Süddeutsche Zeitung

Erinnerungskultur in München:32 neue Stolpersteine auf einmal

  • Am 12. November sollen so viele Stolpersteine wie noch nie in der Stadt verlegt werden.
  • Über Stolpersteine in München wurde jahrelang gestritten. Auf öffentlichem Boden hat die Stadt diese Form des Erinnerns verboten, auf Privatgrund können die Eigentümer freilich selbst entscheiden.
  • Kritiker lehnen die Steine ab, weil in ihren Augen der Opfer im Straßendreck gedacht wird.

Von Jakob Wetzel

So viele wie diesmal sind es noch nie gewesen: Gleich 32 sogenannte Stolpersteine will der Künstler Gunter Demnig am 12. November in München verlegen. Die kleinen, jeweils mit einer beschrifteten, goldfarbenen Messingplatte versehenen Gedenksteine sollen namentlich und individuell an Münchnerinnen und Münchner erinnern, die von den Nationalsozialisten ermordet worden sind. Ab 10.30 Uhr wird Demnig die Steine vor den früheren Wohnorten der Opfer in den Boden versenken, einen Stein nach dem anderen - und jedes Mal auf Privatgrund, wie immer. Denn auf öffentlichem Boden hat die Stadt München diese Form des Erinnerns verboten.

Für den Künstler wird es ein Kraftakt. Demnig und seine Helfer steuern elf Standorte an, in der Au und in der Isarvorstadt, in der Maxvorstadt und in Schwabing. Eingeplant sind dafür insgesamt etwa sieben Stunden, ohne nennenswerte Pausen. Und bei alledem werde stets Zeit für jeden einzelnen Ermordeten sein, versichert Terry Swartzberg von der "Initiative Stolpersteine für München". An jedem Ort wird es eine Ansprache geben, oft werden Angehörige sprechen, zuweilen auch die Hauseigentümer, eine Stadtteilpolitikerin oder etwa ein Vertreter der liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom.

Dass es nun auf einen Schlag derart viele Steine seien, habe sich einfach ergeben, sagt Swartzberg. Immer mehr Angehörige würden sich melden. Und auch Hausbesitzer würden von sich aus vermehrt anfragen, ob in ihrem Gebäude einst Menschen wohnten, die von den Nazis ermordet wurden, und an die man mit Stolpersteinen erinnern könne. Als erinnerungspolitische Demonstration will Swartzberg die bislang größte Verlegung in München explizit nicht verstanden wissen.

Dennoch ist die Aktion pikant. In München ist jahrelang erbittert um Stolpersteine gestritten worden. Kritiker unter anderem aus der Israelitischen Kultusgemeinde hatten geklagt, mit ihnen werde der Opfer im Straßendreck gedacht; auf den Namen der Toten werde herumgetrampelt, und die Inschriften auf den Steinen erinnerten an die Sprache der Nazis. Der Münchner Stadtrat beschloss daraufhin wiederholt, zuletzt 2015, dass auf öffentlichem Grund in München keine Stolpersteine verlegt werden dürfen. Im vergangenen Jahr präsentierte die Stadt eine Alternative: Mit ebenfalls goldfarbenen Wandtafeln und Stelen sollte der Ermordeten so dezentral und individuell gedacht werden wie mit Stolpersteinen, aber nicht im Boden, sondern auf Augenhöhe. Im Juli 2018 wurden die ersten sechs Stelen errichtet und die ersten vier Wandtafeln in München aufgehängt.

Parallel blieb freilich auch Swartzbergs Initiative aktiv: Sie verlegte die Gedenksteine wenn nicht auf öffentlichem, dann eben auf privatem Grund. Bisher liegen bereits 58 Stolpersteine in München. Mit den jetzt geplanten zusätzlichen Steinen steigt diese Zahl auf 90, weitere 240 Steine seien bereits gestiftet worden, hätten aber noch nicht verlegt werden können, sagt Swartzberg. Man wolle der städtischen Alternative damit aber keine Konkurrenz machen, versichert er: "Die Erinnerungszeichen sind optisch wunderschön und eine sehr attraktive Option. Wir sind für jede Form von Gedenken, die Angehörige und die Stadtgesellschaft wollen." Auch Mitglieder der "Initiative Stolpersteine für München" hätten bei der Stadt bereits Stelen oder Wandtafeln beantragt.

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Quelle:
SZ vom 29.10.2018
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