Süddeutsche Zeitung

Soziale Ungleichheit:"Die eine Hälfte der Menschen hat das Gefühl, in München nicht dazuzugehören"

Die Kluft zwischen Arm und Reich in München wird immer größer. Karin Majewski, Geschäftsführerin des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, warnt vor der Spaltung der Gesellschaft.

Interview von Jessica Schober

Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer. Karin Majewski, Geschäftsführerin des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Oberbayern, über die zunehmende Spaltung der Gesellschaft in München und nötige Veränderungen.

SZ: Wo ist Armut in München sichtbar?

Karin Majewski: Wenn man hinschaut, sieht man sie in München an vielen Ecken. Bettler auf der Straße, aber auch Kinder, die nicht mit zum Schulausflug können. Das sind alte Mechanismen: Überall, wo man zahlen muss, um dabei zu sein, bleiben die Reichen unter sich. Und plötzlich fahren eben ein paar Kinder weniger mit ins Skilager. Wer die Armut nicht sehen will, sieht sie auch nicht. Die Betroffenen werden unsichtbar.

Welche Nebenwirkungen hat Armut?

Armut ist stressig. Sie führt zu Krankheiten und einer geringeren Lebenserwartung. Es ist erschreckend: Arme Menschen sterben früher. Das liegt an vielen Faktoren, zum Beispiel ernähren sie sich oft ungesünder. Deshalb sollte grundsätzlich in Kitas und Schulen gemeinsam gefrühstückt werden. Wer arm ist, muss sich auch ständig um Behördengänge kümmern. Oder darum, dass die eigenen Kleider länger halten. Ein reicher Mensch kauft einfach eine neue Hose, wenn die alte ein Loch hat. Arme müssen wesentlich mehr tun, um nicht aufzufallen. Dabei fühlen sie sich ausgeschlossen; sie sehen ja auch die anderen, die es geschafft haben und einfach einen Kaffee trinken gehen können.

Wie verändert Armut das Lebensgefühl?

Es gibt zwei Stadtgefühle. Die eine Hälfte der Menschen hat das Gefühl, in München nicht dazuzugehören. Und die andere Hälfte hat das Gefühl, dass alles immer schöner wird. Da leuchtet der Christkindlmarkt, da flaniert man die glanzvolle Maximilianstraße entlang und sieht lauter prächtige Dinge. Das ist eine Spaltung, die den Zusammenhalt in der Gesellschaft gefährdet.

Wie viel Spaltung verträgt eine Stadt?

Momentan hält München das noch aus, weil es viele Angebote gibt, zum Beispiel die Alten- und Servicezentren. Dort kriegen Senioren günstiges Essen, können Karten spielen oder tanzen. Das ist ein tolles Angebot für alle, die nicht genug Geld haben, um sich in ein Café zu setzen. Wir haben eine hohe Seniorenarmut, 15 000 Menschen reicht ihre Rente nicht zum Leben. Das widerspricht meiner Vorstellung einer solidarischen Stadt.

Warum beziehen nur die Hälfte der Betroffenen staatliche Unterstützung?

Weil es so anstrengend und diskriminierend ist. Meist verhindern Scham und Bürokratie, dass die Unterstützung überhaupt die richtigen Menschen erreicht. Gerade für Senioren, die ihr Leben lang gearbeitet haben, ist es eine hohe Schwelle, zum Sozialamt zu gehen und um Stütze zu bitten. Und die, die eh schon mehrere Jobs haben, um über die Runden zu kommen, die haben keine Zeit, sich da in der Schlange anzustellen.

Was kann man als Einzelner tun?

Es werden immer Menschen gesucht, die ihre Zeit spenden wollen und sich ehrenamtlich engagieren. Mit Kindern Freizeit verbringen. Senioren besuchen, die ihre Wohnung nicht mehr verlassen können. Manchmal sind es auch Kleinigkeiten: Wenn ich im Alten- und Servicezentrum merke, dass eine ältere Dame mit Rückenschmerzen nicht genug Geld hat, um sich eine neue Matratze zu kaufen, können auch Einzelfallhilfen sinnvoll sein. Viele der Bessersituierten wissen gar nichts von diesem anderen München. Über Ehrenamt begegnen sich unterschiedliche Menschen wieder. Auch bei der Integration von Flüchtlingen hat es enorm viel ausgemacht, dass viele Menschen sich ehrenamtlich engagiert haben.

Was muss sich strukturell ändern?

Wir brauchen flächendeckende Angebote für Alleinerziehende, speziell für Frauen. So wie das Café Glanz in der Sedanstraße, wo sich alleinerziehende Mütter austauschen können und auch Kinder mit Behinderung betreut werden. Auch ein bedingungsloses Grundeinkommen könnte Alleinerziehenden helfen. Das fände ich ein spannendes Modell. Auf dem Mietmarkt haben Alleinerziehende eh wesentlich schlechtere Chancen als die kinderlosen, gut verdienenden Paare. Ich finde, die Sozialversorgung sollte steuerfinanziert sein. Warum sollen kinderlose Besserverdienende nicht mitbezahlen für ein gesundes Essen der nächsten Generation?

Dennoch fühlen sich laut Armutsbericht sowohl Arme als auch Reiche wohl hier.

Immerhin haben wir kein offen diskriminierendes Klima in der Stadt. Es kommt zwar vor - wie neulich der schreckliche Fall -, dass ein Obdachloser angezündet wird. Aber so etwas ist in München nicht die Regel. Es ist der langjährigen Kommunalpolitik zu verdanken, dass es viele strukturelle Gegenmaßnahmen gibt.

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Quelle:
SZ vom 28.11.2017/vewo
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