Süddeutsche Zeitung

Quarantäne wegen Sars-CoV-2:Entlassen, aber noch lange nicht frei

  • Die ersten 14 Coronavirus-Patienten in Deutschland sind längst als gesund aus den Krankenhäusern entlassen worden.
  • Ihre Wohnung dürfen manche von ihnen aber noch immer nicht verlassen - nicht solange in ihren Stuhlproben Reste des Erbguts des Erregers Sars-CoV-2 gefunden werden.
  • Diese Vorgabe macht das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit in Bayern, ein Arzt spricht von einer "zusätzlichen Sicherheitsmauer".

Von Carolin Fries

Tagelang haben sie auf ihre Entlassung aus dem Krankenhaus gewartet, sich darauf gefreut, endlich in ihren Alltag zurückzukehren. Doch für einige der 14 genesenen Coronavirus-Patienten, die in Verbindung mit der Stockdorfer Firma Webasto stehen, herrscht nach wie vor Ausnahmezustand. So wurden sie zwar allesamt aus den Kliniken entlassen, einige müssen sich aber weiter zu Hause isolieren. Nur ein paar der betroffenen Mitarbeiter sind laut Webasto-Sprecherin Antje Zientek inzwischen an den Arbeitsplatz zurückgekehrt.

Das Unternehmen hat am Mittwoch Aussagen von Kollegen veröffentlicht, die die Diagnose rückblickend als "Schock" bezeichnen und den langweiligen Klinikalltag schildern. Ein Mitarbeiter sagt, er habe keine Angst um sich selbst gehabt: "Vielmehr sorgte ich mich um meine Kontaktpersonen, darunter meine kleine Enkelin, meine Frau und Tochter sowie um Freunde, mit denen ich zuvor im Skiurlaub gewesen war."

Ein anderer klagt, noch nicht wieder arbeiten zu dürfen. "Die meisten wollten so schnell wie möglich wieder in ihren Berufsalltag zurück", sagt auch Webasto-Chef Holger Engelmann. Insgesamt waren neun Mitarbeiter sowie fünf Angehörige an Covid-19 erkrankt, wie die vom Coronavirus ausgelöste Krankheit heißt. Mitte vergangener Woche wurde der letzte Patient aus dem Klinikum München-Schwabing entlassen.

"Wer von uns offiziell entlassen wird, kann ohne Kontaktsperre wieder in seinen Alltag zurückkehren", hatte Chefarzt Clemens Wendtner gesagt, als der erste Patient heim durfte. Doch das trifft nur eingeschränkt zu. So haben zwar alle Patienten die vom Robert-Koch-Institut (RKI) festgelegten Kriterien für eine Entlassung erfüllt, sie waren also mindestens zehn Tage nach dem Auftauchen erster Symptome zwei Tage lang ohne Fieber, Husten, Schnupfen und Durchfall. Auch wurde ein Rachen- oder Nasenabstrich binnen 24 Stunden zweimal negativ auf das Coronavirus getestet. Doch bei einigen haben die Testergebnisse der Stuhlproben noch Reste des Erbmasse des Virus aufgewiesen; das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) nennt hier keine Zahlen.

Einen Überblick haben die örtlichen Gesundheitsämter: Im Landkreis Starnberg zum Beispiel trifft das aktuell noch auf einen der zwei Fälle zu, in Fürstenfeldbruck waren zwei der drei Infizierten betroffen. "Heute kam das zweite negative Ergebnis des zweiten Patienten", sagte Fürstenfeldbrucks Amtsarzt Lorenz Weigl am Mittwoch. Es handele sich um eine "zusätzliche Sicherheitsmauer", welche die "Task-Force Infektiologie" des LGL eingezogen habe. Auch wenn man davon ausgehe, dass es sich um totes, nicht ansteckendes Erbmaterial des Virus handele.

"Tausend Mal besser, als in einem Krankenhauszimmer eingesperrt zu sein"

Der betroffene Starnberger Patient darf keinen Kontakt nach außen haben und wird jeden Tag vom Gesundheitsamt angerufen, wie Landratsamtssprecherin Barbara Beck sagt. Alle paar Tage müssten Stuhlproben abgegeben werden, die die Behörde beim Patienten abhole. Darüber hinaus wird den Patienten die Nutzung einer eigenen Toilette empfohlen und besondere Hygienemaßnahmen wie etwa die Desinfektion von Oberflächen. Erst wenn zwei Proben, zwischen denen mindestens 24 Stunden liegen, negativ auf Virusreste getestet werden, ende die Isolation. In Fürstenfeldbruck müssen die Patienten ihre Stuhlproben indes selbst an das LGL schicken.

Das Procedere werde mit den Patienten bereits bei der Ankündigung einer Entlassung aus dem Krankenhaus besprochen, sagt Weigl. Ein genesener Webasto-Mitarbeieter sagt, er müsse nach wie vor zweimal am Tag seine Körpertemperatur und seinen Gesundheitszustand an das Gesundheitsamt melden. Das sei aber "tausend Mal besser, als in einem Krankenhauszimmer eingesperrt zu sein".

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SZ vom 05.03.2020/kast
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