Süddeutsche Zeitung

Klimanotstand in München:"Es muss jetzt wirklich Gas gegeben werden"

Mehr regionale Lebensmittel, Windräder und Photovoltaik, ökologischere Neubauten und ein klares Bekenntnis gegen Verbrennungsmotoren: Das fordern Aktivisten von der Politik.

Von Thomas Anlauf

Mehr Energie aus München

"Fridays for Future" hat gehörig Schwung in die Münchner Klimapolitik gebracht. Die jungen Klimaschützerinnen und Aktivisten haben erreicht, dass der Stadtrat vor einem Jahr den Klimanotstand ausgerufen hat. "Grundsätzlich sehen wir schon, dass sich was in die richtige Richtung bewegt hat", sagt Nicolas Zanthier vom Münchner Organisationsteam der Fridays-for-Future-Bewegung.

Doch gerade im Energiebereich sind die Anstrengungen der Stadt den Klimaschützern zu wenig. Es gebe zwar das Ziel, den Strom komplett aus erneuerbaren Energien zu gewinnen. Doch nach Ansicht von Nicolas Zanthier "passiert das eher auf dem Papier": Statt lokal zu handeln, werde erneuerbare Energie bislang vor allem überregional und im Ausland produziert und bilanziert. Andere Städte wie Tübingen hätten eine Solardach-Pflicht eingeführt, alle Neubauten müssen nun mit Photovoltaik-Anlagen ausgestattet werden. Auch in der Windenergie und bei der Einsparung von Strom sieht Fridays for Future noch viel Potenzial bei der Stadt. "Es ist nicht so, dass die Stadt das Problem komplett ignoriert", sagt Nicolas Zanthier. "Aber es gibt bislang noch nicht wirklich eine Aufbruchstimmung."

Bekenntnis gegen Verbrenner

Seit drei Jahrzehnten engagiert sich die Münchner Umweltorganisation Green City dafür, den Autoverkehr und den Ausstoß klimaschädlicher Gase zu reduzieren. Mit Erfolg: Als Mitinitiatoren des Radentscheids erreichten die Umweltschützer, dass der Stadtrat Münchens Straßen deutlich stärker auf den Radverkehr ausrichten will. Es seien bereits viele Vorschläge aus dem Radentscheid in Beschlüsse gegossen.

Trotzdem geht die Umsetzung der Ziele nach Ansicht von Green City-Geschäftsführer Martin Glöckner nicht schnell genug voran. Gerade die Schaffung von Radschnellwegen müsste forciert werden, sagt Glöckner: "Beim Klimawandel haben wir keine Zeit mehr." Eine Stadt wie München mit den Universitäten und den vielen engagierten Bürgern habe eigentlich die Kapazitäten, beim Klimaschutz eine führende Rolle weltweit einzunehmen. Doch vieles geschehe in diesem Bereich noch zu zögerlich. "Das ist ähnlich wie beim Corona-Impfstoff: Beim Klimaschutz müssen wir jetzt überall auf die Tube drücken, um die Klimaziele zu erreichen", sagt Glöckner. Im Stadtrat fehle ihm aber noch das Bekenntnis gegen die Verbrennungsmotoren. Da müsse die Stadt regulieren und eingreifen.

Ökologischer bauen

München baut wie seit vielen Jahren nicht. Überall entstehen neue Stadtquartiere, der Freiraum dagegen droht langsam zu verschwinden. Christian Hierneis kämpft seit Jahren dafür, dass Grünflächen in der Stadt möglichst nicht weiter versiegelt und bebaut werden. Gleichzeitig fordert der Vorsitzende des Bundes Naturschutz in München, der für die Grünen im Landtag sitzt, dass endlich bei Neubauten viel stärker auf ökologisches Bauen gesetzt werden soll.

Doch seiner Ansicht nach passiert hier viel zu wenig: "Die Neubauanlagen unterscheiden sich nicht von denen vor zwanzig Jahren", sagt Hierneis. In der Stadt gebe es seit vielen Jahren "gute Papiere", um dem Klimawandel zu begegnen. "Aber Innovationen werden nur sehr langsam umgesetzt." Er fordert deutlich mehr Photovoltaikanlagen auf Münchner Dächern und Plusenergiehäuser, in denen mehr Energie erzeugt als verbraucht wird. Außerdem müssten Grünflächen in der Stadt erhalten oder sogar ausgebaut werden. "Es muss jetzt wirklich Gas gegeben werden beim Klimaschutz", sagt Hierneis. Dabei gebe es ja gute Ideen, die nicht viel kosten. Schanigärten statt Parkplätze fand er einen guten Ansatz: "So etwas erhöht für alle die Lebensqualität."

Heimische Ernte

Lebensmittel aus der Region, biologisch produziert, sind für Daniel Überall praktizierter Klimaschutz. Obst und Gemüse müssten nicht vom Discounter kommen, sondern könnten ebenso vom Bauern am Rande der Stadt geerntet werden. "Ich appelliere an die Stadt, dass wir neben der Energie- auch die Ernährungswende hinbekommen", sagt der Mitinitiator der Bewegung "München muss handeln", die vor der Kommunalwahl den Stadtrat aufgefordert hatte, die von Fridays for Future geforderten Maßnahmen zum Klimaschutz zu ergreifen.

Überall begrüßt es, dass aus dem Stadtrat heraus Initiativen entstanden sind, das Thema Ernährung und Klimawandel ernsthaft anzupacken. Leider würden viele Projekte nun wegen der angespannten Haushaltslage verschoben. "Aber jetzt ist wohl die letzte Legislaturperiode, in der man noch etwas drehen kann. Jetzt kann man noch gestalten, danach gibt es nur noch Schadensbegrenzung", sagt Daniel Überall, der die genossenschaftliche Gemeinschaft "Kartoffelkombinat" mitgegründet hat. Angesichts der vielen neuen und jungen Stadträte in München ist Überall zuversichtlich, dass München in den nächsten Jahren die richtigen Schritte in Sachen Klimaschutz gehen wird.

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SZ vom 19.12.2020/kafe
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