen angeordnet, die mehr als 2,3 Millionen Menschen betrafen. In New Jersey sollten eine Million Menschen ihre Behausungen verlassen und sich in Sicherheit bringen, auf Long Island, der Landzunge im Osten New Yorks, weitere 400.000 Menschen und in der Metropole selbst noch einmal 370.000 Einwohner. In New York hatte es solche Evakuierungsanordnungen noch nie gegeben..

Die Fema hatte 18 Einsatzzentren entlang der gesamten Küste eingerichtet, in denen Wasser und Notfallrationen vorgehalten wurden. 100.000 Angehörige der Nationalgarde waren in Bereitschaft. Die Küstenwache hatte 20 Helikopter im Einsatz, Verteidigungsminister Leon Panetta stellte 18 Armee-Hubschrauber zusätzlich zur Verfügung und versetzte 6500 Soldaten in Alarmbereitschaft.

Bei all diesen Maßnahmen dürften die Erfahrungen aus dem katastrophalen Hurrikan Katrina 2005 in New Orleans eine erhebliche Rolle gespielt haben. Damals hatten die Fema, aber auch die Behörden des Bundesstaates Louisiana und die Stadt New Orleans selbst nur unzureichende Vorkehrungen getroffen und waren durch das Ausmaß der Katastrophe völlig überfordert. Auch das Weiße Haus war dieses Mal bemüht, das Engagement des Präsidenten zu demonstrieren. Barack Obama hatte am Freitag seinen Urlaub abgebrochen und am Samstag demonstrativ die Fema-Kommandozentrale in Washington besucht. Seinem Vorgänger George W. Bush war vorgeworfen worden, nicht angemessen auf die Katrina-Katastrophe reagiert zu haben.

Nach dem Durchzug von Irene dürften nun die Überflutungen das größte Problem werden. Virginias Gouverneur Bob McDonnell sprach von möglicherweise "katastrophalen" Schäden aufgrund der fast drei Meter hohen Flutwelle. Sein Kollege Christie in New Jersey warnte vor Hochwasser in den Flüssen in den kommenden Tagen.

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SZ vom 29.08.2011/cag
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