Süddeutsche Zeitung

Geothermie im Michaelibad:Bohrung auf der Liegewiese

  • Die Stadtwerke München (SWM) wollen im Südosten der Stadt ein neues Geothermie-Projekt starten, das 80 000 Münchner CO₂-frei mit Wärme versorgen soll.
  • Bei der Geothermie wird heißes Wasser aus dem Untergrund nach oben gepumpt.
  • Ein möglicher Standort ist die Liegewiese des Michaelibads, wie SWM-Sprecher Michael Solić bestätigt.
  • Im Südosten Münchens gibt es bereits vereinzelt Unruhe wegen möglicher neuer Einrichtungen zur Wärmegewinnung.

Es ist ein Szenario, das automatisch die Fantasie anspringen lässt: Ein knapp 60 Meter hoher Bohrturm, der sich 3000 Meter in die Tiefe frisst, um nach heißem Wasser zu suchen. Nur nicht wie zuletzt auf einem Gelände wie dem des Heizkraftwerks Süd, sondern diesmal auf einer Wiese, wo eigentlich im Sommer Kinder toben und Jugendliche abhängen, nämlich auf der Freibadfläche des Michaelibads in Berg am Laim. Ob dieses Szenario Wirklichkeit wird, ist noch offen. Aber es ist durchaus möglich. Die Stadtwerke München (SWM) wollen im Südosten der Stadt ein neues Geothermie-Projekt starten, das einmal 80 000 Münchnerinnen und Münchner CO₂-frei mit Wärme versorgen soll - ein möglicher Standort dafür ist das Michaelibad, wie SWM-Sprecher Michael Solić bestätigt.

Das Thema kam in der vergangenen Woche im Planungsausschuss des Stadtrats auf. Eigentlich ging es um eine Bebauung des bisherigen Park-and-Ride-Platzes an der U-Bahnstation Michaelibad. In ihrer Präsentation dazu sprach eine Mitarbeiterin des Planungsreferats aber auch darüber, dass die SWM im Michaelibad einen "Planungsbereich für Geothermie" sehen. Demnach haben die SWM eine "Geothermie-Bohrung, danach weitere Freibadnutzung mit kleinem unterirdischen Technikgebäude" vor. Das ließ einige Stadträte aufmerken, Brigitte Wolf (Linke) sagte voraus: "Konfliktlos wird der Standort nicht."

In der Tat gibt es im Südosten Münchens bereits vereinzelt Unruhe wegen möglicher neuer Einrichtungen zur Wärmegewinnung. So war im Gespräch, dass auf dem Parkplatz des Michaelibads ein Heizwerk entstehen könnte, wenn das mit Kohle befeuerte Heizkraftwerk Nord vom Netz hätte gehen müssen, wie es ein Bürgerentscheid gefordert hatte. Das ist inzwischen vom Tisch, weil die Bundesnetzagentur den Kraftwerksblock in Unterföhring als systemrelevant für die Stromversorgung in Deutschland eingestuft hat. Daraufhin beschloss der Stadtrat aber, dass die Stadtwerke die Kohle-Verfeuerung deutlich reduzieren müssen, um das Klima zu schonen.

Für die SWM sei das ein zusätzlicher Anreiz, im Südosten Geothermie nutzen zu wollen. Die Suche dafür laufe aber unabhängig vom Heizkraftwerk Nord, erklärt Sprecher Solić. "Wir verfolgen das Ziel, dass bis 2040 die Fernwärme CO₂-frei entsteht." Vereinfacht gesagt, wird bei der Geothermie heißes Wasser aus dem Untergrund nach oben gepumpt. Über Wärmetauscher wird die Energie dem Wasser entzogen und in das Fernwärmenetz eingespeist. Das nicht mehr benötigte abgekühlte Wasser wird zurück in die Erde geleitet.

Der SWM-Sprecher betont in Abweichung zum Planungsreferat, das Michaelibad sei kein geplanter, sondern ein "möglicher Standort". Bei der Suche seien "20 Standorte in engerer Betrachtung". Einer sei eben das Michaelibad. "Mögliche Auswirkungen auf den Badebetrieb, die eine Geothermie im Freibadbereich haben könnte, sind Teil der Untersuchung."

Sollte es das Michaelibad werden, würden die SWM "sich bemühen, die Beeinträchtigungen so gering wie möglich zu halten und dafür sorgen, dass noch ausreichend Platz zum Baden und Sonnen bliebe". Nach Ende der Untersuchung werde man die Gremien des Stadtbezirks und der Stadt München "über die Ergebnisse informieren" und "offen und transparent" kommunizieren. Das solle "innerhalb der nächsten Monate" geschehen, wie der Sprecher erklärt.

Die Nachfrage, ob der Standort Michaelibad Priorität habe, wie man nach der Präsentation im Stadtrat denken könnte, verneint der Stadtwerke-Sprecher: Es sei "noch keiner der untersuchten Orte favorisiert". Zu Dauer und Ausmaß von vorbereitenden Arbeiten - etwa dem Einsatz eines riesigen Bohrers - will er sich nicht äußern. Auch die Frage, wie viel am Ende zu sehen sein wird und ob es tatsächlich mit einem unterirdischen Technikgebäude getan sein könnte, kommentiert Solić im Gegensatz zur Standortsuche nicht. "Auf Basis der uns bekannten Daten" gehe man davon aus, dass eine Anlage in diesem Bereich der Stadt "eine ähnliche Leistung haben könnte wie die derzeit entstehende" am Heizkraftwerk Süd, die von Ende 2020 an 80 000 Münchnerinnen und Münchner versorgen soll. Es werde die "bisher leistungsfähigste und bislang größte Geothermieanlage Deutschlands", heißt es von den SWM, die derzeit zwei Anlagen im Stadtgebiet betreiben: in Riem und in Freiham.

Die Ausrichtung auf den südlichen Teil Münchens hängt mit den geologischen Gegebenheiten zusammen. Dort ist das Wasser im Untergrund heißer und damit besser geeignet, um Nutzwärme zu gewinnen. Deshalb gibt es bereits Geothermie-Anlagen im südlichen Landkreis München, etwa in Sauerlach und Dürrnhaar. Auch im Landkreis soll weiter ausgebaut werden. Ein weiterer Faktor, der aus Sicht der SWM für das südöstliche Stadtgebiet spricht, ist "die schon bestehende, sehr gute Netzsituation. Wir müssen dort nicht kilometerweise neue Fernwärmeleitungen verlegen", wie Sprecher Solić sagt.

Der Stadtrat hat Verwaltung und SWM kürzlich beauftragt, mit einer Studie zu untersuchen, was nötig ist, um München schon im Jahr 2035 und nicht wie bisher geplant 2040 CO₂-frei mit Wärme zu versorgen. "Die Ergebnisse dieser Studie werden auch Einfluss auf den weiteren Ausbau der Geothermienutzung in München haben", erklärt Solić. Es könnte also durchaus noch einiges an Geothermie dazu kommen in den nächsten Jahren.

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Quelle:
SZ vom 18.12.2019/fema
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