Süddeutsche Zeitung

Philipp Lahm im Literaturhaus:"Ich sag nur: Es ist ein unglaublicher Druck"

Philipp Lahm war in die Kritik geraten, weil er schwulen Profifußballern von einem Coming-out abriet. Bei einer Lesung in München verteidigt er seine Haltung.

Von Bernhard Blöchl

Fußballprofis sieht man selten im Literaturhaus. Woran das liegt, darüber darf jeder selbst spekulieren. Pep Guardiola hatte hier ein Gastspiel, während seiner Trainerzeit beim FC Bayern, um Gedichte des Katalanen Miquel Martí i Pol vorzulesen. Das war poetisch und schön. Über Philipp Lahm hat Guardiola einst gesagt, er sei der intelligenteste Spieler, den er je trainiert habe. Am Montagabend saß Lahm im Literaturhaus, um dort sein zweites Buch vorzustellen.

Wenige Tage vor dem Erscheinen von "Das Spiel. Die Welt des Fußballs" (C.H. Beck) war der Weltmeister von 2014 in die Kritik geraten, weil er in einem kurzen Kapitel über Homosexualität Profikollegen davon abrät, sich während der aktiven Zeit zu outen. Verständlich also, dass das Thema - eines von Dutzenden in dem breit gefächerten Sachbuch - auch im per Live-Stream aus dem Literaturhaus gesendeten Gespräch aufploppen musste.

Im Interview mit der ZDF-Moderatorin Dunja Hayali wiederholte der ehemalige Bayern-Kapitän seine Position. "Ich sag nur: Es ist ein unglaublicher Druck für denjenigen, der sich während seiner Karriere outet." Lahm wies auf die "Gesetze einer Kabine" hin, auf Konkurrenz und Gruppenzwang. "Ich würde es mir wünschen, dass es normal wäre, wenn sich jemand outet und er wird nicht angefeindet." Auf die lauernden Gefahren möchte er aber hinweisen. Das sei seine Meinung. Hayali versäumte nicht, nachzuhaken, ob er sich seiner Verantwortung bewusst sei. Darauf der 37-Jährige: "Jeder, der das machen will, kann mich kontaktieren und hat meine hundertprozentige Unterstützung." Sein Angebot wiederholte er später: "Ansonsten gerne bei mir melden." Dass Lahm das Thema ein bisschen nervös machte, war gleich zu Beginn zu spüren, als er sich ungeschickt ausdrückte und unter "Schattenseiten des Fußballs" aufzählte: "Rassismus, Diskriminierung, Homosexualität". Die Moderatorin korrigierte ihn en passant, indem sie das Wort erwähnte, das Lahm meinte: Homophobie.

Die weiteren Sujets waren weniger verfänglich, ernst bis kritisch waren sie auch. Sie reichten von Kinder- und Jugendarbeit (Professionalisierung statt Spaß) über Depression im Fußball ("Es betrifft mehr, als man denkt") bis zur Deckelung der Gehälter ("wäre sicher eine Idee"). Und wäre da nicht der Schauspieler Thomas Lettow gewesen, der zwischendurch vorlas, man hätte auch die Pressekonferenz mit Lahm und Hayali von vergangenem Mittwoch senden können. Fußball hat eben immer auch mit Struktur zu tun und mit Abläufen, die sich wiederholen.

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SZ vom 24.02.2021/berk, van
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