Süddeutsche Zeitung

Ickinger Öko-Projekt:Sein Haus ist sein Kraftwerk

Ursprünglich wollte Karlheinz Seim nur die Heizung erneuern. Doch dann hat er sein ganzes Anwesen auf Energieeffizienz getrimmt. Heute können die Seims 90 Prozent ihres Strom- und Wärmebedarfs selbst decken. Selbst das Auto fährt mit Energie aus eigener Erzeugung

Der Scheibenwischer führt einen erfolglosen Kampf gegen den prasselnden Sommerregen. Durch die Schlieren auf der Fensterscheibe leuchtet die Einfahrt der Garage in Icking grün im Wolkendunkel des Nachmittags. Grün - das ist die Farbe von Nachhaltigkeit und Klimaschutz. Grün, das ist in diesem Moment eine Ladestation für Elektroautos.

Norma und Karlheinz Seim haben nicht nur eine private Ladestation für ihr Elektrofahrzeug in der Garage, der Strom für die Aufladung stammt auch aus eigener Erzeugung. Das Paar lebt in einem Haus, welches mehr als 90 Prozent der benötigten Energie selbst produziert. "Der Schornsteinfeger hat gesagt, ich soll die Heizung erneuern", erklärt Karlheinz Seim. Das war im Jahr 2009. Seim begann daraufhin, sich mit der Frage zu beschäftigen, wie man sorgfältiger mit Ressourcen umgehen, weniger Energie verbrauchen und die Umwelt schonen könnte. Er habe angefangen zu recherchieren: im Internet, bei örtlichen Handwerksbetrieben und auf Messen, erzählt Seim. "Man erfährt dann auch, wie leichtfertig man selbst zum Teil mit diesem Klimathema umgeht", sagt er. Man wisse oft viel zu wenig darüber, was man selbst tun könne.

Auch wenn das Thema Klimaschutz heuer die Nachrichten dominiert, im Jahr 2012 begegnete Karlheinz Seim mit seiner Vision vielen Herausforderungen. "Es gab weder bei den Handwerkern, noch bei den Netzbetreibern und allen, die da mitreden, Zulassungen", erinnert sich Seim. Auch für die Förderanträge habe er sich den Behörden in einer Art stellen müssen, die an Schikane grenze, erzählt er. "Man stößt auf viel Neuland, um das einfach zu sagen."

Seim hat sich gründlich auf das Gespräch vorbereitet. Er hat die Daten und Werte zu seinem Verbrauch gesammelt und grafisch veranschaulicht. Den Energiebedarf des Paars hat der 70-Jährige in drei Sektoren unterteilt: Wärme, Strom und Mobilität. Eine Kopplung der drei Sektoren zu einem integrierten, umfassenden Lösungsansatz sei das Ziel gewesen. Er öffnet die Tür zu seinem Kellerraum. "Hier hat es alles, was ich von 2013 bis 2016 installiert habe", erklärt er und deutet auf zwei graue Kästen. "Das ist eine KWK-Anlage mit Brennstoffzelle, einem Zusatzbrenner und einem Wasserspeicher", so Seim. Für die Brennstoffzelle verwende er derzeit noch Ökogas, das sei zwar fossil, aber der Ausstoß werde immerhin kompensiert. Das Erdgas wird dabei zur Wasserstoffgewinnung genutzt. In der Brennstoffzelle reagieren Wasserstoff und Sauerstoff dann miteinander und produzieren dabei Wärme und Strom.

"Nächstes Jahr werden wir Biogas oder Power-to-Gas verwenden, je nachdem wie die Bundesregierung im Herbst entscheidet, was und wie sie fördert und neu organisiert", erklärt Seim. Er deutet auf einen gelben Kasten an der Wand. "Die Photovoltaik macht nur Strom. Solar zu machen, also das Wasser mit aufzuheizen, wäre kontraproduktiv", erklärt er. Dafür habe er die KWK-Anlage. Im Winter läuft diese immer und produziert neben Wärme auch Strom, im Sommer ist sie nur bei Warmwasser-Bedarf in Betrieb. "Sie ist deshalb eine super Ergänzung zur Photovoltaik, die im Sommer den Strom erzeugt und im Winter witterungsbedingt nicht so viel leistet", erklärt Seim. "Das hier ist der Stromspeicher", fügt er hinzu und deutet auf das dritte große Gerät im Raum. Strom, der durch die Anlagen zu viel erzeugt wird, werde darin gespeichert, sagt er.

Er führt zurück ins Wohnzimmer und öffnet seinen Laptop. Das Fraunhofer Institut hat ihm ein Programm zur Verfügung gestellt, mit welchem er seinen gesamten Verbrauch und seine Erzeugung überprüfen kann. "Wir haben das integriert, sodass ich mit einem Programm alles steuern kann - und das sieht sehr sexy aus", sagt Seim. "Die meisten Leute sehen darin ein Riesenproblem und zu viel Technik - damit wollen nur wenige zu tun haben." Das Programm mache die Bedienung des Systems aber sehr einfach. Seim deutet auf die Bildschirmanzeige zu Verbrauch und Erzeugung des Hauses. Hier könne er zum Beispiel angeben, dass er das Elektroauto morgens um zehn Uhr mit einer Reichweite bis 100 Kilometer geladen haben möchte. "Dann wird das auch für 100 Kilometer geladen, egal woher der Strom kommt. Entweder von der eigenen Erzeugung, aus dem Stromspeicher - und wenn das in Summe nicht ausreicht, wird der Strom aus dem Netz bezogen", sagt Seim. In seinen Aufzeichnungen lässt sich erkennen, dass der Strom nur selten aus dem öffentlichen Stromnetz bezogen wird - die Seims sind bis auf das Erdgas autark.

Auch aus wirtschaftlicher Sicht plädiert Seim für ein autarkes Energieversorgungsmodell. Berechnungen zufolge hat sich das Geld, welches die Seims in ihr Haus gesteckt haben, in knapp sieben Jahren, also zu Beginn des Jahres 2020, amortisiert. "Das Elektroauto hat die beste Bilanz", sagt Seim. Im Jahr würde er im Sektor Mobilität rund 2200 Euro sparen, in zehn Jahren also mehr als 22 000 Euro.

Naiv ist Karlheinz Seim bei all den Einsparungen nicht. Auch ihm ist klar, dass ein Haus mit 150 Quadratmetern Wohnfläche eigentlich zu viele Ressourcen für zwei Personen verbraucht und dass Klimaschutz nicht beim Thema erneuerbare Energien aufhört. "Je mehr man sich mit dem Thema beschäftigt, desto sensibler wird man auch", sagt er. "Bei fünf Kreuzfahrten oder Flugreisen im Jahr, kann man zu Hause so viel machen, wie man will, da wird man nie was erreichen. Das liegt weit über dem Maximum was sein sollte", so Seim. "Meine Frau und ich diskutieren manchmal auch darüber, dass man fast Angstzustände bekommen könnte, wenn man so hört, was da alles so passieren kann." Wichtig sei deshalb, dass nicht immer nur "Horrorszenarien" entwickelt würden. Man müsse sich stattdessen die Frage stelle: "Was kann ich tun?", findet Seim. Er empfiehlt, eine Umrüstung in Schritten zu realisieren. Zunächst müsse man ein Ziel definieren. "Es ergeben sich dann über die Zeit diese und jene Erkenntnisse", sagt er. "Jedes Haus ist anders und jeder hat einen anderen Energieverbrauch."

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SZ vom 06.08.2019
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