Süddeutsche Zeitung

Kommunalwahl in Bad Tölz-Wolfratshausen:Von Wahl-Faulenzern und Demokratie-Königen

Die Beteiligung an den Stichwahlen lag im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen im Schnitt bei rund 58 Prozent - im bayernweiten Vergleich kein erstaunlicher Wert. Zwischen den einzelnen Kommunen in der Region gibt es aber sehr große Unterschiede

Der CSU-Landratskandidat Anton Demmel war bei sich zu Hause in Königsdorf, als so langsam die Ergebnisse der Stichwahl hereintröpfelten. Für den 48-Jährigen waren die Zahlen nicht gerade berauschend. Die ersten Wahllokale meldeten lediglich um die 35 Prozent für Demmel. Amtsinhaber Josef Niedermaier (Freie Wähler) war von Beginn der Auszählung an deutlich vorne. Was ihn aber noch mehr wurme, sagt Demmel, sei die niedrige Wahlbeteiligung. "Das bekümmert mich eigentlich mehr als mein persönliches Resultat."

Nicht einmal ganz 58 Prozent der Wahlberechtigten haben bei der zweiten Runde der Landratswahl am Sonntag ihre Stimme abgegeben - und das, obwohl die Wahl wegen der Corona-Krise erstmals in der bundesdeutschen Geschichte als reine Briefwahl durchgeführt wurde. Kreuzchen machen, Kuvert einschmeißen - so leicht hätte es gehen können. In vielen Haushalten im Landkreis sind die Wahlunterlagen aber offenbar einfach im Altpapier gelandet. 58 Prozent - "das ist schon ein bisschen wenig", sagt Demmel.

Wolfratshausens Wahlleiter Martin Millian will die niedrige Wahlbeteiligung nicht näher kommentieren. Logistisch sei die Wahlvorbereitung aber ein sehr großer Aufwand gewesen, "vor allem in dem kurzen Zeitfenster", sagt Millian. Insgesamt 14 836 Briefwahlunterlagen habe ein Dienstleister im Auftrag der Stadt maschinell in Kuverts verpackt, dann seien sie verschickt worden. "Jeder Wähler hat sie nach Hause bekommen und hätte sie letztendlich nur in einen Postkasten einwerfen müssen", sagt Millian. Zudem habe die Post dank einer Sonderregelung des Freistaats noch am Samstagabend um 18 Uhr die Briefkästen geleert. "Aber ich kann auch nicht in die Köpfe der Leute reinschauen und sehen, was ihre Absicht war, nicht zu wählen."

Auch wenn man einen Blick auf die Wahlbeteiligung in den einzelnen Kommunen wirft, lässt einen das zunächst ein bisschen ratlos zurück: Fast überall liegen die Werte zwischen 60 und 70 Prozent. Dort, wo es zusätzlich noch eine Stichwahl ums Bürgermeisteramt gegeben hat, war die Wahlbeteiligung teilweise sogar noch höher, in Icking (74 Prozent) zum Beispiel oder in Lenggries (72,6 Prozent). Dass es bei der Landratswahl im Schnitt trotzdem nur zu 58 Prozent Wahlbeteiligung gereicht hat, liegt an einer gewissen Wahlfaulheit in den Städten im Landkreis. In Wolfratshausen haben trotz parallel stattfindender Bürgermeister-Stichwahl nur 59,8 Prozent bei Niedermaier oder Demmel ein Kreuzchen gemacht. In Tölz waren es sogar nur 53,1 Prozent. Den Schnitt am stärksten gedrückt hat aber das Ergebnis in Geretsried, der mit über 20 000 Wahlberechtigten größten Stadt im Landkreis.

Schon beim ersten Wahlgang vor gut zwei Wochen, als noch ganz regulär die Wahllokale geöffnet hatten, lag in Geretsried die Wahlbeteiligung lediglich bei 46,3 Prozent. Bei der Landrats-Stichwahl vergangenen Sonntag wurde dieser schmale Wert nun sogar noch einmal unterboten: Die Wahlstatistik des Landratsamts weist für Geretsried da nur noch eine Quote von 42,7 Prozent aus. Im Geretsrieder Rathaus kann man sich das auch nicht erklären.

Ganz anders sieht es in der Jachenau aus. Dort wohnen die Demokratie-Könige des Landkreises. Von den genau 666 Wahlberechtigten haben am 15. März dort mehr als 82 Prozent ihre Stimme abgegeben. Bei der zweiten Runde der Landratswahl am Sonntag waren es immerhin auch noch 78,4 Prozent. "Bei uns interessieren sich die Leute eben noch für Kommunalpolitik", sagt Bürgermeister Georg Riesch (FW). In der Jachenau sei es den Leuten nicht egal, wer die Geschicke lenkt.

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SZ vom 31.03.2020
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