Süddeutsche Zeitung

Wassersport und Energiegewinnung:Die Isar ist für alle da

Seit Jahren streiten Sportler und Stadtwerke darüber, was wichtiger ist: Sport oder Strom. Ein unnötiger Konflikt.

Kommentar von Max Ferstl

Münchens Surfer waren voller Hoffnung. Im Juli 2014 kündigte Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) an, sich persönlich um ihre schwächelnde Welle an der Floßlände in Thalkirchen zu kümmern: Er sei "sehr dafür", dass dort gesurft werde. Große Hoffnung hatten die Sportler auch in den neuen Koalitionsvertrag gesetzt, der die Sportstätte an der Floßlände "auf Dauer sichern" will. Man konnte das als Bekenntnis zum Sport verstehen, als Anspruch, eine Sportstadt zu sein. Doch die Realität sah zuletzt anders aus: Im Sommer 2020 langweilen sich die Wildwasserfahrer auf einem trägen Kanal. Den Surfern bleibt nur eine Welle, die den Namen nicht verdient. Stattdessen fließt das Wasser durch ein Isar-Kraftwerk der Stadtwerke München. Der Wassersport - trockengelegt wie ein marodes Schiff.

Es ist deshalb richtig, dass der Oberbürgermeister den Sportlern jetzt das Wasser im Ländkanal aufdrehen will. Mehr noch: Ihre Trainingszeiten sollen sogar ausgeweitet werden, zunächst testweise, möglicherweise dauerhaft. Darauf haben insbesondere die Surfer seit Langem gedrängt. Für sie ist es ein guter Tag. Seit Jahren streiten Sportler und Stadtwerke darüber, was wichtiger ist: Sport oder Strom. Der Konflikt ist auch deshalb so kompliziert, weil beide Parteien berechtigte Anliegen haben. Natürlich ist es richtig, dass ein Energieversorger nachhaltigen Strom produziert. Ebenso richtig ist es, dass Sportlern verlässliche Trainingsmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Dass beides möglich ist, Sport und Strom, haben die vergangenen Jahre gezeigt. Da gab es einen Kompromiss, bei dem für einige Monate mehr Wasser durch den Ländkanal floss. Damit konnten die meisten leben.

Diese Einigung haben die Stadtwerke aufgekündigt. Sie haben das gesamte Wasser beansprucht - und damit den Geist des ursprünglichen Kompromisses ignoriert, wonach das Wasser schon auch für alle da sein sollte. Dabei gibt es für die Stadtwerke nicht viel zu gewinnen. Ob München eine grüne Stadt wird, entscheidet sich nicht an der Floßlände - dafür geht es um zu wenig Strom. Trotzdem waren sie nicht bereit, das Wasser freiwillig zu teilen. Dazu musste sie die Politik drängen. Diese sollte nun darauf achten, dass es auch dauerhaft im Ländkanal ankommt. Hoffnungen sind hier genug enttäuscht worden.

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Quelle:
SZ vom 25.06.2020
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