Süddeutsche Zeitung

Berlin:40 Tonnen Protest

Zwei Aktivisten wollen gegenüber der russischen Botschaft ein Panzerwrack aus der Ukraine installieren. Juristisch steht dem nichts mehr entgegen, doch es gibt noch ein sehr gewichtiges Problem.

Von Jan Heidtmann, Berlin

Ein paar Blumen für die Opfer, einige Fotos ausgebombter Häuser, dazu die Flagge der Ukraine, die an einem Absperrgitter hängt - viel ist es nicht, das die Mitarbeiter der russischen Botschaft in Berlin mit dem Angriffskrieg ihres Landes konfrontiert. Was Ukrainer und ihre Unterstützer auf der Straße Unter den Linden, direkt gegenüber dem Botschaftsgebäude, zusammengetragen haben, erinnert eher an ein Grabmal denn an ein Mahnmal. Der Verleger und Autor Wieland Giebel will das ändern. "In der russischen Botschaft sitzen die Täter", meint er. "Der Protest muss sichtbar sein."

Deshalb versucht Giebel gemeinsam mit dem Aktivisten Enno Lenze seit Beginn des Sommers ein Panzerwrack der russischen Armee direkt gegenüber dem massiven Gebäude zu platzieren. Solche Trophäen aus dem Widerstand stehen nicht nur in Kiew oder anderen ukrainischen Städten, sondern wurden bereits in Warschau und Prag zur Schau gestellt. "Ich will dieses verbrecherische Regime angreifen", sagt Giebel.

Dass ihm dies nun zumindest symbolisch gelingen könnte, verdankt er aber nicht militärischer, sondern juristischer Expertise. Sein Antrag, den Panzer aufzustellen, war ursprünglich vom zuständigen Berliner Bezirk Mitte abgelehnt worden. Unter anderem aus Gründen der Pietät, weil Menschen in dem Wrack gestorben seien, und, weil außenpolitische Interessen Deutschlands von der Aktion berührt würden. Endgültig zum Politikum wurde das Vorhaben, als schließlich noch der damalige ukrainische Botschafter in Deutschland Andrij Melnyk seine Unterstützung ankündigte.

Das Verwaltungsgericht verwarf diese Bedenken nun. Die Ausstellung "unterfalle als Meinungskundgabe der grundgesetzlich geschützten Meinungsfreiheit", argumentieren die Richter. Der Panzer dürfe in einer Seitenstraße genau in der Sichtachse der russischen Botschaft aufgestellt werden.

Anschließend soll der Panzer auf Rundreise gehen

Giebel, 72, hat Erfahrung in der spektakulären Aufbereitung von Geschichte. In den 1990er-Jahren gründete er den Buchladen "Berlin Story", aus dem eine Vielzahl historischer Veranstaltungen entstanden. Darunter ein Geschichtsfestival, das über mehrere Jahre regelmäßig auch Unter den Linden stattfand. Doch so etwas wie die Aktion mit dem Panzer sei eine neue Dimension, sagt Giebel. "Das haben wir noch nicht gemacht."

Die Probleme stecken ausnahmsweise einmal nicht im Detail: So gibt es jetzt zwar die Erlaubnis, einen Panzer aufzustellen. Aber es gibt noch keinen Panzer. Bevor ein solches Kriegsgerät nach Deutschland eingeführt werden darf, muss es erst einmal "demilitarisiert" werden. Derzeit verhandelt Giebel mit dem ukrainischen Kulturministerium, damit die Beamten einen der zahlreichen schrottreifen russischen Panzer im Besitz der Ukraine zum "Museumsstück" umwidmen.

Bis das Wrack in Berlin stehe, "wird es nicht Tage, aber auch nicht mehr Monate dauern", sagt Giebel. Durch einen Crowdfunding-Aufruf seien bereits mehrere Zehntausend Euro zusammengekommen. Damit solle auch der Tieflader finanziert werden, der das etwa 40 Tonnen schwere Gerät nach Deutschland bringt. Zwei Wochen lang dürfen sie den Panzer dann vor der Botschaft aufstellen. Anschließend sei eine Rundreise durch andere Städte geplant. Anfragen gebe es genug.

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