Süddeutsche Zeitung

FC Bayern München:Nagelsmann, Klinsmann, Beckenbauer: Wo Bayern-Größen immer wieder stolpern

Im Eifer des Gefechts hat FC-Bayern-Coach Julian Nagelsmann die Freiwillige Feuerwehr Süd-Giesing beleidigt - die es gar nicht gibt. Auch andere Legenden haben schon denkwürdige Auftritte hingelegt.

Von René Hofmann

Es ist gar nicht so leicht, sich in München zurechtzufinden. Julian Nagelsmann, zuvor Trainer in Hoffenheim (gut 3000 Einwohner) und Leipzig (gut 580 00 Einwohner), hat das schon geahnt. Als er im Juli vergangenen Jahres sein erstes Training beim Rekordmeister abhielt, startete er eher defensiv: " Ich hoffe, dass ich den Weg auf den Meisterbalkon finde." Nun, der Weg ist gar nicht so schwierig: Ins Neue Rathaus rein, ein paar Treppen hoch und einfach Richtung Marienplatz wieder raus. Nur einen offiziellen "Meisterbalkon" gibt es trotz all der Meisterschaften, die auf dem schmalen Austritt schon gefeiert wurden, halt trotzdem nicht.

Nun hat der wackere Trainer sich noch einmal verbal etwas verdribbelt. Vor dem Spitzenspiel gegen Borussia Dortmund am Samstag, in dem sein Team mit einem 3:1 in der heimischen Arena den Titel errang, hatte Nagelsmann die Professionalität und die Einsatzfreude seiner Spieler mit den Worten beschworen: "Wir sind nicht bei der Freiwilligen Feuerwehr Süd-Giesing, sondern beim FC Bayern München." Das fanden viele ehrenamtlich Helfende nicht besonders passend.

Die Nach-Meisterschafts-Woche startete für Nagelsmann deshalb ungewöhnlich: mit einem Besuch in der Feuerwache 4 der Landeshauptstadt, wo ihm unter anderem vorgeführt wurde, wie freiwillige Feuerwehrleute Menschen aus brennenden Gebäuden retten. Der hauptamtliche Fußballtrainer durfte eine originale Feuerwehrmontur anlegen und auf einer Drehleiter 30 Meter in die Höhe fahren. "Meine Aussage zur Freiwilligen Feuerwehr war unglücklich formuliert. Ich wollte nie die Freiwillige Feuerwehr oder ehrenamtliche Helfer diskreditieren", schrieb er pflichtschuldig zerknirscht in den sozialen Netzwerken: "Sozial engagierte Menschen sind Vorbilder und für eine funktionierende Gesellschaft elementar."

Als Zeichen seines Versöhnungswillens hatte er ein Bayern-Trikot mit der aufgeflockten Notrufnummer 112 dabei, das gerne entgegengenommen wurde. "Wir nehmen Ihre Entschuldigung selbstverständlich an und wissen es zu schätzen, dass Sie sich vor Ort die Zeit für uns genommen haben", erklärte Claudius Blank, Stadtbrandrat und Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr München, und Katrin Habenschaden, die Zweite Bürgermeisterin der Stadt, lächelte mehr als versöhnlich.

Schnell ausgerückt, Schwelbrand umgehend gelöscht: Nagelsmann kann zufrieden sein und sich trösten - er ist nicht die erste Bayern-Größe, die bei der Annährung an die Heimat des FC Bayern und ihre Gepflogenheiten etwas daneben lag. Der Belgier Daniel Van Buyten, der zwischen 2006 und 2014 fast 160 Spiele für den FC Bayern bestritt, freute sich über einen Sieg zur Oktoberfestzeit einst, dieser sei besonders schön, weil: "Das war der erste Tag von der Wiese."

Noch denkwürdiger: die Auftritte von Louis van Gaal, ungefähr zur gleichen Zeit. Der Niederländer sagte zum Antritt des Traineramtes an der Isar: "Das bayerische Lebensgefühl passt mir wie ein warmer Mantel. Warum? ,Mia san mia', wir sind wir - und ich bin ich: selbstbewusst, arrogant, dominant, ehrlich, arbeitsam, innovativ!" An Selbstbewusstsein mangelte es van Gaal nie. An Gefühl für die Situation öfter, wie bei seiner Meisteransprache im Mai 2010, als er vom Rathausbalkon die Worte hinunterschickte: "Wir sind Meister nicht nur von München, sondern auch von Gelsenkirchen, Bremen, Hamburg. Wir sind die Besten von Deutschland und vielleicht bald von Europa!" Damit hatte er sich klar verortet: in übergeordneten Dimensionen.

Bei allem Größenstreben wird derlei auch beim größten Fußballklub der Stadt eher skeptisch beäugt. Zuvor hatten das schon andere Szenegranden erfahren. Der Schwabe Jürgen Klinsmann etwa, in dessen kurzer Zeit als Bayern-Trainer Buddha-Figuren am Trainingsgelände aufgestellt wurden. Klinsmann zeigte sich erst begeistert ("Die Buddhas geben uns einen gewissen Energiefluss"), nach seinem Aus suchte er dann aber schnell Abstand zu den Symbolen der Gelassenheit ("Diese Buddha-Figuren hatten nie etwas mit mir zu tun").

Oder der einstige Bremer Erfolgscoach Otto Rehhagel, der im Trainingslager Goethes Faustzeilen "Mit gier'ger Hand nach Schätzen gräbt/und froh ist, wenn er Regenwürmer findet" rezitierte, den verdutzen Kickern die Interpretationsfrage stellte "Was will uns Goethe damit sagen?" und gleich selbst die Antwort gab: "Graben Sie nie nach Schätzen!" Seine Frau Beate hätte sich Rehhagel auch gut als Kultusministerin für Bayern vorstellen können, wohl ernsthaft. Daraus wurde dann aber ebenso nichts wie aus seinen eigenen Titelambitionen in München. Warum wohl?

Kommunikationspannen leistete sich selbst die Bayern-Figur schlechthin, der in München geborene Franz Beckenbauer. Zur Debatte, wie sein Verein dem Stadion auf dem Olympiagelände, dem Hauptschauplatz der vom Anschlag auf das israelische Team überschatteten Sommerspiele 1972, entkommen könnte, fiel ihm tatsächlich ein: "Am besten ist, wir sprengen das Stadion einfach weg. Es wird sich doch ein Terrorist finden, der für uns die Aufgabe erledigen kann." Zu einem recht üblen Kick in einem Lokalderby gegen die Löwen prägte er den Spruch: "Das war kein Stadtderby, das war ein Lokalderby Obergiesing gegen Untergiesing."

Als die größte Zeitung der Stadt ihm einmal vorhielt, dass er mit Worten nicht gar so treffsicher sei wie zu seiner Zeit am Ball, gurgelte Beckenbauer: "Die Meinung der Süddeutschen Zeitung kommt nach der Meinung der Pekinger Rundschau." Den Konter fing er prompt, mit einem dezenten Hinweis im nächsten SZ-Sportteil: "Die Peking Rundschau wird in Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch und Japanisch herausgegeben und gilt als bedeutendste Auslandszeitschrift Chinas."

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