Süddeutsche Zeitung

Neuhausen:Neues Hostel öffnet für Gäste - Halb fertig, voll schön

Lesezeit: 3 min

Mit einem Jahr Verspätung hat das Haus am Winthirplatz die ersten Gäste empfangen - und ist aufgrund von Lieferproblemen, einer Pleite und eines Wasserschadens noch immer eine Baustelle.

Von Ellen Draxel

Die Jugendherberge München-City empfängt wieder Gäste, seit ein paar Wochen schon. Besucher betreten den Neubau durch den Bauch einer E-Gitarre - der gläserne, langgezogene Eingang ermöglicht es, die futuristisch anmutende Lobby mit Licht zu fluten. Fertig gebaut ist das Flaggschiff des Bayerischen Jugendherbergsverbandes am Winthirplatz in Neuhausen deshalb aber noch nicht.

Allein der Blick auf die Betonstufen der geschwungenen Freitreppe im Innern zeigt: Das Haus ist nach wie vor eine Baustelle. "Wir konnten mit rund einem Jahr Verspätung am 9. Juni die ersten Gäste begrüßen", sagt Verbandssprecher Marko Junghänel. "Allerdings nur im Neubau. Die Eröffnung des Altbaus ist nächsten Sommer geplant."

Grund für die Verzögerung ist wie bei vielen anderen Bauprojekten derzeit einerseits die Corona-Pandemie und dadurch bedingt Lieferschwierigkeiten bei Baumaterialien wie Holz. Andererseits musste die Firma, die für den Dachausbau zuständig war, Insolvenz anmelden - und weil die die Jugendherberge eine gemeinnützige Organisation ist, galt es, das Gewerk neu auszuschreiben.

Doch damit nicht genug: Vier Wochen vor der Eröffnung kam dann noch ein Wasserschaden im vierten Stock dazu, die Feuchtigkeit suchte sich ihren Weg durch das Gebäude bis nach unten. "Momentan sind deshalb nur 50 Prozent des Neubaus belegt", erklärt Herbergsleiter Peter Krausnick. In den von dem ausgelaufenen Wasser betroffenen Zimmern laufen die Trockengeräte, wie lange die Sanierung noch dauert, kann der 58-Jährige nicht sagen. "Das wäre Kaffeesatz-Leserei". Immerhin: Die 39 Zimmer mit einer Kapazität von rund 120 Betten, die derzeit zur Verfügung stehen, sind ausgebucht.

Eigentlich bietet der neue Anbau 304 Gästen eine Unterkunft. Darunter Zwei-, Vier- und Sechs-Bett-Zimmer für Familien und Gruppen wie Schulklassen, Chöre oder Sportvereine. Alle mit Dusche und WC. Plus die sogenannten Dorms, Schlafsäle mit zehn oder elf Betten, die meist von Backpackern gebucht werden. Vor der Pandemie machten diese Reisenden einen Großteil der Buchungen aus, inzwischen kommen jedoch nur noch vereinzelte Gäste mit großem Rucksack in der Innenstadt-Jugendherberge an.

Die Kosten steigen auf 37 Millionen Euro

Wegen des Wasserschadens gibt es keine Online-Buchungen. "Wir nutzen die Dorms deswegen jetzt für Schulklassen, belegen sie aber nur noch zur Hälfte", sagt Krausnick. "Unsere Maxime ist, es den Gästen so komfortabel zu machen - mit dem, was wir eben gerade anbieten können." Nicht alle Besucher reagieren gleich auf die momentane Situation. "Manche stört das Unfertige, andere nicht", weiß der Herbergsleiter.

Eine echte Wahl hatte das Jugendherbergswerk laut Junghänel ohnehin nicht, "schließlich müssen wir ja Geld verdienen, um die Kredite zu bedienen". Denn das Vorhaben, ursprünglich mit einer Investitionssumme von 31 Millionen Euro kalkuliert, wird wegen der Verzögerung und der Verteuerung des Baumaterials deutlich mehr kosten als vorgesehen. Laut dem Sprecher nach heutigem Stand 37 Millionen Euro.

Die Schwerpunkte, die das Junge-Leute-Quartier zwischen Hirschgarten und Rotkreuzplatz einmal ausmachen sollen, lassen sich aber heute schon erkennen. An den Wänden im Erdgeschoss hängen Bilder von Musikgrößen wie Freddie Mercury und Donna Summer neben scharfzüngigen Textern wie Gerhard Polt oder Franz Xaver Kroetz. Die Flure in den oberen Stockwerken zieren Liedzeilen.

Sound-Duschen sollen noch installiert werden

Und auch die zehn Tagungsräume sind nach Musikern benannt: nach Carl Orff, den Philharmonikern, Konstantin Wecker oder der Spider Murphy Gang. "Wir sind ein Haus, das sich die Förderung der Kultur auf die Fahnen geschrieben hat", sagt Krausnick. "Dafür haben wir extra eine Kulturpädagogin eingestellt." Angedacht sind Workshops, etwa, wie man einen Song kreiert, als DJ arbeitet oder Tänze einstudiert. Ein Tonstudio ist bereits im Entstehen, allerdings fehlt dort noch die Technik.

Ebenfalls im Werden ist ein Tanzsaal, samt Parkettboden, Spiegeln und Stangen. Und auch ein Schwarzlicht-Theater soll es künftig geben. Für Kinder- und Jugendgruppen wie Chöre beispielsweise, so der Herbergsleiter, sei die Jugendherberge daher der ideale Probenort. Zumal in dem Haus auch Klassiker wie ein Toberaum für die jüngsten Gäste und ein Raum mit Kicker, Tischtennis-Platte und Playstation für die Jugendlichen geplant sind. Beides im Altbau.

Junghänel verweist außerdem auf Sound-Duschen, die noch installiert werden sollen: Von der Decke hängende Lautsprecher in Nischen, die wie Lampen aussehen und akustische Informationen über Künstler liefern. "Die Inhalte sind fertig, die Geräte müssen nur noch montiert werden."

Was danach folgt? "Wir sammeln jetzt erst mal Erfahrungen, wo die Interessen liegen, danach richten wir unser Angebot aus", meint Peter Krausnick. Eines ist bei diesem Standort ohnehin kaum zu toppen: die Lage. Nahe am Olympiapark, am Hirschgarten, am Schloss Nymphenburg und bald auch noch unweit des neuen Naturkundemuseums Biotopia. Zwischen 35 und 55 Euro kostet eine Übernachtung mit Frühstück in der Jugendherberge München-City, je nach Zimmer. Bei Buchung der Halbpension kommen noch einmal 8,90 Euro dazu.

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