Süddeutsche Zeitung

Valentinstag:Küss mich, Kuh

In Indien sollten am Valentinstag Rinder umarmt werden. Allerdings ist das nicht ganz ungefährlich.

Von David Pfeifer, Bangkok

Dass überhaupt irgendwo außerhalb der USA Valentinstag gefeiert wird, muss man wohl als Sieg im Soft-Power-Wettbewerb der Kulturnationen werten. Nicht nur in Europa, auch in Indien dient der Tag mittlerweile als Marketing-Tool für Schmuckgeschäfte, Schokoladenhersteller sowie Restaurants und Hotels. Dagegen wollte die Regierung etwas unternehmen und erklärte den 14. Februar kurzerhand zum "Cow Hug Day" (Tag der Kuh-Umarmung).

Die Kuh sei "Spenderin von allem, sie beschenkt die Menschheit reich mit ihrer nährenden Natur", schrieb die indische Tierschutzbehörde in einer Erklärung. Außerdem seien vedische Traditionen, also das althergebrachte Wissen, "aufgrund des Fortschritts der westlichen Kultur" fast ausgestorben. Da schwingt schon Argwohn gegen die popkulturelle Dominanz der USA mit. "Der Glanz der westlichen Zivilisation hat unsere physische Kultur und unser Erbe fast vergessen gemacht", hieß es weiter - und das hörte sich dann doch ähnlich schlecht gelaunt an wie das, was genervte Europäer verkleideten Kindern an der Haustür erklären, wenn sie an Halloween keine Süßigkeiten verteilen wollen.

Eine Kuh zu umarmen ist natürlich eine nette Idee. Etwa 80 Millionen Kühe soll es in Indien geben. Man sieht sie beim Grasen auf dem Mittelstreifen von Autobahnen, in Herden über Landstraßen trotten, manchmal stehen sie nur herum und klimpern mit ihren langen Wimpern. Kühe sind Teil der indischen Kultur und des Alltags. Da kann man sie auch mal herzen, nur ist das nicht ganz ungefährlich.

Die heilige Kuh ist von einer religiösen zu einer politischen Sache geworden

Seitdem die regierende "Bharatiya Janata Party" das Schlachten von Kühen beispielsweise im riesigen Agrarstaat Uttar Pradesh verboten hat, sind die Tiere dort zur Plage geworden, wenn sie keine Milch mehr geben und von den Bauern ausgesetzt werden. Töten dürfen die Hindu-Bauern sie nicht und auch nicht mehr zum muslimischen Schlachter geben, wie früher. Die heilige Kuh ist in den vergangenen Jahren von einer religiösen zu einer politischen Sache geworden. Etwa 80 Prozent der Bevölkerung Indiens sind Hindus, etwa 14 Prozent sind Muslime.

Nun fressen die freigelassenen Kühe anderen Bauern die Ernten weg oder werden verrückt vor Hunger. Wer mal gesehen hat, wie so eine Kuh am Straßenrand durchdreht und herumspringt, fürchtet sich zu Recht. An eine Umarmung ist da nicht zu denken, auch nicht am Valentinstag. So weit kann die Liebe auch beim gläubigsten Hindu nicht gehen.

Und so wurden nach der Ankündigung sofort Clips von gewalttätigen Begegnungen zwischen Kuh und Mensch auf Youtube hochgeladen, jedes Jahr gibt es Tote zu beklagen, die Tiere sind groß und haben Hörner. Auch die Zeitungen und Magazine im Land machten sich über den Plan der Regierung lustig und veröffentlichen Karikaturen, in denen Kühe vor verliebten Männern davonlaufen. Ein Moderator des Nachrichtensenders NDTV ließ sich bei seinem mutigen Versuch filmen, mehrere Kühe zu umarmen, die seine Annäherungsversuche aber abwehrten.

Das Ministerium für Fischerei, Viehzucht und Milchwirtschaft kassierte die Idee rasch wieder ein. Und der Valentinstag wird auch in Indien weiter ohne Kuh-Umarmungen, dafür aber mit Blumen und Schmuck gefeiert. Ganz unpolitisch, aber hoffentlich romantisch.

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