Süddeutsche Zeitung

Haft:Vergitterte Weihnachten

Im Gefängnis gibt es keine Geschenke, keinen Besuch, keinen Braten - aber eine Feier mit Knabenchor. Nicht allen Gefangenen in der JVA Stadelheim gefällt das. Und manche kommen nicht - so wie Beate Zschäpe.

Von Annette Ramelsberger

Es gibt keinen Heiligen Abend in Haft. Es gibt keine Bescherung, kein Familientreffen, keinen Entenbraten und keinen Tannenduft. Weihnachten ist in der Haftanstalt, wenn es in den Ablauf passt. Und "Stille Nacht" wird nicht am Sonntagabend, sondern am Freitagmittag gesungen. Auch die Kinder, die Eltern, die Partner - sie kommen nicht an Weihnachten. Denn am Freitagnachmittag wird abgesperrt in der Justizvollzugsanstalt Stadelheim in München. So wie in vielen anderen Haftanstalten im Land.

Weihnachten in Haft, das sind drei Tage ohne Unterbrechung mit sich und seinen Gedanken. Drei Tage Zeit zum Grübeln. Da kommt die Frau gerade recht, die da vorne am Altar steht und den Strafgefangenen in der Haftanstalt Stadelheim zuruft: "Fürchtet euch nicht."

Sie sagt es immer wieder: "Fürchtet euch nicht." Sechs Mal wiederholt die Münchner Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler die Worte des Engels, der zu den Hirten sprach. Dann fügt sie etwas Wesentliches hinzu: "Wer so etwas sagt, der weiß, dass manches zum Fürchten ist."

150 Frauen sitzen in der JVA Stadelheim, nur 53 sind gekommen - obwohl der Tölzer Knabenchor mit Inbrunst seine Weihnachtslieder in der Frauenhaftanstalt schmettert. Zwei Dutzend kleine Jungs schauen auf vergitterte Fenster, auf Frauen in hellblauen Jeans und grauen Sweatshirts, Anstaltskleidung. Und sie sehen, was mit diesen Frauen geschieht. Beim zweiten Weihnachtslied wischen sich die ersten die Tränen aus den Augen. Bei "O du fröhliche" holen sie die Taschentücher raus. Beim Vaterunser nehmen sie sich an den Händen und halten sich aneinander fest.

Der Knabenchor, die Predigt, die Stimmung: Manche Häftlinge ertragen das nicht

Manche sind erst gar nicht gekommen. "Die schaffen es einfach nicht", sagt Sandro Nitsche, der hier verantwortlich ist. "Wenn sie die Kinder sehen, gefriert ihnen das Herz zu sehr." Vor allem wenn sie selbst Kinder haben, die sie lange nicht sehen dürfen. Andere wollen sich erst gar nicht den Emotionen aussetzen, die Weihnachten bedeutet. Oder sie haben Angst, durchlässig zu werden, zu weich.

Auch Beate Zschäpe ist nicht gekommen. Sie, die hier am längsten von allen Gefangenen sitzt. Kurz bevor die Bischöfin die Haftanstalt betritt, kommt Zschäpes Anwalt Hermann Borchert heraus, er ist gerade noch bei ihr gewesen. "Alles besprochen", ruft er und eilt davon. Es gibt einiges, was die beiden besprechen müssen. Denn im Januar steht das Plädoyer von Zschäpes Verteidigung im NSU-Prozess an. Es ist ihre letzte Chance. Einer nach dem anderen hat es ihr gesagt: Denken Sie nach, legen Sie alles auf den Tisch. All die Väter, die Mütter, die Geschwister der getöteten NSU-Opfer haben sie in den vergangenen Wochen vor Gericht noch einmal angesprochen. Nun ist Weihnachten.

Die anderen hier sind im Durchschnitt drei bis vier Monate in U-Haft. Zschäpe ist seit fünf Jahren hier. Die anderen kommen, die anderen gehen. Zschäpe bleibt. Die anderen wurden wegen Rauschgift, Betrug oder Urkundenfälschung verurteilt, Zschäpe ist wegen zehnfachen Mordes angeklagt.

Die anderen haben ein Ziel. Maria, 50, (alle Namen der Strafgefangenen geändert) kommt, wenn alles gutgeht, im Februar wieder raus. Dann könnte sie wieder in ihrer alten Firma anfangen und ihre Wohnung behalten. Julie, 24, kommt im März in Freiheit, gerade rechtzeitig, dass sie vor ihren drei Kindern die Legende aufrechterhalten kann, sie sei auf Kur gewesen. Ihr Ältester ist schon acht.

"Die Bischöfin hat Liebe in der Stimme"

Sie alle klammern sich an ihrer Hoffnung fest. Recht viel mehr haben sie auch nicht. Nur ihre Zelle: zwei Meter breit, ein Bett, ein Spind, ein Schreibtisch. Abgetrennt mit einer roten Stellwand: die Toilette. Braune Vorhänge, davor die Gitter. Erlaubt sind fünf Bücher, ein Stück Pappe für die Wand, auf das Bilder geklebt werden können. Und die zwei Zweige mit dem Strohstern, den ihnen die Bischöfin nach dem Gottesdienst geschenkt hat. Die Frauen drücken die Zweige an die Nase und nehmen einen tiefen Atemzug. Es ist ein Stück Natur zwischen Beton und Gittern.

Nach dem Segen geht es um 15.30 Uhr in die Zelle, dann wird abgeschlossen. Die Gefangene Maria hat schon während des Gottesdienstes Tränen vergossen. Sie denkt an ihre alte Mutter, bei der sie so gerne wäre. "Ich bin nah am Wasser gebaut", sagt sie. "Wenn dann morgens die Zelle wieder aufgeht, dann kommt bei mir die Sintflut."

Beate Zschäpe kann von ihrer Zelle im dritten Stock der Haftanstalt die Stimmen der Tölzer Chorknaben hören, sie proben bei offenem Fenster zum Hof. Und sie kann den einsamen Christbaum sehen, der vor dem Eingang zur Mehrzweckhalle funkelt, die nun eine Kapelle ist.

Maria schaut durch die Gitterstäbe hoch. "Es ist schon schlimm, wenn du gar nicht auf das Ende hinleben kannst", sagt sie. "Ich könnte das nicht." Eine Gefangene neben ihr schüttelt den Kopf. Sie kennt Beate Zschäpe. "Sie hält das aus. Sie ist sehr stark. Ich wüsste nicht, ob ich nach so langer Zeit noch so gerade stehen würde." Gerade stehen - das ist für die da drinnen und die da draußen etwas ganz Unterschiedliches.

Die Bischöfin mahnt, aber sie will auch ein Zeichen setzen: "Ihr seid da draußen willkommen."

"Fürchtet euch nicht", sagt die Bischöfin, nicht vor der Dunkelheit, aber vor allem auch nicht vor dem Licht. "Wer sich selber anschaut, seine Tat, die eigene Abhängigkeit, die Gewaltbereitschaft, dem kann schon der Schreck in die Glieder fahren." Später sagt Breit-Keßler: "Dass ich hier in der JVA bin, ist auch ein Signal an die Gefangenen: Ihr seid da draußen willkommen."

Julie streichelt ihr Zweiglein, dann sagt sie: "Die Bischöfin hat Liebe in der Stimme." Aber auch Stahl. Sie redet den Frauen ins Gewissen, dass sie sich ihrer Verantwortung stellen. "Wir haben alle Grund, uns anzuschauen, wer wir sind und was wir tun", sagt Breit-Keßler. Sie erlebt immer wieder, dass ihre Predigten nicht nur auf wohlige Zustimmung stoßen. Als sie den Männern in Stadelheim sagte, sie sollten ihre Probleme mit Worten lösen und nicht mit Fäusten, da erhob sich auch mal eine ganze Bank im Gottesdienst und wollte wieder gehen. "Klar, dass Sie das aufregt, Sie würden das gerne nach der alten Methode lösen", rief sie ihnen zu. Das bringe aber nichts. Die Herren haben sich dann wieder hingesetzt. Und danach ihr Zweiglein mit auf die Zelle genommen.

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Quelle:
SZ vom 23.12.2017/mane
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