Süddeutsche Zeitung

Yakzucht:"Ich finde, die Tiere passen sehr gut hier her"

In der Jachenau hält das Ehepaar Meßmer eine Yak-Herde. Die ursprünglich aus Zentralasien stammenden Hochlandrinder leben das ganze Jahr über im Freien und sind in Bayern noch ein seltener Anblick.

Von Benjamin Engel

So nah wie noch vor wenigen Monaten lässt Ziani niemanden mehr an sich ran. Damals hat sie es noch gestattet, dass Sepp Meßmer sie anfassen konnte. Im Juni musste das auch funktionieren. Sonst hätte Zarina womöglich nicht überlebt. Zianis neugeborenes Kälbchen bekam keine Milch aus ihren Zitzen. Daher musste Meßmer die Kuh einige Tage selbst melken, um Zarina mit der Flasche füttern zu können, bis sich alles einspielte. Ein halbes Jahr später ist Ziani scheuer, weicht zurück, wenn Meßmer sich nähert.

Das beschreibt ein wenig den besonderen Charakter der Tiere auf dem Fleckhauser Hof in der Jachenau. Dort grast seit zweineinhalb Jahren eine Yak-Herde. Die tibetanischen Hochlandrinder sind "sehr ruhig, eigensinnig und haben sich ihren Urinstinkt bewahrt", sagt Meßmers Frau Andrea. Im Schneeheide-Kiefernwald südlich des Fleckhauser Hofs in der Jachenau stehen die inzwischen 13 Tiere derzeit auf schneebedecktem Boden. Das Thermometer zeigt um die Null Grad. Trotzdem klingen die Tiere grunzend zufrieden, wenn sie Laut geben. Daher werden die Yaks auch Grunzochsen genannt.

An kalte Temperaturen sind die ursprünglich im Himalaja domestizierten Tiere mit den gebogenen Hörnern und dem zotteligen Fell perfekt angepasst. Selbst bis zu minus 40 Grad halten sie aus. Am Fleckhauser Hof können die Yaks daher problemlos das ganze Jahr über im Freien bleiben. Wie jetzt im Winter schlafen sie direkt auf der Weide am Boden. Als es vor zwei Jahren rekordverdächtig schneite, die Jachenau von der Außenwelt abgeschnitten war, hätte sie die Tiere unter der weißen Pracht eines morgens gar nicht mehr ausmachen können, erzählt Andrea Meßmer. Beim Fressen kämen die Tiere in der kalten Jahreszeit mit dem Heu vom eigenen Hof aus, sagt sie.

So unkompliziert waren die Pinzgauer Rinder, die das Ehepaar bis vor drei Jahren gehalten hat, nicht. Die Herde musste den Winter über im Stall in Anbindehaltung verbringen. Zweimal täglich musste dort ausgemistet und gefüttert werden. Zudem war Sepp Meßmer als Inhaber seines Unternehmens für Hygiene- und Lebensmittelsicherheit häufig verreist. Seine Frau Andrea musste allein mit den etwa zwei Dutzend Pinzgauern zurecht kommen. "Das waren schöne Tiere", sagt Sepp Meßmer. Dass er die Pinzgauer in der Winterzeit im Stall habe halten müssen, habe seiner Vorstellung von Tierhaltung aber nicht mehr entsprochen. Zudem sei er oft beruflich unterwegs. Seiner Familie habe er nicht die Arbeit mit den Tieren allein anlasten wollen.

Deshalb hat die Familie umgedacht. "Ich hatte in der Zeitung eine Anzeigenseite über einen Yak-Züchter gelesen", sagt Andrea Meßmer. Von den ruhigen Tieren war das Ehepaar sofort fasziniert. "Ich finde, die Tiere passen sehr gut hier her", sagt Sepp Meßmer. Die Tiere und die Haltung mitten in der Natur seien ein Traum. Die Kälbchen wachsen mit der Milch der Mutterkühe auf. Zwischen Mai und November finden die Yaks genügend frisches Gras, Wildkräuter und Wiesenblumen auf dem eigenen Grund. Im Winter ernährten sich die Tiere mit Heu ausschließlich aus eigener Produktion. Die rein biologische Yakzucht betrieben sie unter den strengen Vorgaben des Demeter-Verbands. Und so exotisch, wie sie aussähen, seien die Tiere in Europa gar nicht, findet Andrea Meßmer. Schließlich hätten Engländer schon im 18. Jahrhundert Haus-Yaks gehalten.

Ungewöhnlich sind die Tiere in der Region gleichwohl. Im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen hält niemand sonst Yaks. Der nächstgelegene Züchter im nur sechs Mitglieder zählenden Verein der Yakrinder-Züchter stammt aus der Gemeinde Taufkirchen südöstlich von München. Womöglich reagieren Ausflügler in der Jachenau auch deshalb so neugierig, wenn sie die Tiere auf dem Fleckhauser Hof sehen. Solange sie Abstand halten, ist daran auch nichts auszusetzen. Nur, dass einige wenige vollkommen distanzlos handelten, beklagt das Ehepaar Meßmer. Manche kletterten über den Zaun der Weide und näherten sich den Tieren sogar mit Hunden oder hätten Schneebälle auf die Yaks geworfen. "Das ist unvorsichtig und gefährlich", sagt Sepp Meßmer. Daher hat er am Rand der Weiden Verbots- und Hinweisschilder aufgestellt. "Dass ich das in dieser schönen Natur machen muss, ärgert mich", sagt er.

Für mehr Verständnis will Andrea Meßmer bald auch selbst werben. Derzeit bildet sie sich zur Kräuterpädagogin aus und hofft, im Mai 2021 die Prüfung abschließen zu können. "Ich will Yak- und Kräuterführungen anbieten", sagt sie. So wolle sie die Natur den Leuten näherbringen.

Diese kann manchmal grausam sein. Im Mai 2018 haben die Meßmers ihre ersten, gerade einmal zehn Monate alten weiblichen Tiere bekommen. Die fünf Kühe und der Stier Valentin stammten aus Taufkirchen. Ein paar Monate später folgten zwei Kühe aus Österreich sowie Anfang 2020 Kuh Lieselotte von einem weiteren Züchter aus dem Nachbarland. Im vergangenen Sommer kam das erste Kälbchen auf die Welt. "Es hatte eine Gehirnhautentzündung und nur einen Tag gelebt", sagt Sepp Meßmer. Das mitzuerleben, zählt zu den unschönen Seiten der Zucht. Es war fast das einzige Mal, dass das Ehepaar einen Tierarzt rufen musste. Zwei weitere weibliche und drei männliche Kälbchen sind seitdem auf die Welt gekommen. Wenn Sepp Meßmer davon spricht, klingt er fasziniert. Die Geburt sei sehr natürlich. In wenigen Minuten stünden Kuh und Kalb wieder auf der Weide - im Gegensatz zu manchem Hausrind.

Sich mit den Yaks vertraut zu machen, das war anfangs schwer. "Wir wussten ja gar nicht, was uns erwartet", sagt Andrea Meßmer. Die Tiere beobachteten jeden Neuankömmling sehr genau, könnten auch schnell wild werden. Wenn sich die Yaks bedroht fühlten, bildeten sie einen Kreis um die kleinsten und schwächsten Tiere. Der Stier passe dann besonders auf, um die Herde zu beschützen. Dieser behalte alle Tiere dauernd im Blick, selbst wenn sich eine Kuh zum Abkalben absondere. Schließlich könnte das weibliche Tier in diesem Moment leichte Beute für ein Raubtier sein.

Um akzeptiert zu werden, hätten sie und ihr Mann die Tiere beobachten und viel mit ihnen reden müssen, sagt Andrea Meßmer. "Irgendwann habe ich angefangen, sie zu bürsten, das mögen sie so gern." Die weiche, extrem wärmende Wolle sei sehr gefragt. Bei Salzburg habe sie sogar einen Spinnkurs dafür belegt.

In der Auenlandschaft zwischen dem Fleckhauser Hof und dem Flüsschen Jachen, die dem Tal den Namen gibt, finden die Yaks ideale Bedingungen. Zum Witterungsschutz haben sie nur einen offenen Unterstand. Dort können sie im Winter auch Heu fressen. Mehr noch als in der kalten, hielten sich die Tiere aber in der warmen Jahreszeit des Sommers im Unterstand auf - wegen der nervigen Fliegen, sagt Andrea Meßmer.

Landwirtschaft betreibt die Familie Meßmer auf dem Fleckhauser Hof schon jahrhundertelang. In der Jachenau hätten sich vor allem Handwerker angesiedelt, berichtet Sepp Meßmer. Ursprünglich sei stets noch Platz für eine Kuh angedacht worden, damit sich die Familien selbst versorgen konnten. Insofern praktiziere die Familie wie er selbst eigentlich schon immer Nebenerwerbslandwirtschaft. "Mein Vater war etwa Schreiner", sagt er. Sepp Meßmer selbst ist ausgebildeter technischer Zeichner, hat später Betriebswirtschaftslehre studiert. Seine Frau lernte er kennen, als er mit einem südafrikanischen Kunden im Münsterland unterwegs war. In der westfälischen Region betreibt die Familie von Andrea Meßmer, die auch technische Zeichnerin ist, ebenfalls einen landwirtschaftlichen Hof. Beide lernten sich beim Ausgehen kennen und lieben. Seit zehn Jahren wohnen sie gemeinsam in der Jachenau und haben zwei Söhne. Andrea Meßmer ist zudem Malerin, zählt etwa zu den Mitgliedern der von Patrizia Zewe initiierten Künstlerinnengruppe "Females".

Die Yak-Herde soll von derzeit 13 auf etwa zwei Dutzend Tiere anwachsen. Die Meßmers wollen das Fleisch der Tiere später auch selbst vermarkten. "Der Geschmack ist ein bisschen speziell, ein Zwischending von Rind und Wild", sagt Andrea Meßmer. Das Fleisch sei sehr hämoglobinreich und schön mager. Daran, eines der männlichen Tiere in etwa zweieinhalb Jahren zu schlachten, mag derzeit aber keiner der beiden gerne denken. So sehr sind die Yaks den beiden ans Herz gewachsen. Aber Schlachten - zur Tierhaltung gehöre das eben auch dazu, sagt Sepp Meßmer.

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SZ vom 16.01.2021/syn/van
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