Süddeutsche Zeitung

Neue Pläne für Reutberg:Langsames Ende eines Konvents

Das Kloster Reutberg besteht heuer seit 400 Jahren. Viel Grund zu Freude gibt es allerdings nicht: Nur noch zwei Franziskanerinnen leben in dem Haus. Das Ordinariat will nun eine Priester-Gemeinschaft ansiedeln.

Wer alt wird, möchte meist nur ungern die Umgebung verlassen, in der er einen großen Teil seines Lebens verbracht hat. Das geht auch Nonnen nicht anders. Mit 86 Jahren bedarf Schwester Maria Augustina vom Kloster Reutberg schon der Pflege, aber sie hat Glück, weil sich ihre jüngere Mitschwester Maria Faustina um sie kümmert. Die beiden Franziskanerinnen bilden den gesamten Konvent in Reutberg, weshalb immer wieder einmal das Gerücht umgeht, er werde ganz aufgelöst. Das hätte 2018 eine besondere Brisanz, da das Kloster seit genau 400 Jahren besteht. Damit sei allerdings nicht zu rechnen, beruhigt Bettina Göbner, Pressesprecherin des Erzbischöflichen Ordinariats München und Freising. Alleine Rom könne die Auflösung eines Konvents anordnen. "Aber es ist nicht so, dass der Vatikan dies beim Kloster Reutberg gesagt hat."

Das Kloster wurde 1618 von Johann Jakob und Anna von Papafava, Hofmarksherren von Reichersbeuern und Sachsenkam, gegründet. Nur 33 Jahre später wechselten die Kapuzinerinnen dort allerdings zum Orden der Franziskanerinnen über. Aufgelöst wurde das Kloster schon einmal, und zwar 1803 im Zuge der Säkularisation. Unter König Ludwig I. wurde es 1835 allerdings wieder dem Orden übergeben. Von 1837 bis 1956 gab es in Reutberg auch eine Mädchenschule. Für viele Gläubige ist das Kloster ein wichtiger Wallfahrtsort. Wegen der als Gnadenkind verehrten Figur des Reutberger Jesuleins, das 100 Jahre lang in Bethlehem verehrt wurde und 1753 nach Reutberg kam. Wegen Schwester Fidelis Weiß, die am 11. Februar 1923 im Ruf einer Heiligen im Kloster starb - ihr Seligsprechungsprozess läuft schon seit 1936.

"Wir möchten, dass sich den beiden Schwestern eine gute Zukunft bietet", sagt Göbner. Übersetzt dürfte dies bedeuten, dass die zwei Franziskanerinnen wohl so lange in Reutberg bleiben können, wie es ihre Gesundheit irgendwie zulässt. Gerald Ohlbaum betrachtet es als ein Grundrecht der beiden Nonnen, selbst darüber bestimmen zu dürfen, wie es mit ihnen weitergeht. "Obgleich das in der katholischen Kirche ein bisschen anders gesehen wird", sagt der Vorsitzende des Vereins "Freunde des Klosters Reutberg" und verweist auf Ordensgelübde. "Das ist keine Demokratie." Was eine drohende Auflösung des Konvents angeht, sei Reutberg für den Vatikan, der für unzählige Klöster rund um den Globus zuständig sei, "so entscheidend, wie wenn in China ein Fahrrad umfällt". Rom werde tun, was das Ordinariat in München vorgebe, glaubt Ohlbaum.

Ohne die beiden Schwestern Augustina und Faustina wird es auf dem Reutberg mit seiner Gaststätte und dem Biergarten mit Bergblick kein Kloster mehr geben. Schon seit zwei, drei Jahren bestehe die Anweisung aus dem Vatikan an das Ordinariat, "den Weg zur unvermeidlichen Auflösung zu begleiten", teilt Pressesprecherin Göbner mit. Diese Schicksalhaftigkeit sehen nicht alle so. Kathrin Schöber, die seit Jahrzehnten im Kloster zu Gast ist, kritisiert zum Beispiel, dass Novizinnen schon seit Jahren vom Ordinariat abgewiesen würden. Auch 2017 habe sich eine Kandidatin gemeldet, ohne Erfolg. "Eine Auflösung des spirituell lebendigen Ortes wäre ein großer Verlust für die Region - nicht nur für Katholiken", meint Schöber.

Die Ablehnung einer Bewerberin im Vorjahr begründet Göbner damit, dass es in Reutberg nun einmal keine Gemeinschaft gebe, die ausbilden könne. Zwei Schwestern seien dafür nicht genug, es müssten schon mindestens drei sein, besser noch mehr. Und Reutberg habe auch kein nahes Schwesternkloster, das imstande sei, die Ausbildung zur Ordensfrau zu übernehmen. Ob sich mehr als nur eine potenzielle Novizin gemeldet hat, vermag Göbner nicht zu sagen: "Ich weiß nicht konkret, ob es Anfragen gegeben hat."

Schwester Maria Benedicta, die sich 2017 ein halbes Jahr lang um die beiden Franziskanerinnen gekümmert hat,ist am Tag nach Dreikönig wieder in ihr Heimatkloster nach Koblenz zurückgekehrt. Auch die Nonne von den Klarissinnen-Kapuzinerinnen konnte nicht bleiben, wie Göbner erklärt: "Das war keine Dauerlösung, denn sie gehört zu einem anderen Orden." Nun kommt eine Vertreterin von den Dillinger-Franziskanerinnen aus Erlkam bei Holzkirchen zwei Mal in der Woche, um Schwester Faustina in ihrer Pflege von Schwester Augustina zu entlasten. "Damit sie ein wenig Freiraum hat", wie die Sprecherin des Ordinariats sagt.

Das Kloster Reutberg soll Kloster bleiben - dies ist das erklärte Ziel des Freundeskreises. Aber weil es eben immer weniger Nachwuchs für die Orden gibt, schlug der Verein in einem Konzeptpapier vor, ein pastorales Zentrum in Reutberg einzurichten. Dem Ordinariat schwebt nun eine Priestergemeinschaft vor, die in der Umgebung des Klosters seelsorgerisch wirken soll. "Es sieht gut aus, aber es ist noch nichts fest", sagt Göbner. Vereinsvorsitzender Ohlbaum möchte "die ordensmäßigen Strukturen" irgendwie retten. Das Kloster dürfe "nicht nur ein Museum sein wie in Beuerberg", meint er.

Dort wurde das Salesianerinnen-Kloster bereits 2013 nach dem Tod der Oberin aufgegeben. Die 14 verbliebenen Schwestern mussten in Altenheime umziehen. Den Missions-Dominikanerinnen im Kloster Schlehdorf droht ein solches Ende derzeit nicht. Mit knapp 40 Schwestern stehen sie vergleichsweise gut da.

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SZ vom 12.01.2018
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