Süddeutsche Zeitung

Reformationsjubiläum:Betend, beschwingt, mitunter enervierend freundlich

Lesezeit: 4 min

So präsentierten sich evangelische Christen im Jubiläumsjahr. Aber wie stark wirken Luther und der Protestantismus noch?

Von Johan Schloemann

"Wenn zwei! Oder drei! - in meine-hem Namen versammelt sind ..."

So geht ein Kanon, der häufig in evangelischen Kirchen gesungen wird, gerne auch mit Gitarrenbegleitung. Bestimmt wird dieses Lied auch in manchen der Festgottesdienste angestimmt, die am kommenden Dienstag im ganzen Land stattfinden. Dann wird der Reformationstag zum 500-Jahres-Jubiläum, zum Ende einer zehnjährigen "Lutherdekade" und eines gigantischen Feierjahres, erstmals und ausnahmsweise ein bundesweiter gesetzlicher Feiertag sein und damit auch sämtliche Freizeitprofis und Brückentagsexperten erfreuen.

Das Lied passt in zweierlei Hinsicht zur Bilanz des Reformationsjubiläums. Zum einen stehen solche christlichen Songs, die im Englischen dem Genre Happy-clappy zugeordnet werden, für das Bild, das viele von den Protestanten der Gegenwart haben: kirchentagsbeschwingt, an den Händen fassend, enervierend freundlich und immer einen Hauch von Reformhaus verströmend.

Wenn man genauer hinsieht, sind solche Urteile natürlich meist ziemlich ungerecht, denn viele evangelische Christen - auf dem Papier sind es fast 22 Millionen Menschen in Deutschland - sind einfach gute, segensreiche Menschen. Sie singen auch nicht nur happy-clappy, sondern immer noch die kraftvolleren Choräle aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, und der Spott über "Gutmenschen" ist in Zeiten der Radikalisierung von Vorurteilen ohnehin ziemlich schal geworden.

Zum anderen ist die Aussage des biblischen Jesus-Wortes - "denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen" - ein urchristlicher Trost für Gemeinden, die in der Minderheit sind. Der Spruch beschreibt damit auch die eine oder andere Veranstaltung, die im Rahmen der unzähligen Jubiläumsaktivitäten seit dem vergangenen Herbst landauf, landab stattgefunden haben, sowie das Zugeständnis, dass das Jubeljahr, das nach einer historischen und einer heutigen Reformation fragen wollte, wohl doch keine massenhafte Erweckung außerhalb der Kirche gebracht hat.

Von anbiedernd bis hochwertig war alles dabei

Allerdings wäre es im protestantischen Sinne doch sehr undemütig, für den Gedenkkomplex 500 Jahre Reformation im Ganzen Noten zu verteilen. Es gab diverse aufwendige, gut besuchte Ausstellungen, viele Interessierte haben sich angeschaut, was furchtbar fremd ist an der Glaubens- und Lebenswelt des 16. Jahrhunderts, was einen trotzdem unmittelbar anspricht und wie viel Protestantismus heute in der modernen Welt steckt, nicht nur in der deutschen Kultur. Oder was ein Einwanderungsland von den schmerzhaft erkämpften Toleranz-Erfahrungen der christlichen Konfessionen lernen kann.

Und weil Deutschland - auch wegen der Reformation und der religiösen Verschiedenheit - ein föderales Land ist, gab es eben ein regionales und lokales Luther-Spezial als Sammelsurium: Konzerte, Lesungen, Diskussionen, Tagungen, Filmreihen, Meditationen, Souvenirs, Musicals, von anbiedernd bis hochwertig war alles dabei. "Das Reformationsjubiläum ist überall dort geglückt, wo wir als Kirchenleute aus den Kirchentüren hinausgegangen sind und mit anderen gesellschaftlichen Kräften etwas gemeinsam auf die Beine gestellt haben", sagt Johann Hinrich Claussen, Theologe und Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Außerdem ging und geht ja, trotz der Fixierung auf das Großereignis, auf örtlicher Ebene das ganze "normale" evangelische Leben auch weiter: Predigt, Bibelauslegung, Gebet, Gesang, Liturgie, Seelsorge. Und Sozialfürsorge für Alte, Arme, Kranke, Behinderte, Flüchtlinge. Also all das, wo nach Überzeugung der Gläubigen die Gnade mitten unter ihnen ist - oder bezweifelt und gesucht wird.

Die Antworten auf die Frage "Was bleibt?" findet man aber nicht bloß im Einzelnen oder verborgen in der berühmten protestantischen Innerlichkeit. Zu den handfesten Ergebnissen der 500-Jahr-Sause zählen viele Bücher, von populären Schmökern und Promi-Umfrage-Bänden bis hin zu einem gewichtigen Lebenswerk wie "Martin Luther - Lehrer der christlichen Religion", in dem der Münchner Theologe Reinhard Schwarz die Summe seiner Studien zieht. Das Buch der Bücher selbst wurde ebenfalls fertig, in Form der überwiegend gelungenen, umfassenden Revision von Martin Luthers Bibelübersetzung, die die Sprachkraft des Reformators - und damit den Quell unserer heutigen deutschen Sprache - wieder stärker freilegt.

Der Staat hat das Jubiläum zu seiner Sache gemacht

Greifbar sind zudem die Museen und Gedenkstätten in Thüringen, Sachsen-Anhalt und anderswo, die aufs feinste renoviert, erweitert, mit neuen Dauerpräsentationen ausgestattet sind. Beide Bundesländer, in denen kaum noch aktive Christen leben, melden touristisch Zufriedenheit - und vielleicht fährt man am besten jetzt dorthin, wenn der Trubel vorbei ist.

Auf grob 250 Millionen Euro werden die öffentlichen Ausgaben fürs Reformationsjubiläum geschätzt, je nachdem, was man mitrechnet. Und noch etwas bleibt: der vielleicht beste Lutherwitz des Jahres. Als die EKD-Jubiläumsbeauftragte Margot Käßmann den neu getauften ICE "Martin Luther" vorstellte, schrieb einer auf Twitter, das sei ja ein treffliches Motto für die Deutsche Bahn mit ihren Verspätungen: "Hier stehe ich und kann nicht anders."

Weniger lustig ist die Debatte, ob der evangelischen Kirche auf der überregionalen, nationalen Bühne die großen Gesten und Dialoge zwischen 1517 und 2017 gelungen sind. Das Dilemma war: Hier kann man nicht nur im stillen Kämmerlein oder gepflegt kulturprotestantisch agieren; wenn aber Kirchenfunktionäre ihren oft geforderten Anspruch auf gesellschaftspolitische Einmischung tatsächlich erheben, dann taucht wieder, unter kritischeren Vorzeichen, der alte Vorwurf der zu großen Staatsnähe auf.

Denn dieser Makel hängt seit jeher am Protestantismus: der Pakt mit der Obrigkeit. Durch ihn konnte sich die Konfession historisch durchsetzen, obwohl sie bei Luther gegen das Papsttum eigentlich von der Freiheit, der individuellen Glaubenserfahrung, der Unabhängigkeit von selig machenden Hierarchien ausgegangen war. Das schwang alles mit beim Noch-Präsidenten Joachim Gauck - der allerdings beim eröffnenden Staatsakt vor einem Jahr glänzend mit dem Dilemma umgegangen ist -, beim Kirchentag im Mai mit Angela Merkel und Barack Obama oder zuletzt bei Wolfgang Schäubles Mahnungen an den neuen Bundestag mit dem kategorischen Imperativ von Immanuel Kant.

Der Anfang einer großen Koalition?

Fairerweise muss man feststellen, dass sich nicht einfach die Kirche der Obrigkeit angedient hat, sondern umgekehrt der Staat auch sehr bereitwillig das Jubiläum als Ausdruck deutscher Identität in unsicheren Zeiten zu seiner Sache gemacht hat, nicht nur mit viel Fördergeld in der Kultur. Und die Kirche hat durchaus erkannt, dass sie zivilgesellschaftlich weiter ausgreifen muss - auch wenn man sich fragen kann, ob Gundula Gause oder Jürgen Klopp als "Reformationsbotschafter" dabei wirklich geholfen haben.

21,9 Millionen

Menschen in Deutschland gehören der evangelischen Kirche an (nach Angaben der EKD für 2016). Das ist ein Rückgang gegenüber dem Vorjahr um 1,57 Prozent - Tendenz weiter fallend. Letzteres hat zwei Gründe: Allein 2016 starben 340 000 Mitglieder, getauft wurden aber nur 180 000 Menschen. Weitere 25 000 traten der Kirche wieder bei. 190 000 Menschen dagegen verließen eine der 20 Landeskirchen. Allerdings können diese auch hoffen, denn der Trend zum Kirchenaustritt nimmt ab: Im Vergleich zum Vorjahr sind die Austritte um zehn Prozent zurückgegangen.

Jetzt wird der Ernte-Ertrag geprüft, es erscheinen (auch typisch protestantisch) bereits Bücher wie "Reformation 2017 - eine Bilanz" oder "Aufbruch oder Katerstimmung?". Die EKD sieht sich im Internet vor dem Feiertag am Dienstag "auf der Zielgeraden", als würde sie danach auf der Rennbahn zusammenbrechen, und wird gefragt, ob sie sich mit ihrer "Weltausstellung" und den Dimensionen des Kirchentags-Abschlusses in Wittenberg nicht übernommen und überschätzt habe. Und hat man nicht zu krampfhaft versucht, stets die Sprache der säkularen Mehrheitsgesellschaft zu sprechen?

Es geht ums Selbstverständnis, auch im Verhältnis zur katholischen Kirche. Die ökumenischen Versöhnungsgesten dieses Jubiläumsjahres waren tatsächlich historisch unerhört, angesichts der ungelösten Fragen der Kirchenspaltung entstand aber auch der Eindruck einer großen Koalition: Schwächere Institutionen rücken enger zusammen.

Und jetzt alle: "Wenn zwei! Oder drei! - in meine-hem Namen versammelt sind ..."

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SZ vom 28.10.2017
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