Süddeutsche Zeitung

TV-Interview:Herzogin Meghan beklagt Rassismus im britischen Königshaus

Im Interview, das sie zusammen mit ihrem Mann Prinz Harry gibt, spricht sie auch über Suizidgedanken. Das sei mehr als eine abstrakte Idee gewesen.

Von Alexander Menden und Anna Fischhaber

"Revelations worse than Palace could have feared" - was auch immer das Königshaus von diesem Interview erwartet hat, es war schlimmer, analysiert am Morgen danach die britische Times. Die Boulevardzeitung Daily Mail hat unzählige Artikel zum Thema auf ihrer Homepage, von explosiven Enthüllungen ("Bombshells") ist hier die Rede. Zuvor war das mit Spannung erwartete Gespräch von Herzogin Meghan und Prinz Harry mit Moderatorin Oprah Winfrey ausgestrahlt worden. Direkte Angriffe auf einzelne Mitglieder der britischen Königsfamilie blieben aus, doch das emotionale Gespräch hat es in sich. Immer wieder berichtete die 39-jährige Meghan von Rassismus. Auch innerhalb der königlichen Familie. Und von Suizidgedanken. "Ich dachte, es würde die Situation für alle lösen."

"Ich wollte einfach nicht mehr am Leben sein", sagte Meghan im US-Sender CBS am Sonntagabend. Zu dieser Zeit habe sie Angst gehabt, alleine zu sein, weil sie sich etwas hätte antun können. Sie habe ihren Mann, Prinz Harry, und den Palast um Hilfe gebeten. "Ich hatte Angst, weil das sehr real war. Dies war keine abstrakte Idee, dies war systematisch und dies war nicht, wer ich bin."

In dem Gespräch mit Oprah Winfrey berichtete Meghan zudem von rassistischem Verhalten während ihrer Schwangerschaft mit Sohn Archie. Es habe Bedenken und Gespräche darüber gegeben, "wie dunkel seine Haut sein könnte, wenn er geboren wird", sagte Meghan. Das sei aus Gesprächen der Familie mit ihrem Mann Prinz Harry hervorgegangen. Genauer wollte sie sich nicht äußern, weil dies "sehr schädlich" für einige Personen wäre. Harry selbst sagte, er habe das fragliche Gespräch als "stellenweise peinlich" empfunden und sei "ein bisschen schockiert" gewesen, dass ein braunes Baby offenkundig ein Problem für Mitglieder seiner Familie dargestellt habe. Die Mutter der US-Amerikanerin ist schwarz.

Prinz Harry beklagt fehlende Unterstützung

Das am Sonntag in den USA ausgestrahlte Gespräch, das am Montagnachmittag auch in Deutschland gezeigt wird, ist das erste Interview von Herzogin Meghan und Prinz Harry, seitdem das Paar vor einem Jahr seine royalen Pflichten aufgegeben hatte und erst nach Kanada und dann in die USA gezogen war. Entgegen Erwartungen in der britischen Presse verzichtete das Paar auf persönliche Angriffe, beklagte jedoch fehlende Unterstützung.

Besonders Harry wurde in diesem Punkt deutlich: Von der königlichen Familie fühlt sich der Enkel der Queen alleingelassen, speziell beim Thema Rassismus. In den Jahren, die Meghan im Palast verbracht habe, sei nie ein Familienmitglied gegen rassistische Angriffe und "koloniale Untertöne" in der Berichterstattung aufgestanden, kritisierte er.

Doch das Paar bemühte sich sichtlich, nicht alle Brücken einzureißen. Harry nannte seine Großmutter auch als Vorbild. Meghan lobte ihre Schwägerin, Prinz Williams Ehefrau Kate, als "gute Person" und widersprach damit Berichten über einen Bruch. Und auch mit seinem Bruder William hofft Harry auf eine Versöhnung. "Zeit heilt alle Wunden, hoffentlich", sagte er. Nur seinen Vater Prinz Charles kritisierte der Prinz. "Ich werde ihn immer lieben, aber es gab sehr viele Kränkungen." So habe Charles, als Harry und Meghan zwischenzeitlich in Kanada residierten, irgendwann aufgehört, Harrys Telefonanrufe entgegenzunehmen. Er habe sich im Stich gelassen gefühlt, so Harry. Gerade der Thronfolger müsse doch wissen, "was Schmerz ist" - eine klare Anspielung auf Prinzessin Diana, die 1997 auf der Flucht vor Paparazzi bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam.

Schon vor dem Interview war die Stimmung angeheizt

Der US-Sender CBS hatte vorab immer wieder Clips aus dem Interview veröffentlicht und so die Stimmung angeheizt. Die britische Öffentlichkeit kritisierte Meghan und Harry harsch. Eben jene Mail on Sunday titelte etwa vorab "It's a sideshow" (etwa: Es ist ein Nebenschauplatz). Das Blatt zitierte mit dieser Einordung des Interviews eine (nicht näher benannte) "Insider"-Quelle im Buckingham-Palast, der zufolge die meisten Briten sich am Montag weit mehr mit den Schulöffnungen, der erfolgreichen Impfkampagne und der Entlassung Prinz Philips aus dem Krankenhaus beschäftigen würden als mit Harry und Meghan. Die Homepage der Daily Mail vermittelte am Montagmorgen ein anderes Bild.

Die von Sprechern der Royals gestreuten Beteuerungen, man werde sich nicht in eine potenzielle Schlammschlacht hineinziehen lassen, liefen der bemerkenswerten PR-Taktik zuwider, zu welcher der Buckingham-Palast und Harrys älterer Bruder William sich offenkundig in den Tagen vor der Ausstrahlung entschlossen hatten. Nach Mobbing-Anschuldigungen, die ein ehemaliger Mitarbeiter gegen Meghan in der Times erhoben hatte, hatte die Herzogin kritisiert, der Palast nutze die Zeitung für "eine kalkulierte Verleumdungskampagne, die auf irreführenden und schädlichen Fehlinformationen basiere".

Am Donnerstag hatten Prinz William und seine Frau Kate auf Instagram ein Video lanciert, in dem sie die Arbeit ihrer "Shout"-Stiftung für Kinder präsentierten. Das wäre für sich genommen weniger bemerkenswert gewesen, wäre es nicht so kurz vor dem Interview herausgekommen und von überdurchschnittlich vielen und positiven Berichten in der britischen Presse begleitet gewesen. Es bestätigt die Zeichnung als pflichtbewusste Mitglieder der Königsfamilie durch die Medien, welche sie konsequent in einen Kontrast mit den vermeintlichen Störenfrieden Harry und Meghan setzt. Dass die Windsors und einige Zeitungen hierbei Hand in Hand arbeiten, ist ein offenes Geheimnis.

Queen hält außerplanmäßige Fernsehansprache

Nicht nur Prinz Harry hatte in der Vergangenheit wiederholt betont, dass seiner Ansicht nach die Kritik, welche die britische Regenbogenpresse seit Jahren an Meghan übt - zu bürgerlich, zu amerikanisch, zu "gewöhnlich" -, rassistisch motiviert ist. Als die Herzogin eine Ausgabe der britischen Vogue mitgestaltete, sagte deren Chefredakteur Edward Enninful, die Häme, die in Blättern wie der Daily Mail auf sie niederging, sei sowohl persönlich als auch rassistisch gewesen. Als ihre Schwägerin Kate zuvor das Gleiche getan hatte, war solche Kritik ausgeblieben. Dass ein britisches Gericht der Herzogin von Sussex kürzlich in einem Rechtsstreit mit dem Mail-Verlag "Associated Newspapers" mehr als eine halbe Million Euro zusprach, dürfte zusätzlich zur medialen Abneigung beigetragen haben.

Die Times hatte angekündigt, Königin Elizabeth II. werde sich das Interview nicht ansehen, der Sunday Express wollte allerdings erfahren haben, dass ihre Mitarbeiter in der Nacht von Sonntag auf Montag aufbleiben, die Sendung verfolgen und ihr dann "beim Frühstück" Bericht erstatten würden. Die Queen, die sich sonst nur zu Weihnachten direkt ans Volk wendet, hatte zudem am Sonntagabend anlässlich des "Commonwealth Day" eine außerplanmäßige Fernsehansprache gehalten. Sie betonte darin, wie wichtig Kontakte mit Familie und Freunden in der Corona-Krise seien.

Die Vorbereitungen und medialen Gegenmaßnahmen seitens der Royals waren also vielfältig - und weitaus genauer als vor dem desaströsen Interview, das Prinz Andrew der BBC im November 2019 gegeben hatte, um sich gegen Missbrauchsvorwürfe im Umfeld des mittlerweile verstorbenen US-amerikanischen Geschäftsmannes und verurteilten Sexualstraftäters Jeffrey Epstein zu verteidigen.

Herzogin Meghan: "Ich bin da naiv reingegangen"

Die inzwischen 39-jährige Meghan und der 36-jährige Harry hatten ihre royalen Pflichten vor rund einem Jahr aufgegeben und wohnen nun mit Sohn Archie, der im Mai zwei Jahre alt wird, in Meghans Heimat Kalifornien. Im Sommer erwartet das Paar ein zweites Kind - es wird ein Mädchen, wie die beiden in dem Interview berichteten. "Einen Jungen zu haben und ein Mädchen, was kann man mehr wollen?", sagte Harry. Mehr Kinder planten sie aber nicht.

Die Herzogin verriet auch, dass sie bereits drei Tage vor ihrer royalen Hochzeit im Mai 2018 in kleinstem Rahmen geheiratet hätten. "Niemand weiß das, aber wir haben den Erzbischof angerufen", sagte Meghan. Glücklich war die Zeit im Palast aber offenbar nicht. Der Druck sei enorm gewesen, erzählte sie. Sie habe sich wie in einem goldenen Käfig gefühlt und sei zum Schweigen verdammt gewesen. "Ich kenne die Institution (Monarchie) nicht, deshalb wurde uns gesagt, wir sollen schweigen." Jedem in ihrer Umgebung seien klare Verhaltensregeln auferlegt worden, seitdem bekannt war, dass sie mit Harry liiert ist.

Auf ihr Leben als Royal sei sie nicht vorbereitet gewesen. "Ich bin da naiv reingegangen, weil ich ohne viel Wissen um die königliche Familie aufgewachsen bin", sagte die gebürtige US-Amerikanerin. "Was man über Royals weiß, das kennt man aus Märchen", sagte Meghan. "Deshalb ist es einfach, ein Bild davon zu haben, das so fern der Realität ist." In den Jahren am Hof sei es schwierig gewesen: "Wahrnehmung und Realität sind zwei sehr unterschiedliche Dinge, und man wird nach der Wahrnehmung beurteilt, aber lebt die Realität."

Wenn Sie sich selbst von Suizidgedanken betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.

(Mit Material der dpa)

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