Süddeutsche Zeitung

Alkoholkonsum:Was wirklich gegen den Wiesn-Kater hilft

Von Rollmöpsen über Espresso mit Zitrone bis zum Konterbier: Wer eine oder gleich mehrere Mass zu viel hatte, findet viele Tipps. Notfallmediziner Florian Demetz weiß, welche etwas taugen - und welche nicht.

Interview von Nicole Graner

Florian Demetz sagt es ganz frei heraus: "So eine Mass gibt mir nichts." Der 57-Jährige sagt das nicht etwa, weil er Chefarzt der Notaufnahme in der München Klinik Harlaching ist und ein gutes Beispiel abgeben will. Sondern schlicht und einfach, weil ihm, wie er sagt, "Bier nicht schmeckt". Immer mal wieder habe er es auf der Wiesn probiert, aber auch auf die Gefahr hin, in Bayern als Spießer zu gelten: Er mag es immer noch nicht. So lässt sich ein Kater natürlich am besten verhindern. Doch als Notfallmediziner weiß er natürlich, was passiert, wenn Menschen zu viel getrunken haben. Welche Hausmittel bei einem Kater helfen und welche absolut nicht.

SZ: Was ist ein Kater?

Florian Demetz: Die Hauptbestandteile des Katers sind zu viel Alkohol und zu wenig Schlaf. Der Kater äußert sich meist in Unwohlsein und einer Beeinträchtigung der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit. In großen Mengen kann Alkohol zu Verwirrtheit und Orientierungslosigkeit führen.

Wie kommt es dazu?

Ursache dafür ist die Störung der Signalweitergabe zwischen den Nervenzellen im Gehirn. Hinzu kommt, dass Alkohol auch den Wasser- und Elektrolythaushalt des Körpers negativ beeinflussen kann. Die Wirkung von Alkohol, der die neuronalen Abläufe verlangsamt, ist bei jedem anders. Der eine ist euphorisch, der andere wird enthemmt. Irgendwann hat man vielleicht seinen Körper nicht mehr unter Kontrolle, findet zu Hause das Schlüsselloch nicht mehr. Und wieder andere verletzen sich, weil sie gestürzt sind. Auch ist es natürlich ein Unterschied, ob eine 17-jährige Elfe oder ein oberbayerischer Haudegen, der 100 Kilo Kampfgewicht hat und jeden Tag fünf Bäume fällt, zwei Mass trinken.

Hilft Rollmops essen gegen den Kater?

Die Wirkung ist medizinisch gesehen überschaubar. Sicher, der Rollmops, wenn man ihn denn dann bei einem Kater überhaupt herunterbringt, ist salzig. Und das Salz regt den Verkaterten an, viel zu trinken. Durch den Alkohol gerät der gesamte Mineralstoff- und Wasserhaushalt im Körper durcheinander. Und Alkohol entzieht dem Körper Flüssigkeit. Einen Rollmops bekommen Wiesngänger, die bei uns in der Notaufnahme landen, auf jeden Fall nicht. Meiner Meinung nach ist es besser, einfach wirklich viel Wasser zu trinken.

Und was ist mit Zipresso, also Espresso mit Zitrone?

Das Koffein führt dazu, dass man sich wieder wacher fühlt und auch vermeintlich wieder leistungsfähiger. Ob die Kombination mit der Zitrone hilft? Warum nicht. Vitamin C schadet sicher nicht. Und wenn man darauf schwört ...

Vorbeugend vor dem Trinken Aspirin nehmen?

Das halte ich für unklug, auch wenn ich das Grundkonzept dahinter verstehe. Aspirin hat auch eine blutverdünnende Wirkung. Verletzt man sich im Rausch wird es mit großer Wahrscheinlichkeit mehr bluten. Außerdem hält die Wirkung nur zwei, drei Stunden an. Und dann? Wieder eine? Das macht keinen Sinn. Aspirin ist auch nicht das Mittel der Wahl. Besser ist es, gegen die Kopfschmerzen dann eine Ibuprofen zu nehmen. Und nicht prophylaktisch am Anfang der Wiesntour, sondern am Ende. Denn möglicherweise verstärken Schmerzmittel auch die Wirkung von Alkohol und man wird müde.

Aber deftiges Essen ist gut als Grundlage!

Oh ja. Am besten eine Schweinshaxe. Denn die Fettschicht, die sich nach dem Essen in Magen und Darm bildet, verzögert die Aufnahme des Alkohols in die Blutbahn. Fett bindet den Alkohol. Aber: Deftiges Essen verzögert den Rausch nur, verhindert ihn aber nicht.

Hilft es, vor dem Schlafengehen Mineralwasser zu trinken?

Tee, Wasser - ganz egal. Ja, es ist gut, dass der Körper ausreichend Flüssigkeit bekommt. Nach zwei Mass auf der Wiesn auch mal dazwischen einen Liter Wasser zu trinken, ist also ratsam. Denn dann vermischt sich der Alkohol mit dem Wasser. Alles wird also verdünnt, die Wirkung des Alkohols wird etwas schwächer. Die Gesamtmenge des Alkohols im Körper bleibt natürlich die gleiche, aber sie hat ein größeres Verteilungsvolumen. Schneller wieder nüchtern wird man deswegen nicht. Die Leber, die ja mit dem Alkoholabbau gut beschäftigt ist, tut das in einer gleichbleibenden Geschwindigkeit. Sie baut 0,1 Promille pro Stunde ab. Wenn man 0,5 Promille hat, dann dauert es fünf Stunden, bis der Alkohol wieder abgebaut ist. Schneller geht es nicht. Alkohol ist eben eine Droge. Auch verringert sich mit dem Alter die Leistungsfähigkeit der Leber.

Manche empfehlen auch ein Konterbier als Mittel gegen den Kater.

Gewiss nicht. Das funktioniert sicher gar nicht. Das ist eine Mär. Auch nicht mit Weißbier, das ja wegen der Hefe gerne getrunken wird. Aber es geht nicht um die Hefe, sondern um den Alkohol, der während des schon bestehenden Katers dann einfach noch mal zu sich genommen wird. Wenn es unbedingt Bier sein muss, dann alkoholfreies.

Hilft Elotrans?

Wer zu viel Alkohol zu sich nimmt, nimmt in der Regel zu wenig Flüssigkeit zu sich. Der Körper dehydriert. Elektrolytlösungen, in denen verschiedene Salze drin sind, können das wieder kompensieren. Kann man alles machen, schadet nicht. Das Wichtigste aber ist, dass man ganz normales Wasser trinkt. Die Nierenfunktion wird durch Alkohol zwar angeregt, aber gleichzeitig reduziert er auch den Durstreiz. Der Darm resorbiert die Flüssigkeit.

Und Ingwer?

Wenn man daran glaubt, bitte schön. Nur zu.

Was ist mit ätherischen Ölen?

Na, damit wird es ein echter Oberbayer nicht so haben. Und medizinisch haben ätherische Öle keinen Einfluss auf den Alkoholabbau in der Leber.

Wird man Restalkohol durch Sport schneller los?

Das ist eine sehr individuelle Sache. Der eine geht joggen, der andere geht spazieren. Frische Luft tut sicher gut. Nur muss man darauf achten, wirklich genug zu trinken. Tut man das nicht, kann intensiver Sport am Katertag auch gefährlich werden.

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